War 2011 ein besonders mörderisches Jahr? Tödlich der Tsunami in Japan und die dadurch ausgelöste Katastrophe in Fukushima – die malmende Zerstörung des Vertrauten korrodiert seelische Sicherheit nachhaltig. Die jüngste Inflation der Diagnose Burn-out leuchtet auch in diesem Zusammenhang ein.

Noch existenziell bedrohlicher aber wirken die Gewaltattentate: das Attentat des norwegischen Massenmörders Breivik im Sommer, zuletzt der Amoklauf in Lüttich. Die Ermordung Osama bin Ladens im Mai bildete seinerseits den Hintergrund zum zehnten Jahrestag der verheerenden Übergriffe auf das World Trade Center.

Gemeinsam ist all diesen das Trauma der Schutzlosigkeit: Es wirkt immer dann besonders zerstörerisch, wenn die Traumatisierung nicht durch eine Naturkatastrophe, sondern durch Menschenhand verursacht wird. Und anders als bei Naturkatastrophen, welche die Auseinandersetzung mit Ohnmacht und Demut herausfordern, eröffnen menschengemachte Traumata ethisch-moralische Fragen, so etwa anlässlich der Anschläge auf das World Trade Center: Als Sinnbilder von Potenz und Selbstbehauptung glichen die einstürzenden Türme hilflos umfallenden Bauklötzchen.

Für George Bush konnte es nur eine logische Antwort geben: „Auge um Auge, Zahn um Zahn!“ Ihr Gestus wirkt biblisch-monumental, aber die Schlussfolgerung ist alltäggegenwärtig: Rache!

Schadenfreude und Vergeltung

Rachewünsche sind Aggression in Reinform und greifen als solche das ethische Selbstverständnis der Moderne an. Im Gewand von Schadenfreude und Vergeltung kehren sie seit den Dramenmotiven der Antike stetig wieder und verweisen auf die Dringlichkeit des Dilemmas.

Die griechische Mythologie fand eine aufregende Symbolsprache dafür: Hier walten die Erinnyen, Rachegöttinen als Personifizierungen der Verfluchung und des Racheanspruchs Ermordeter. Sie wirken zusammen mit Dike, der Göttin der Gerechtigkeit und Poena, der Göttin der Strafe.

Es war Aischylos, der auf ihren kulturfördernden Aspekt hingewiesen hat: Er nannte sie Eumeniden, wohlmeinende Schutzgöttinnen der sittlichen Ordnung. Damit zeigt sich das Doppelgesicht rachedürstender Gerechtigkeit: Die seelische und moralische Verarbeitung von Verbrechen geht offenbar immer mit dem Wunsch nach vergeltender Bestrafung einher. Die Wiederherstellung moralischer Ordnung birgt nach diesem Prinzip den Keim sozialer Ordnung. Oder zerstört sie ihn letztlich doch?

Das zentrale Paradoxon des Rächens ist ein ewiges und unauflösliches: Denn bleibt man seiner Logik verhaftet, droht das Szenario endlos eskalierender Gewalt. Cicero machte im römischen Senat gleichsam kurzen Prozess: „Alle Erinnerung an die Zwie-trächtigkeiten sei durch ewiges Vergessen zu tilgen“ ordnete er an. Mit diesem Aufruf zur kollektiven Amnesie hoffte er nach der Ermordung seines politischen Widersachers Julius Cäsar den römischen Senat nachhaltig zu befrieden.

Zunächst anerkannt und erfolgreich, erwies sich Ciceros Ruf nach ewigem Vergessen jedoch – für Psychologen wenig überraschend – als allzu flüchtige Botschaft. Schon gut ein Jahr später wurde er selbst auf Anordnung seiner politischen Widersacher ermordet und bestialisch verstümmelt durch die Straßen Roms geschleift. Wenn also das Vergessen per Dekret nicht gelingt, bedeutet dies, dass wir zur wiederkehrenden Rache verdammt sind?

Kollektive Bekenntnis

Die norwegische Gesellschaft hat auf diese Frage ein eindrückliches Gegenmodell vorgelebt: Die Antwort auf die brutalen Attentate in Oslos und Utoya war ein entschlossenes Bekenntnis zu ethischen Grundwerten. Es war beeindruckend mitzuerleben, wie gerade dieses kollektive Bekenntnis einen Indentifikationssog schuf, der aus der Hassspirale zu erlösen schien. Lassen sich Hass und Racheimpulse also weniger durch Vergessen, als vielmehr mittels kollektiver Kulturarbeit auflösen?

Derzeit finden sich auf das Rachedilemma sehr gegensätzliche kulturelle Antworten: Einerseits wird – etwa auch mittels Wahrheitskommissionen nach politischen Traumata – eine friedliche Lösung von Gewaltkonflikten propagiert. Die immanente Logik ist hierbei die Prävention weiterer Gewalt im Sinne eines „Nie wieder!“.

Das Gegenstück dazu liegt in den kriegerischen Inszenierungen von Angriff und blutrünstigem Kampf – und in den symbolträchtigen Ermordungen verhasster Feinde. Diese gesellschaftlichen Antworten existieren parallel, auch wenn die kollektive Kulturarbeit ethisch fraglos lohnenswerter scheint. Denn die Spielarten politischer Kultur und künstlerischer Auseinandersetzung haben eine ungemein verdauungsfördernde Funktion für Vergeltungswünsche aller Art.

„Wer den Raum der Kunst benutzen kann, wird so leicht kein Terrorist“, so Christoph Schlingensief. Nur eines gilt es dabei zu verabschieden: Die Vorstellung, emotionale Altlasten schwerer Gewalterfahrungen oder Konflikte ließen sich sauber und rückstandslos aus der Welt schaffen. Gleich radioaktiver Strahlung ist die Halbwertzeit der Erinnerung bei schweren Verbrechen enorm lang. Auch diesem Aspekt trägt die griechische Mythologie eindrucksvoll Rechnung. Denn unter den Eumeniden, den wohlmeinenden Schutzgöttinnen der sittlichen Ordnung, ist eine mit einem eindringlichen Namen: Alekto, die Unaufhörliche. Das Trauma der Schutzlosigkeit lässt sich nicht so leicht abschütteln.