Der Entertainer Helge Schneider (Archivbild).
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BerlinOb die Fans am 6. September bei seinem „Back to Live“-Konzert in der Berliner Waldbühne die Lieder von seinem neuen Album „Mama“, das erst zehn Tage vorher herauskommen wird, schon textsicher mitsingen können? Helge Schneider ist sich sicher: „Das kann ja noch nicht mal ich! Die Fans können das besser als ich.“ Seine Begründung: „Ich habe immer so viel zu tun, muss Auto fahren, den Kindern bei den Schularbeiten helfen und so. Ich setze mich natürlich nicht hin und lerne meine eigenen Texte, die mir oft auch spontan eingefallen sind, auswendig.“ Aber versuchen will er es mal: „Ich habe die Texte jetzt von meiner Schallplatte rausgeschrieben, habe die immer dabei, lege die auf die Orgel. Und ab und zu fällt mein Auge darauf.“

Die Schallplatte ist eine reine Corona-Produktion: „Ich musste meine Konzertreise abbrechen, bin nach Hause gefahren und habe erst mal wochenlang aufgeräumt. Was eigentlich ganz gut war. Dann habe ich gedacht: Das dauert sicher noch ein bisschen länger und habe eine Schallplatte aufgenommen.“

In diesem Zusammenhang war es ganz praktisch, dass Schneider viele Instrumente spielt und die Studiotechnik selbst bedienen kann: „Ich das habe das coronafest alles allein gemacht, damit keiner in meine Nähe kommt. Mikrofone aufgebaut, alle Instrumente gespielt, aufgenommen, gemischt.“ Und weil nicht mal Kinder in die Schule gefahren werden mussten, flutschte es ohne Unterbrechungen durch die kleinen Pflichten des Alltags: „Ich bin morgens immer um 7 Uhr aufgestanden, habe mich hingesetzt und zwei oder drei Texte geschrieben. Und dann hatte ich den ganzen Tag dafür, die zu vertonen. Das hat ganz gut funktioniert. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht.“

Irgendwann drängte es ihn raus, zurück vor sein Publikum: „Ich habe die Möglichkeit gesehen, wenigstens open-air unter Corona-Bedingungen mit wenig Publikum aufzutreten. Und das mache ich jetzt. Bis Ende September, bis es zu kalt wird.“ In der Berliner Waldbühne spielen vor ihm ebenfalls unter dem Motto „Back to Live“ Roland Kaiser und Sido (beide ausverkauft), auf Schneider folgen Wincent Weiss und eine Schlagernacht. Der Sänger aus Mülheim an der Ruhr gönnt den Kollegen die Auftrittsmöglichkeiten: „Die müssen ja auch mal auftreten. Egal wo du hinkommst, da tritt ja Hinz und Kunz auf und das ist auch gut so.“

In die Berliner Waldbühne passen normalerweise mehr als 22.000 Besucher. Unter Corona-Bedingungen dürfen nur 5000 rein und müssen durch den Veranstalter auf Abstand zueinander gehalten werden. Helge Schneider findet: „5000 – das hört sich trotzdem viel an.“ Aber natürlich wird es sich auf die Stimmung auswirken, wenn nur ein knappes Viertel der Plätze besetzt werden darf: „Ich fühle mich in die Zeit der Anfänge meiner Karriere so vor 40 Jahren versetzt. Das war immer beschaulich. Da waren wenige Leute da, man konnte gut auf die eingehen.“ Aus seiner Sicht ein großer Vorteil: „Die Leute haben nicht diese Eigendynamik entwickelt, die es heute bei manchen Konzerten gibt. Wenn die eng zusammen stehen und es sind ganz viele, dann meint mancher, er muss auch klatschen, lachen oder grölen, weil das sein Nebenmann macht. Dieser Effekt fällt jetzt so ein bisschen weg. Es ist ruhiger, aber auch schön.“ Er mag es, vor Publikum aufzutreten, das aufmerksamer ist. Und um das er sich mehr kümmern muss. „Für meine Kunst ist das ganz gut. Allerdings trete ich jetzt solo auf oder mit Kleinstbesetzung. Mit der mitreißenden Musik ist es also ein bisschen schwieriger.“ Vor Jahren schon spielte er mit dem Gedanken, wie es denn wäre, wenn nur zehn Prozent der Leute kämen. Damals waren seine Konzerte immer ausverkauft. Zur Vermeidung von Routine hätten ihm damals die schlechter besuchten Konzerte gefallen, die Corona ihm heute aufzwingt. „Aber ich will damit nicht sagen, dass ich Corona schön finde. Ich finde es fürchterlich.“

Die Pandemie-Folgen spürt Schneider besonders beim täglichen sozialen Umgang mit seinen Mitmenschen unangenehm: „Vor Corona hat man sich in den Arm genommen oder die Hand gegeben. Heute gibt man ja keinem mehr die Hand. Früher war das ein Zeichen von Anstand: Guten Tag, ich darf mich vorstellen, mein Name ist … und dann hat man die Hand gegeben. Das fällt ja heute weg, man zieht die Hände zurück. Alles so ein bisschen peinlich.“ Zum umsichtigen Umgang mit dem Virus gehört für ihn die Maske. Und Vorsicht: „Man macht einen Bogen um Leute, wechselt die Straßenseite. Alles eigentlich befremdliche Sachen. Ich werde ja jetzt 65, für mich ist das nicht mehr so schlimm. Aber für die Kinder ist es schlimm. Und in jedem Bundesland anders.“ Helge Schneider hat sechs Kinder von vier Frauen. Er wird fast zwangsläufig zum Fachmann für die unterschiedlichen Corona-Strategien der Bundesländer: „Hier in Berlin haben die jetzt sogenannten Präsenzunterricht, diese Worte, die plötzlich aktuell sind, hat es früher auch nicht gegeben. Was ist denn Präsenzunterricht? Da müssen alle präsent sein. Ja, klar.“ Klare Verhaltensregeln an den Nachwuchs lassen sich über Ländergrenzen hinweg nicht so einfach formulieren: „Mein einer Sohn muss im Ruhrgebiet den ganzen Tag in der Schule die Maske aufhaben. Hier nicht, da ja. Man kommt schon ein bisschen durcheinander.“

Verständlich, dass Helge Schneider einen ganz anderen Vorschlag für den Umgang des Bildungswesens mit Corona hat: „Ich finde, die Kinder müssen gar nicht in die Schule und kriegen alle eine 1, fertig! Das wär das Beste.“