Unter einem Songwriter’s Songwriter versteht man einen Liedermacher, dessen Schaffen vom Publikum ignoriert, aber von den Kollegen verehrt wird. Im Falle von Ron Sexsmith heißen die Laudatoren Paul McCartney, Elvis Costello und Elton John; unter den Künstlern, die mit seinen Songs Erfolg hatten, findet man seine kanadischen Landsleute Michael Bublé und Leslie Feist, aber auch Rod Stewart und Emmylou Harris. Solche Fremdhits sorgen immerhin dafür, dass der Komponist nicht verhungert. Sie haben jedoch auch unerfreuliche Seiten.

Über Sexsmiths Version des mit Feist komponierten Cocktail-Lieds „Brandy Alexander“ schrieb zum Beispiel 2008 der Guardian, der Sänger covere ungelenk ein Feist-Stück und solle lieber bei Whisky bleiben. Sowas schmerzt nachhaltig. „Viele Leute denken, der Titel sei von Leslie Feist“, bemerkt daher Sexsmith am Sonntagabend im Neuköllner Heimathafen, bevor er „Secret Heart“ anstimmt. Um kurz darauf auch vorsichtshalber auf seine Mitarbeit an „Brandy Alexander“ hinzuweisen.

Solche hübschen, hochmelodischen und im Detail sehr elegant gearbeiteten Titel schüttelt Sexsmith scheinbar aus dem Ärmel, unermüdlich, auf mittlerweile 14 Alben, deren erstes offizielles, wie er mit ironischer Melancholie erklärt, in diesen Wochen 20. Geburtstag feiert. Daher streut er auf der Tour großzügig größte Nicht-Hits unter die ausgiebig vorgestellten Songs des im März erschienen „Carousel One“, das übrigens nach dem Förderband benannt ist, an dem man am Flughafen von Los Angeles das Gepäck aus Toronto abholt.

Cognac in der Kälte

Die neuen Songs fügen sich problemlos in sein Repertoire, obwohl sie etwas unbeschwerter klingen. Wenn auch nicht wirklich sonnig: Auf „St. Bernard“ fühlt er sich sogar so ganz allein und verlassen, dass er sich einen Bernhardiner erträumt, weil der ihn in der Kälte mit Cognac füttern könnte und „der einzige Hund ist, der ungefähr so aussieht wie ich“. Als er es singt, erkennt man tatsächlich Gemeinsamkeiten im wuschlig-topfigen Mop, unter dem etwas traurige Augen hervorschauen. Leicht pausbäckig erinnert Sexsmith mit seinen 51 Jahren jedoch mehr an einen pummligen Teenager. Das passt übrigens auch begrifflich zur Musik, die im wesentlichen auf einem zeitlosen, irgendwann zwischen Mitte der Sechziger bis Mitte der Siebziger ausformuliertem Songwriterpop mit Rock, Folk und Countryanklängen beruht. Aus diesen Zeiten stammen auch seine im Konzert gut erkennbaren Einflüsse, Leute wie Ray Davies, Harry Nilsson, Gordon Lightfoot.

Das bestuhlte Auditorium im Heimathafen ist gut besetzt, die kleine Bühne mit der schnörklig-nostalgischen Music-Hall-Aura gibt einen passenden Hintergrund für Sexsmith und sein treues Quartett. Mit seinem Drummer und Backingsänger Don Kerr spielt er immerhin seit 1987 zusammen, als er sich in den Clubs von Toronto als menschliche Jukebox einen Namen machte und Kassetten mit eigenen Songs aufnahm, bevor er 1991 ein erstes, schnell verschollenes Indiealbum einspielte. Das führte immerhin zu einem Major-Vertrag für eine Handvoll Alben, die jedoch an seiner chronischen Unterschätztheit so wenig änderten wie die Abwechslung, die er später durch opulentere Arrangements und poppigere Ausstattung oder Großproduzenten wie Bob Rock – dessen Ruhm im Ernst auf Alben mit Metallica und Mötley Crüe beruht – in die Songs brachte.

Ausgesprochen sympathisch

Dabei erkennt man auch im Konzert sein Werk nicht nur als durchweg klug, sondern in Höhepunkten wie dem neuen Song „Nothing Feels the Same“ sogar ganz ausgezeichnet gearbeitet; er wagt in Stücken wie „Getaway Car“ auch mal eine unerwartete Schräglage; und er klingt, weil er eine klare, helle und ausdrucksvolle Stimme hat, noch in Solo-Strecken mit Gitarre oder am Klavier mit einer abschließenden Acapella-Chorbegleitung seiner Mitmusiker immer sehr eingängig, aber tiefschichtig. Wenn er zwischendurch immer mal mit seiner Erfolglosigkeit und Unscheinbarkeit kokettiert, wirkt er dazu auch ausgesprochen sympathisch.

Auf anderthalbstündige Dauer bemerkt man jedoch auch, dass sich die Stücke zu selten über die kompositorische Raffinesse erheben, dass die Rockpop-Temperatur mal flotter, mal bedächtiger steigt, aber insgesamt seltsam lau bleibt – vom Publikum wird sie jedenfalls deutlich leidenschaftlicher empfunden, als auf der Bühne beheizt. Dann fällt einem auch auf, dass seiner kunstvollen Bittersüße der Abgrund wie auch die letzte Hingabe oder sonst ein Schritt übers Kunsthandwerk hinaus fehlt. Und sich die Verehrung für die Songs, aber nicht für den Performer Sexsmith vielleicht schlicht daraus erklärt, dass es ihm an Ausstrahlung mangelt.