Das rotnasige Rentier namens Rudolph: Eine erbauliche Geschichte mit ernstem Hintergrund. 
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BerlinZur ach so besinnlichen Weihnachtszeit begibt es sich nun, dass wir uns reichlich beschenken sollen. Der unvermeidliche Kommerz verwandelt das Frohe Fest in eine schnöde, kühl kalkulierte Verkaufsveranstaltung.

Umso erstaunlicher ist deshalb, dass einige der verkaufsfördernden Maßnahmen – man denke an den Coca-Cola-roten Weihnachtsmann – ihren profanen Entstehungskontext halbwegs vergessen machen und zu einem allseits beliebten, beinahe eigenständigen Kulturgut werden konnten. Rudolph, das rotnasige Rentier, ist eine dieser ursprünglich verkaufsfördernden, nunmehr herzerwärmenden Maßnahmen.

Erstauftritt in einem Mal- und Bilderbuch

Eine gezeichnete Figur, ein seelenvolles Wesen: Es taucht erstmals 1939 zu Weihnachten auf, und zwar in einem Mal- und Bilderbuch, herausgegeben von der Chicagoer Kaufhauskette Montgomery Ward und vorgesehen als Anzeigen-Kampagne. Das Buch verkaufte sich gleich im ersten Jahr knapp zweieinhalb Millionen Mal und half damit, als Werbeträger und Kinderfänger das Geschäft mit der Besinnlichkeit ordentlich auf Trab zu halten.

Der Werbetexter des Kaufhauses, Robert Lewis May (1905–1976), hatte sich die durchaus gehaltvolle, in Gedichtform verfasste Geschichte ausgedacht. Sie handelt davon, wie Rudolph wegen seiner rotleuchtenden Nase erst von den anderen, normalnasigen Rentieren gehänselt wird, dann aber zum Retter für den Weihnachtsmann und seinen fliegenden Rentierschlitten wird: Weil es an Weihnachten sehr neblig wird – so wie des Winters auch über dem Chicagoer Lake Michigan – und deswegen die Auslieferung der Geschenke unmöglich ist, kann Rudolphs Nase dem Weihnachtstross wie mit einem Nebelscheinwerfer doch noch den sicheren Weg weisen.  

Ernster Hintergrund

Die Bescherung findet also statt. Weihnachten ist gerettet. Rudolph sei Dank! Das ist von umsatzsteigender Erbaulichkeit, keine Frage, aber eben auch die Ehrenrettung für einen Außenseiter. Und es ist noch mehr: Robert Lewis May wollte mit der Rentier-Geschichte lange vor der Veröffentlichung seine damals vierjährige Tochter Barbara aufheitern.

Dazu hatte er allen Grund: Er selbst war depressiv und seine Frau Evelyn lag krebskrank im Bett – sie starb im Juni 1939. Die Geschichte von „Rudolph the Red-Nosed Reindeer“ können wir insofern auch als Überlebenshilfe für einen schwer leidgeprüften, trostsuchenden Mann verstehen.  Zehn Jahre später machte der Sänger Gene Autry mit dem gleichnamigen, trutschig-schönen Song das Rentier aus Chicago weltberühmt. Rudolph, ein Retter und Tröster!