Der Filmemacher Cristi Puiu wirft den Autoritäten vor, die Menschen mit ihren Corona-Maßnahmen „wie Vieh“ zu behandeln.
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Für Liviu Dragnea, dem bis vor anderthalb Jahren mächtigsten Mann Rumäniens, kam die Corona-Krise zu spät. Sofort nach seinem Wahlsieg von 2016 hatte der sozialdemokratische Parteichef sich ans Werk gemacht, den Rechtsstaat aufzuweichen. Eine erste Notverordnung, die bei Korruptionsfällen bis zu 50.000 Euro Straffreiheit garantierte, musste die frisch angelobte Regierung freilich gleich wieder zurückziehen, denn quasi über Nacht erwachte die rumänische Zivilgesellschaft. An den spontanen Protesten Hunderttausender beteiligten sich Schriftsteller wie Mircea Cartarescu oder Intellektuelle wie der Philosoph und Verleger Gabriel Liiceanu.

Cartarescu sprach damals von neuen Formen partizipativer Demokratie – in einem Land, das sich bis heute, 30 Jahre nach dem Sturz Nicolae Ceausescus, noch im Prozess der Demokratisierung befindet, wie der Politologe Cristian Pârvulescu erklärt: „Eine liberale, pro-westliche Mentalität trifft man nur bei rund 30 Prozent der Rumänen an, eine Prozentzahl, die aber beständig zunimmt.“

Die Vorfälle vom Januar/Februar 2017 sollten Dragnea eine Lehre sein. In den kommenden zwei Jahren unterhöhlte er das Justizsystem statt im Hauruckverfahren lieber auf schleichende Weise, um sich selbst und seine Kamarilla vor Gerichtsprozessen und Haft zu schützen. Mit kräftigen Renten- und Lohnerhöhungen nach dem Vorbild des Polen Kaczyński versuchte er, die Zustimmung vor allem der älteren und treuesten Wähler seiner Partei (PSD), einem aus den Kommunisten hervorgegangenen, ideologisch vermeintlich linken, in Wahrheit nationalistisch-reaktionärem Sammelbecken korrupter Seilschaften, zu erkaufen, wie es auf dem Basar der rumänischen Politik bisher gang und gäbe war.

Zudem ließ er ein Referendum abhalten, mit dem in der Verfassung festgeschrieben sollte, dass die rumänische Familie aus „Mann und Frau“ besteht und nicht mehr nur aus „Eheleuten“. Obwohl die mächtige orthodoxe Kirche massiv zur Stimmabgabe aufrief, verfehlte die Volksbefragung das nötige Quorum.

Das Ende Dragneas ließ nicht mehr lange auf sich warten. Nicht nur die Proteste hielten an – bei den Europawahlen im Mai 2019 sackte seine PSD im Vergleich zu 2016 um mehr als die Hälfte der Stimmen ab. Am darauffolgenden Tag wurde der Parteichef in einem schon seit geraumer Zeit laufenden Prozess wegen Amtsmissbrauch verurteilt und ins Gefängnis überstellt.

Korruption verringert Abwehrkräfte

Hätte er aber die Europawahlen gewonnen, wäre er freigesprochen worden und die Regierung von seinen Gnaden an der Macht geblieben, hätte der Mann im Schutz von Corona seine Idole Victor Orbán und Jaroslaw Kaczyński bei der Demontage des Rechtstaats wahrscheinlich noch überholt.

Dieses historische Glück für das sonst nicht gerade vom Glück verfolgte Land blieb freilich prekär. Zwar gab sich sogar die orthodoxe Kirche nach ihrem Debakel beim Referendum geradezu „aufgeklärt“, als Rumänien die ersten Corona-Fälle registrierte. Anfang März richtete sie einen Appell an die Gläubigen, in Zukunft auf das übliche Küssen der Ikone in den Gotteshäusern zu verzichten. Das aber war vielen der religiösen (noch abergläubischeren als gläubigen) Rumänen nicht zuzumuten. Wie kann die wunderwirkende Ikone zur Verbreitung einer heimtückischen Krankheit beitragen? Müsste man sie nicht noch viel häufiger küssen, um von ihr verschont zu bleiben? Anderntags ruderte die Kirche zurück. Die Empfehlung, ließ der Patriarch verlauten, gelte nur für „minder Gläubige“.

Die neue Regierung unter dem Liberalen Ludovic Orban (nicht zu verwechseln mit seinem ungarischen Namensvetter!) erzielte zunächst beeindruckende Erfolge im Kampf gegen Covid-19. Trotz niedriger Fallzahlen wurden bereits Mitte März strenge Ausgangssperren und, bei Zuwiderhandlung, hohe Geldstrafen verhängt. Spätestens seit Juli-Beginn verzeichnet das Land allerdings einen besorgniserregenden Anstieg an Neuerkrankungen und erwarb sich bald den zweifelhaften Ruf, das „Brasilien Europas“ zu sein. Das ist freilich eine Übertreibung, umso mehr, als Klaus Johannis, Rumäniens Staatspräsident, anders als sein brasilianischer Amtskollege, die Gefährlichkeit des Coronavirus nie geleugnet hat.

