Roman, 41: „Lieber Herr Lenné, ich gebe zu, ich schaue regelmäßig Internet-Pornos und onaniere auch dabei. Gleichzeitig verliert der Sex mit meiner Frau an Reiz. Und auch wenn wir dabei durchaus nicht unkreativ sind, habe ich beim wirklichen Liebemachen umso weniger Spaß und Befriedigung, je häufiger und intensiver ich YouPorn und Co. nutze. Was kann ich tun?“

Lieber Roman, da macht du etwas, was je nach Untersuchung 50 bis 90 Prozent  der deutschen Männer jeden Tag machen. In der Pornhub-Statistik Qvon 2021 sind es in Deutschland etwa viermal so viele Männer wie Frauen, die fast täglich Pornos konsumieren. Im Gegensatz dazu gehen Männer und Frauen etwa gleich häufig fremd. Du bist soweit also in „guter Gesellschaft“.

Biologisch ist der Sex für uns Männer nie so folgenreich, wie er für Frauen sein kann. Wir werden nicht schwanger, aber wir verlieben uns vielleicht bis über beide Ohren und wollen mit der Frau zusammen unsere Kinder großziehen. In der Sexualität gibt es bei uns Männern, als eine Komponente, die ständige Suche nach der anderen, der neuen Sexual-Partnerin; genetisch könnte das der Versuch sein, unser Erbmaterial möglichst weit zu verbreiten. Und da beginnt das Dilemma: Wir lieben mit dem Herzen, aber unser Becken hat noch ein kleines anderes Programm. Die Pornos bieten dir täglich neue virtuelle Sexualpartnerinnen für diesen Teil deiner Sexualität, ohne dass du fremdgehen musst.

Leider gibt es tatsächlich eine kleine Gruppe von Männern unter den Pornokonsumenten, für die dein Problem belegt ist. Oft gesellen sich noch ärgerliche Erektionsstörungen dazu, was bei dir zum Glück ja nicht der Fall zu sein scheint.

Es ist auch ein immer wiederkehrendes Problem in der Paartherapie, dass Paare, die schon länger zusammen sind, weniger Sex haben, oder wie in deinem Fall, die Intensität der Befriedigung nachlässt. Meine Fragen sind: „Hast du schon mit deiner Frau darüber gesprochen?“ – „Erlebt sie eure sexuellen Begegnungen auch weniger intensiv?“ – „Hast du ihr schon einmal deinen aktuellen Lieblingsporno angeboten?“

Es gibt in der Paar- und Sexualtherapie den Begriff des „Wärmetods“. Das meint, dass ihr zu viel und zu nah miteinander seid. Die Partner sind irgendwann nicht mehr fremd genug füreinander. Mit kleinen Kindern ist das leider oft unvermeidlich. Es ist, als ob du immer wieder dein Lieblingsessen essen musst. Meist ist es kein Problem mangelnder Kreativität im Bett, sondern die Frage, ob ihr genug schönes und auch lustvolles anderes erlebt, um euch wieder aufeinander zu freuen.