Als RTL die Programmentscheidung bekannt gab, am Tag der Deutschen Einheit „Helden“ zu senden, verschob Sat. 1 die Ausstrahlung der Gala zum Deutschen Fernsehpreis. Aber die dem Ausweichen zugrunde liegende Interpretation, bei dem RTL-Film handele es sich um Konkurrenzprogrammierung zur gemeinsam veranstalteten, jährlichen TV- Leistungsschau, war voreilig.

„Die Helden“ ist ein so banales, überlanges und phasenweise unfreiwillig komisches Filmchen, dass man eher vermuten möchte, RTL wollte die teuer produzierten 140 Minuten Banalität im Schatten des Fernsehpreises klammheimlich wegsenden. Dagegen freilich spricht die opulente Werbekampagne, mit der RTL den Katastrophenfilm, der selbst eine Katastrophe ist, beworben hat. Ist man in Köln vielleicht doch sogar ein wenig stolz auf das Untergangsszenario?

Die Geschichte ist rasch erzählt, auch wenn sie dann in der Ausstrahlung lange zwei Stunden dauern wird: Ein Wissenschaftler (Heiko Deutschmann) will Gott spielen, die anderen hindern ihn nicht daran. So zischt und kracht es bald im Teilchenbeschleuniger – und schwupp ist das schwarze Loch entstanden, das Europa in zwei Teile zerlegt. Die Bevölkerung wird vom Kanzler (Heiner Lauterbach) aufgefordert, sich nun irgendwie durchzuschlagen, dabei aber bitte das Wir-Gefühl nicht zu vergessen.

Action-Spannung und kitschige Rührung

Die Verhaltensmuster von jenen Helden, die dann programmgemäß die Welt retten, werden wie immer in Stereotypen dargestellt: Einer (Hannes Jaenicke) sucht auf eigene Faust seine verschüttete Tochter, ein anderer muss dringend operiert werden. Ein weiterer (Armin Rohde) hat erst den Kopf in den Sand gesteckt, dann eine rettende Idee. Eine Krankenschwester in den besten Jahren (Christine Neubauer) lernt operieren, ein nerviges Gör, Verantwortung zu übernehmen.

Schon früh ist klar, dass die Gurkenpflücker aus dem Osten mit ihren aufreizenden Hotpants Brandenburg verlassen werden, sobald es brenzlig wird. Die unschuldigen Kinder, die „aus Versehen“ in das Reaktorzentrum geraten sind, müssen die Katastrophe dagegen überleben, der ruhmsüchtige Wissenschaftler natürlich nicht. Alles andere wäre auch unfair, oder? Tatsächlich ist es ja schon gelegentlich gelungen, inmitten von dekorierten Fernsehtrümmern so etwas wie ein erhabenes Gefühl zu erzeugen.

Der abrupte Wechsel von Action-Spannung und kitschiger Rührung ist stilbildend für das Genre. Gerade in den letzten Jahren wurde Deutschland auf diese Weise schon so manches Mal in Schutt und Asche gelegt: Durch den Ausbruch eines „Vulkans“, durch eine „Sturmflut“ oder ein „Inferno“. Nun sollte nach dem Willen von RTL alles noch fetter, noch teurer, noch beeindruckender sein als je gesehen. Die Firma Dreamtool hat keine Kosten, aber vielleicht doch ein paar notwendige Mühen gescheut: Acht Millionen Euro kostete die kindische Sause, also so viel wie rund sechs normale Fernsehspiele. Offenbar rechnen die Finanziers mit einer entsprechenden internationalen Verkäuflichkeit innerhalb der eigenen Sender-Gruppe. Im Ausland kennt man dann auch wenigstens die deutschen Schauspieler nicht und muss sich also nicht wundern, warum diesmal alle – von Christiane Paul bis Jürgen Schornagel – so weit unter ihren Möglichkeiten geblieben sind.

Präzise, aber ohne inneren Zusammenhalt

„Helden – Wenn dein Land dich braucht“ zeigt vor allem, wie man komplett haftungsfreies Fernsehen macht, das zwar packend daher - kommt, dann aber überhaupt keine emotionalen Erinnerungsinseln hinterlässt. Yvonne Catterfeld rauscht im Tunnel des Teilchenbeschleunigers für immer davon? Tja, denkt man bestenfalls. Und ahnt schon, dass dieses Opfer halt gebracht werden musste, damit die junge, trotzige, nichtsnutzige Frau, die man vorher nur nervig fand, jetzt zu einer verantwortungsvollen Heldin werden kann. Die Mechanik von Glück und Unglück ist von Derek Meister und Simon X. Rost simpel gestrickt, dass sie keine Gefühle hervorzaubern kann – weder beim Publikum noch bei den Schauspielern, die deshalb ihre Drehbuchsätze abliefern wie die Stimme im GPS: Präzise, aber ohne inneren Zusammenhalt.

RTL hat sich von einem regulären Fernsehfilm-Sendeplatz bereits vor Jahren verabschiedet. Zu gut liefen die „Restauranttester“- und „Schuldenberater“-Shows, als dass es sich wirtschaftlich gelohnt hätte, die üblichen 1,3 Millionen Euro in 90 Minuten Nettosendezeit zu stecken. Der Sparplan, einfach mal aus dem Nichts statt eines kleinen, dann gleich einen ganz großen Film zu entwickeln, hat aber doch sichtbar mehr gekostet als gebracht.

Ohne die feste Redaktion geht das Knowhow verloren, ohne einen festen Sendeplatz die Seherfahrung des Stammpublikums. Und das viele Geld, dass RTL in die „Helden“ gepumpt hat, ersetzt eben doch weder Drehbucharbeit noch Besetzungserfahrung. Ach ja: Die Regie dieser an den Fäden der Visual Effects herbeigezogenen Inszenierung hatte übrigens Hansjörg Thurn. Auch der war schon besser.

Helden – Wenn dein Land dich braucht am 3..Oktober, 20.15 Uhr auf RTL