Es gibt mehrere Gründe für diese Entwicklung. Was das gesellschaftliche Immunsystem schwächt, ist zum einen die kulturelle Rückständigkeit eines nicht geringen Teils der Bevölkerung – so meinten bei einer Umfrage vor zehn Jahren noch 42 Prozent der Befragten, die Sonne würde sich um die Erde drehen. Diese manipulierbare Masse ist für Verschwörungstheorien aller Art besonders empfänglich. Mehr als das: Die extrem individualistischen Rumänen zeichnen sich nicht nur durch ihr berechtigtes Misstrauen gegen Institutionen und Behörden aus – es fehlt auch vielen jener Gemeinsinn, der für die wirksame Bekämpfung einer Pandemie unabdingbar ist. Wo neben schierem Unwissen das Recht des Stärkeren – oder des Durchtriebensten – und nicht das Gesetz der Einsicht herrscht, ist ihr nur schwer beizukommen. Nicht zuletzt die weitverbreitete Korruption verringert die kollektiven Abwehrkräfte.

Besagter Individualismus und die Frustration des rumänischen Cineasten, der schon zu normalen Zeiten froh sein kann, wenn sein Film 3000 Besucher in die heimischen Kinos lockt, mögen die Gründe dafür sein, dass einer der bedeutendsten Regisseure des Landes, Cristi Puiu, im Mai beim Transilvania International Film Festival auf der Bühne mit Absicht keine Maske trug. In seiner Rede warf er den Autoritäten vor, die Menschen mit ihren Corona-Maßnahmen „wie Vieh“ zu behandeln. „Die Tatsache, dass Sie hier sein und diesen Film sehen können“, meinte er zum Publikum, „verdankt sich dem Umstand, dass die Menschen im Dezember 1989 die Regeln des Regimes missachteten und Nein zur Diktatur sagten!“

Die faktische Gleichsetzung von Diktatur und Corona-Maßnahmen ist aber nicht nur eine Dummheit – sie wirkt geradezu unverzeihlich bei einem Regisseur, der mit seinem aus der Hand gefilmten Meisterwerk „Der Tod des Herrn Lazarescu“ beindruckend das einsame Sterben eines Mannes durch die enthumanisierte, abgestumpfte Umwelt eines dysfunktionalen Gesundheitssystems erzählt.

Gerade das Wissen darum, wie das Gesundheitssystem verfasst ist, hatte die Orban-Regierung zu strengen Maßnahmen bewogen, die von der noch immer PSD-dominierten Parlamentsmehrheit freilich auf vielfältige Weise sabotiert wurden. Ausgerechnet die politischen Nachkommen von Kommunistischer Partei, Securitate und der aus ihnen hervorgegangenen oligarchischen Seilschaften sprachen von „Folter“ und „Haft“ in den Spitälern.

Opposition gewinnt in Bukarest

Genutzt hat es den Erben Liviu Dragneas nicht. Für ihren Schlingerkurs in Sachen Corona – mal leugneten sie das Virus, mal warfen sie der Regierung vor, die Lage nicht im Griff zu haben – und die mannigfachen Sünden der Vergangenheit wurden sie bei den Kommunalwahlen Ende September abgestraft.

Vor allem der Sieg des aus der Zivilgesellschaft kommenden Bürgermeisterkandidaten für Bukarest, Nicusor Dan, setzt eine historische Zäsur. Dan, von Hause aus Mathematiker, ein bescheidener, wenig charismatischer Mann, der aber über viele Jahre hinweg mit der Vereinigung „Rettet Bukarest“ gegen die spekulative Verwüstung der Hauptstadt kämpfte und ihre Probleme aus nächster Nähe kennt, gewann gegen die bisherige PSD-Bürgermeisterin, eine ehemaligen Fernseh-Talkmasterin. Kompetenz gegen (Schmutz-)Propaganda – dass diese Rechnung aufging, verdankt das neue Stadtoberhaupt weniger den ihn unterstützenden Parteien, als den Dutzenden von freiwilligen Helfern und für ihn eintretenden Künstlern. Vor allem aber den vielen jungen Leuten, die zur Wahl gingen, während die ältere Wählerschaft, nicht zuletzt verunsichert durch Covid-19, eher zu Hause blieb.

Doch auch dieses alte Rumänien gibt es noch: So bestätigten in der Gemeinde Deveselu, im tiefen, armen Süden Rumäniens, die Wähler ihren eine Woche zuvor verstorbenen PSD-Bürgermeister im Amt und feierten den Wahlsieg an seinem Grab. Es ist also nicht nur folgerichtig, dass der Erfinder des absurden Theaters, Eugène Ionesco, Rumäne war – man kann die Siegesparty auf dem Friedhof auch als Symbol verstehen.

Der Schriftsteller Jan Koneffke pendelt zwischen Wien, Bukarest und dem Karpatenort Maneciu. Gerade erschien von ihm der Roman: „Die Tsantsa-Memoiren“ (Galiani Berlin).