Köln - Die Botschaft hat ja was! Da will einer offenbar unbedingt arbeiten, egal was und egal wo. Keinen Monat ist es her, dass Thomas Gottschalk seinen Job im Ersten aufgeben musste. Und schon hat er sich einen Anschlussvertrag organisiert: Als zweite Geige bei Dieter Bohlens „Supertalent“. Jeder Arbeitsvermittler im Jobcenter würde sich wohl über so viel Eigeninitiative und Bescheidenheit freuen.

Auch sein Ex-Chef, ARD-Programmdirektor Volker Herres, wird ein Stein vom Herzen gefallen sein. Sein vages Versprechen, für den gefeuerten Mitarbeiter irgendwo in der Firma einen anderes Wirkungsfeld zu suchen, ist damit ja hinfällig geworden. Es habe zwar die Verabredung gegeben, „über gemeinsame Projekte nachzudenken“, kommentierte Herres gestern Gottschalks Wechsel. Aber: „Nun steht für Thomas Gottschalk erst einmal sein Engagement bei RTL im Vordergrund“. Höflicher kann man kaum sagen: Wir sind gottfroh, dass wir nicht weiter etwas für diesen schwer vermittelbaren Mann suchen müssen.

Ganz schöner Aufwand

Denn Gottschalks Arbeitsbereich, die Showunterhaltung, lebt von einer Illusion: Leicht soll alles auf dem Schirm aussehen, obwohl doch die Fernsehleute im Hintergrund einen ganz schönen Aufwand betreiben. Locker soll der Moderator rüberkommen, obwohl er insgeheim weiß, dass er schon über ein falsches Wort stolpern kann. Und vor allem: Wie Freizeit muss es aussehen, ganz so, als täte der Gastgeber dies alles aus reinem Vergnügen!

Es gibt wenige, denen das Publikum dieses uneigennützige Handeln auf Dauer abnimmt. Dieter Bohlen konnte lange glauben machen, dass er als passionierter Produzent bei DSDS Gesangstalente finden will. Günther Jauch pflegt die Aura des pensionierten Oberstudienrates, der aus purer Lust am Besserwissen die Kandidaten von „Wer wird Millionär“ testet. Wenn die Zuschauer aber erst einmal darüber nachzudenken beginnen, was einer wie Bohlen, Jauch oder Gottschalk für so einen Auftritt eigentlich verdient, wird es eng. Thomas Gottschalk musste sich zuletzt sogar die Frage gefallen lassen, ob er sein Geld überhaupt wert sei.

Der Wechsel zu RTL ist sein Versuch, diese Frage vergessen zu machen. Sein Scheitern im Ersten hatte er zuletzt mit fehlenden Bühnenquadratmetern begründet. Jetzt sagte er: „Ich habe gemerkt, dass das Publikum mich auf der großen Showbühne sehen will – und genau die hat mir RTL angeboten. ‚Das Supertalent‘ ist derzeit die erfolgreichste Showreihe im deutschen Fernsehen.“

Um wieder sein Bad in der (Quoten)-Menge nehmen zu können, wird Gottschalk etliches auf sich nehmen. Er wird nicht mehr der Frontmann sein, sondern der Sidekick. Er wird nicht mehr das Tempo seiner Show bestimmen können, sondern Teil einer Inszenierung sein, die auf Dieter Bohlen zugeschnitten ist. Es ist also das „Comeback um jeden Preis“, das nicht glücken kann. Denn die Sucht nach dem großen Auftritt vergiftet die Aura der leichten Unterhaltung mit dem Mief von Gier und Versagensangst.

Auch für Bohlen ist die neue Zusammenarbeit mit Thomas Gottschalk denkbar heikel. Jahrelang sind die beiden mit ihren Shows gegeneinander angetreten. Der Wettstreit um die Spitzenquote ist auch als Kräftemessen der Systeme wahrgenommen worden. Nun also sollen die beiden Titanen Seit’ an Seit’ ihre jeweiligen Stärken ausspielen? Gottschalk, dem jeder Tabubruch ein Graus ist, und Bohlen, den Harmlosigkeiten langweilen?

Schwere Kost

Theoretisch könnten sie sich gegenseitig befruchten, aber wahrscheinlicher ist das Gegenteil: Wo ein Fernsehgott allein keine mehr Wunder bewirkt, werden sich wohl künftig zwei Halbgötter an ihrer Furcht vor Bedeutungsverlust abarbeiten. Das ist dann eher schwere Kost als leichte Unterhaltung.