Rumänisches Tanzfestival: Das fehlt in Deutschland

Berlin - Farid Fairuz sitzt im Wau, dem Wirtshaus des Hau. Er ist ein zurückhaltender Mensch mit wachen, klugen Augen. Früher einmal, Anfang der 90er-Jahre, tanzte er für zwei Jahre in Berlin, bei Tom Schilling an der Komischen Oper. Aber das erzählt er erst später, als das Aufnahmegerät schon ausgeschaltet ist. Keine gute Zeit sei das damals gewesen. Keine gute Atmosphäre in der Compagnie in dieser Nachwendezeit, er war noch blutjung und von den Grabenkämpfen im Haus überfordert. Aus der rumänischen Heimat dagegen kamen vor Begeisterung vibrierende Briefe. Die Tanzszene war im Aufbruch in Bukarest. Die Freunde erfanden sich, erfanden den Tanz neu. Und bald gab es für Farid Fairuz kein Halten mehr, und er ging zurück in die Heimat. Zwanzig Jahre ist das her, und bereut hat der Tänzer und Choreograf das nie. „In Rumänien“, sagt er energisch und stolz, „vibriert die Tanzszene bis heute.“ Über zehn Jahre haben sie damals gekämpft, 2004 schließlich wurde ein eigener Ort für den Tanz, das Nationale Tanzzentrum in Bukarest gegründet.

Auch die Berliner Tanzszene pilgerte damals dorthin. Dass er selbst der gewählte Leiter dieses Zentrums war, dass er damals noch einen anderen Namen trug, Mihai Mihalca, erzählt Farid Fairuz nicht. Das stellt sich erst später zufällig, bei der Google-Recherche am Schreibtisch, heraus.

Durch und durch demokratisch

Durch und durch demokratisch haben sie das Tanzzentrum organisiert. Jedes Jahr hat eine gewählte Jury – alle, die im weitesten Sinn mit zeitgenössischem Tanz und Performancekunst zu tun haben, durften sich an der Wahl beteiligen – Geld vergeben für Produktionen, für Festivals, Stipendien und Reisen. Es war ein Mini-Etat, aber der wurde gerecht verteilt. Mehr als 3000 Euro gab es für eine Produktion in der Regel nicht. „Gerade weil Rumänien so arm und die politische Lage so schwierig ist“, sagt Fairuz, „gibt es einen großen Zusammenhalt.“ Allein die durch und durch demokratische Organisation der Szene ist in einem von Korruption durchsetzten Land schon ein radikaler politischer Akt. Aber jetzt ist das Tanzzentrum wegen Umbau geschlossen. Zurückkehren können sie in das Gebäude nach dem Umbau nicht, und ein neuer Ort ist nicht in Sicht. Aber Fairuz ist zuversichtlich. Aufgeben werden sie auf keinen Fall.

Jetzt sitzt er erst einmal im Wau, er gastiert beim rumänischen Festival „Many Years after…“, das heute im Hau 1 und Hau 3 beginnt und das die neue Theaterleiterin des Hau, Aenne Quinones, kuratiert hat. „Romanian Dance History VI“ heißt das Stück, in dem er auftreten wird. Es ist nicht von ihm, sondern von seinem Choreografen-Kollegen Manuel Pelmus. „Wer auftreten wird, weiß ich nicht“, sagt Fairuz und grinst vergnügt. In Bukarest war das Stück eine Art Party. Es ging um populäre Roma-Musik, die im rumänischen Bürgertum verpönt ist. „Aber wenn alle ein wenig getrunken haben“, sagt Fairuz, „dann wird genau von den Menschen, die diese Musik, die die Roma sonst verachten, aufgelegt und dazu getanzt.“ Nur so viel weiß er, Pelmus hat auch in Berlin lebende Roma eingeladen, mitzuwirken.

Weniger Geld, weniger Programm

Insgesamt sieben Stücke wird es innerhalb von vier Tagen in Berlin zu sehen geben. Ursprünglich war das Festival größer geplant. Aber dann sind, wegen eines Wechsels im rumänischen Kultusministerium, die zugesagten rumänischen Gelder weggefallen. „Die rumänische Kulturpolitik wird nationalistischer“, sagt Aenne Quinones.

Vor einem Jahr war sie in Rumänien unterwegs. Es gibt für sie in der dortigen Performance-Szene eine Kraft, eine Weise des politischen Denkens, die ihr in Deutschland fehlt. „Die Stücke dort“, sagt sie, „speisen sich aus einem starken Geschichtsbewusstsein.“ Der Sturz Ceausescus, die Auswirkungen auf die eigene Biografie ist für die Künstler nach wie vor präsent. Anders als in Deutschland, wo es außer Gefälligem zur Wende schon lange nicht mehr viel zu sagen gibt.

Diese andere Haltung spiegelt sich in den von Quinones eingeladenen Stücken wider. In der Eröffnungsarbeit „X mm din Y km“ von Gianina Carbunariu etwa, die heute im Hau 1 zu sehen sein wird und in der es um die Securitate-Akte des Schriftstellers Dorin Tudoran geht und um die Frage: Kann man das die Vergangenheit überhaupt durch historische Dokumente aufarbeiten? Wie steht es heute, hat sich überhaupt etwas verändert? Nicoleta Esinencu wiederum, die in ihrem Heimatort in Moldau ein eigenes, kleines Theater unterhält, setzt sich in „Clear History“ mit der verdrängten Judenverfolgung in den 40er-Jahren auseinander.

Als blind date haben dagegen Sergiu Matis, der in Berlin unter anderem bei Sasha Waltz tanzt, und der in Bukarest lebende Musiker Vlaicu Golcea ihrer Arbeit erlebt. So ist ihr „Duet“ entstanden, in dem sich Tanz und Musik auf der Bühne begegnen. „Dieses Festival“, sagt Aenne Quinones, „soll der Auftakt für eine langfristige Partnerschaft sein.“