Der Journalist und Mit-Enthüller des Weinstein-Skandals Ronan Farrow, Sohn von Woody Allen, 2017 in Berlin.  
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HamburgVergangenen Mittwoch protestierte der New Yorker Journalist und Mit-Enthüller des Weinstein-Skandals Ronan Farrow gegen das Erscheinen der Autobiografie seines Vaters Woody Allen in der gleichen Verlagsgruppe, Hachette, in der er selbst publiziert, und kündigte die Zusammenarbeit mit der Hachette Book Group auf. Zwei Tage später verweigerten Mitarbeiter von Hachette die Arbeit und solidarisierten sich mit allen Opfern sexueller Gewalt. Gegen Allen besteht seit 1992 der Verdacht, er habe seine damals siebenjährige Tochter Dylan Farrow sexuell missbraucht. Ein „hinreichender Verdacht“, wie der zuständige Staatsanwalt Frank S.  Maco seinerzeit befand. Aber um Dylan die unschönen Umstände eines Prozesses zu ersparen, erhob er keine Anklage. 

Am Sonnabend (alles deutscher Zeit) gab die Hachette-Sparte Grand Central Publishing die Rechte an Woody Allens Autobiografie "Apropos of Nothing" an den Autor zurück. Der Rowohlt-Verlag hielt zu dem Zeitpunkt an der Veröffentlichung der deutschen Übersetzung des Buches unter dem Titel „Ganz nebenbei“ fest. Die Vorwürfe gegen Woody Allen seien gerichtlich nie bestätigt worden, hieß es, man sehe keinen Anlass, das Buch zu unterdrücken.  Am Sonntag nun veröffentlichten 15 Rowohlt-Autorinnen und -Autoren einen Offenen Brief, in dem sie den Verlag auffordern von der Veröffentlichung Abstand zu nehmen.

Der Filmregisseur Woody Allen im Jahr 2019 in Mailand.
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Der Anlass: Auch Ronan Farrows Buch „Durchbruch. Der Weinstein-Skandal, Trump und die Folgen“ sei schließlich im vergangenen Jahr bei Rowohlt erschienen. Damit sei Rowohlt in der gleichen Situation wie die Hachette-Gruppe. Und was Woody Allen betrifft: „Das Buch eines Mannes, der sich nie überzeugend mit den Vorwürfen seiner Tochter auseinandergesetzt hat, und der öffentliche Auseinandersetzungen über sexuelle Gewalt als Hexenjagd heruntergespielt hat, sollte keinen Platz in einem Verlag haben, für den wir gerne und mit großem Engagement schreiben." Hinzu kommt der Verdacht der Briefschreiber, dass die Autobiografie vor ihrer Veröffentlichung bei Rowohlt ebensowenig  auf ihren Faktengehalt überprüft werden wird, wie es in der originalen Fassung bei Hachette geschehen wäre. 

Gegen das Weiterwurschteln 

Unterschrieben haben den Brief unter anderen Giulia Becker, Kirsten Fuchs, Sascha Lobo, Kathrin Passig, Till Raether und  Margarete Stokowski. Eine jüngere Generation, ihr Durchschnittsalter ist 38 Jahre. Eine Generation, die den heute 84-jährigen Filmregisseur eher als historische Figur und aus seinem schon etwas verminderten Spätwerk kennt. Eine Generation, für die etwaiges Genie ohnehin kein Argument mehr wäre und die weder väterliche noch sonstwie männliche und schon gar keine sexuelle Gewalt toleriert. Eine Generation, die Solidarität großschreibt und der es generell  mehr um das gute Zusammenleben als um das optimale Fortkommen geht. Vielleicht. Vielleicht auch keine Generation und jeder für sich ein Empörter gegen das Immer-so-Weiterwurschteln unter dem Schutz sogenannter großer Namen.    

Ich finde das prinzipiell richtig und wichtig. Aber im Fall Woody Allens gibt es so viele ungeklärte Fragen, dass ich das Buch doch gerne lesen würde. Dass ich gerne wissen würde, wie er über sein Leben schreibt und worüber er schweigt. Und es gibt einen Abwehrreflex in mir gegen den Satz, dass Allen sich nie "überzeugend mit den Vorwürfen seiner Tochter auseinandergesetzt" habe. Er hat die Vorwürfen immer von sich gewiesen. Er hat immer gesagt, dass sie nicht zutreffen.  Was wäre unter dieser Vorgabe eine überzeugende Auseinandersetzung? Da liegt eine Selbstgerechtigkeit in diesem Brief. Eine weltpolizeiliche Regung. 

Im Sinne des Pluralismus

Mag sein, dass Staatsanwalt Maco aus Connecticut es heute bereut, damals keine Anklage erhoben zu haben. Dass es tatsächlich, wenn auch aus bester Absicht heraus, ein Fehler war. Aber dass Allen nicht der Prozess gemacht wurde, bleibt ein Fakt, und er ist demnach als unschuldig anzusehen. Wer das infrage stellt, stellt das herrschende Demokratieverständnis infrage. Auch die Koexistenz der deutschen Fassungen der kontrahierenden Bücher von Ronan Farrow und Woody Allen in einem Verlag, stellt für mich im Sinne des Pluralismus keine Geschmacklosigkeit dar. Die Hachette-Gruppe ist in einer anderen Lage, bei Orginalausgaben gibt es ein persönliches Autorenverhältnis, das des Schutzes bedarf. Rowohlt aber bringt Übersetzungen heraus.     

Vielleicht liegt der Schlüssel im Hinweis auf den Faktencheck. Vielleicht sollte sich ein Verlag wie Rowohlt einen solchen in diesem Fall leisten. Oder zumindest einen Kommentar  zu den strittigen Punkten, der jeder Ausgabe des Allen-Buches huckepack gegeben werden könnte. Bis zum geplanten Erscheinungstermin am 7. April ließe sich das nicht bewerkstelligen. Aber es wäre ein Versuch, damit umzugehen, dass Meinungsfreiheit auch dann ein Gut ist, wenn das Gesagte andere schmerzt, ohne das Recht auf körperliche Unversehrtheit, dessen geradezu notorische Verletzung die MeToo-Bewegung gerade so mutig anprangert, preiszugeben.