Macht auch Sitz und geht an der Leine: Ein Wolf mit Forscher Kurt Kotrschal im Wolfsforschungszentrum bei Wien, wo die Arbeit schon erstaunliche Parallelen im Verhalten von Wolf und Hund zutage gefördert hat. Szene aus „Die Rückkehr der Wölfe“,
Foto: Mythenfilm/Thomas Horat

BerlinMeldungen aus dem Monat September: In Mecklenburg-Vorpommern lagen tote Schafe auf der Weide – war es ein Wolf? In einer Brandenburger Gemeinde wurde ein Lamm gerissen: Wolf oder Hund? Der Wolfsrüde, der in Niedersachsen zum Abschuss freigegeben ist, konnte noch nicht erlegt werden. Im Kreis Mittelsachsen häufen sich Hinweise auf einen umherstreifenden Wolf.

Schon ein flüchtiger Blick auf die Schlagzeilen, die Wölfe in Deutschland in den vergangenen Wochen gemacht haben, zeigt, dass das Zusammenleben mit dem Raubtier über 20 Jahre nach seiner Rückkehr mehr denn je eine Herausforderung ist. Wenn der Wolf zum Thema wird, dann meist als Bedrohung. Die Lager haben sich verfestigt: Da sind die, die finden, dass er ein Recht darauf hat, hier zu leben. Und die, die finden, dass er vor 150 Jahren zu Recht ausgerottet wurde, tötet er doch Nutztiere und, so die (unbegründete) Angst, womöglich auch Menschen. Unversöhnliche Meinungen, wo Differenzierung not täte.

Schon deswegen ist der Film „Rückkehr der Wölfe“ sehenswert. Regisseur Thomas Horat will den Wolf in seiner Komplexität zeigen. Man könnte auch sagen: einfach als das, was er ist. Ein Tier am oberen Ende der Nahrungskette, das, um zu überleben, andere Tiere töten muss. Das aber zugleich ein ausgeprägtes Sozialleben hat. Der Wolf lebt in einem Familienverbund, ein Rudel besteht aus dem Elternpaar und dem Nachwuchs der vergangenen ein, zwei Jahre. Innerhalb dieser Familie sind die Bindungen eng, zwischen zwei Rudeln kann die Aggression groß werden. „Ein Wir-und-die-anderen-System“, so nennt es der Wolfsforscher Kurt Kotrschal. Er glaubt, der jahrhundertelange Hass auf den Wolf habe auch damit zu tun, dass er dem Menschen so ähnlich ist.

Thomas Horat war auf Reisen für seinen Film: Er besuchte Kotrschals Wolfsforschungszentrum bei Wien, wo Gemeinsamkeiten im Verhalten von Wölfen und ihren Nachkommen, den Hunden, erforscht werden. Er war auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz in der Lausitz unterwegs, auf dem sich ein Wolfsrudel angesiedelt hat. In der Schweiz und in Österreich hat er Schäfer getroffen, die ihre Tiere mit Herdenschutzhunden und Zäunen zu schützen versuchen. Er war in Bulgarien und Polen, wo der Wolf nie verschwunden war und die Nutztierhalter ihm oft mit Gleichmut begegnen. In Minnesota in den USA besuchte er David Mech, den renommiertesten Wolfsforscher der Welt, über 80 Jahre alt.

Ein Wolf in der Lausitz.
Foto: Mythenfilm

Der subtile Film, der auch ungewöhnliche Wolfs-Aufnahmen zeigt, ist fraglos ein Plädoyer für den Wolf. Doch die Argumentation, die aus den Aussagen der Protagonisten nach und nach entsteht, ist vielschichtig, und sie weist über das konkrete Tier hinaus. So wird der Film beiläufig auch zu einer Reflexion über die prominente Stellung, die sich der Mensch selbst zugewiesen hat und von der aus er den Planeten, seine Ressourcen und Bewohner jahrhundertelang nur unter dem Gesichtspunkt der Nützlichkeit für die eigene Spezies betrachtete. Es wird kompliziert bleiben mit Mensch und Wolf, das weiß niemand besser als David Mech, der den Tieren sein Forscherleben gewidmet hat. Er plädiert für ein Wolfsmanagement, bei dem auch Abschüsse möglich sind – „zum Wohl des Wolfs“. Besser ein paar tote Wölfe als ein Hass, der schon einmal fast die ganze Art ausgelöscht hat.