Szene aus dem Film Über die Unendlichkeit.


Foto: KMBO

Es ist schon September, murmelt die Frau, als sie mit ihrem Mann auf die Stadt blickt. Auf die graustichigen Bilder Roy Anderssons hätte das auch im März gepasst, als der Film erstmals starten sollte. Dann kam Corona, und jetzt, da es wirklich September ist, passt es eben noch ein bisschen mehr. Was könnte diesen Herbst des Missvergnügens überhaupt besser illustrieren als ein Werk des großen Schweden?

„Über die Unendlichkeit“ heißt sein jüngstes Episodenpastiche, aber als das beherrschende Gefühl erscheint eher die Vergeblichkeit. Ein Pfarrer hat seinen Glauben verloren und sucht bei einem Psychiater um Rat, den er nicht bekommt. Ein trauriges Paar begrünt das Grab seines Sohnes. „Wir machen es hier schön für dich, Tommy.“ In einem Bus, in dem die Menschen dichtgedrängt sitzen wie in einer Sardinenbüchse, drum herum unendliche Leere, beginnt ein Mann zu weinen. Das müsse jeder mal, meint ein anderer indigniert, aber das könne man auch zuhause tun. Der Bus fährt nie ab, die Szene hört einfach auf wie alle anderen mit der dunklen Ahnung, dass er dort noch immer steht, was dann doch den Titel erklärt: Die menschliche Existenz ist kurz, das Leid prinzipiell unendlich.

Anderssons Komik der Verlorenheit ist schwer zu beschreiben, aber sie beruht auf einem strengen Konzept. Als Werbefilmer hat er einst begonnen, der Hang zum Kurzfilm lässt sich vielleicht so erklären. Man findet die Filme im Internet und kann es nicht glauben, dass so etwas im Fernsehen lief. Die meisten Spots wurden für eine Versicherung gedreht und zeigen haarsträubende Unglücksfälle. Besser gut versichert! Mit dem so verdienten Geld konnte Andersson ein unabhängiges Studio gründen und Mitarbeiter anstellen, mit deren Hilfe er diese professionelle Auseinandersetzung mit Leben und Tod allmählich auf Spielfilmlänge brachte. Hier entstanden alle seine teils hochdekorierten Filme wie „Songs from the Second Floor“ oder zuletzt „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“, hier verpasst er seinen Darstellern und Kulissen die immer gleiche, jedes Mal von neuem bezaubernde Anmutung von Trostlosigkeit: weiß gekalkte Gesichter, graue Fassaden, fahles Licht. Der 76-Jährige sieht seine Trompe-l’œils als Versuche, der bildenden Kunst gleichzukommen, und bezieht sich dabei auf Edward Hopper oder die Neue Sachlichkeit von Otto Dix. Zu bescheiden, er ist schlicht einzigartig.

„Über die Unendlichkeit“, in Venedig mit dem Silbernen Löwen für die beste Regie ausgezeichnet, unterscheidet sich nicht wesentlich von den brillanten Vorgängern. Es wäre auch widersinnig. Ein wenig versöhnlicher erscheinen die Episoden im Zusammenschnitt, mit einem etwas wärmeren, menschlicheren Blick begegnet der Filmemacher dem Unausweichlichen. Traumgleich schwebt einmal ein Hochzeitspaar über dem zerstörten Köln, in Anlehnung an Chagall. Mit scharfen Pointen gegen Kolonialismus und Nazi-Vergangenheit dagegen wird diesmal gespart. Selbst der besiegte Hitler winkt nur müde ab, als ihm seine Lakaien ihr „Sieg Heil!“ entgegenschmettern. Manchmal entfallen die Pointen ganz.

Manche Szenen werden überdies von einer weiblichen Feenstimme – man hat den Eindruck einer Gottesperspektive – eingeleitet, einige sind auch miteinander verbunden. So sehen wir den verzweifelten Pfarrer, wie er sich vor dem Abendmahl mit Messwein betrinkt. In einem Alptraum wird er mit einem Kreuz auf dem Rücken von einer erbarmungslosen Menge durch die Stadt geprügelt. Damit kann sich jeder identifizieren, aber das existenzielle Drama des modernen Menschen findet sich vielleicht noch mehr in jenem Zahnarztpatienten, der die Schmerzen gleichermaßen fürchtet wie die Betäubung. Oder ist es jener Mann, der von einem erfolgreichen Freund zum wiederholten Male nicht erkannt wird? Andersson betrachtet sich übrigens nicht als Pessimisten. Und in der Tat, das sieht man hier, leugnet die Vergeblichkeit nicht den Sinn. „Es ist alles ganz fantastisch“, ruft ein Gast im Lokal, und verteidigt seine Aussage noch, als ihm jeder widerspricht. Er hat gewiss recht. Man muss lediglich damit klarkommen, dass der Psychiater jedes Mal schließt, wenn man ihn braucht.

Über die Unendlichkeit  Schweden/Deutschland/Norwegen 2019. Buch und Regie: Roy Andersson, Darsteller: Jessica Lothander, Martin Serner, Tatjana Delaunay, Anders Hellström u.a.; 76 Min., Farbe. FSK ab 12.