Unsere Vorstellung vom Internet ist noch immer schemenhaft oder wenigstens einseitig. Wir haben zum Beispiel ein Bild von Menschen, die online ihr ganzes Geld verzocken: Es sind Menschen wie du und ich, dicke und dünne, alte und junge, bestimmt auch nette studentische Typen wie Justin Timberlake – also ganz normal. Doch was ist mit der anderen Seite? Was sind das für Figuren, die hier mit irgendwelchem halblegalen Kram riesige Summen Geld verdienen?

Auf 4,9 Milliarden US-Dollar schätzte man 2009 den weltweiten Umsatz mit Online-Poker. Hat so einer Luxusjacht, Swimmingpool, drei Bikini-Mädels in jedem Arm? Bis zu „Runner Runner“ dachte man ja eher an picklige Soziopathen mit schiefem Grinsen und Wohnsitz bei Mutti. Doch wie es der Zufall will, hat sich das Team um den Regisseur Brad Furman für die attraktivere Variante entschieden und sie mit Ben Affleck dementsprechend besetzt. Er spielt Ivan Block, den Mann mit der Jacht, dem Privatjet, den Mädels. In den Pool, der für seine Krokodile reserviert ist – das ist jetzt nicht gelogen –, wirft er seine Gegner. Das Ganze spielt in Costa Rica und ist ein bisschen lächerlich.

Die Karibik als Fluchtpunkt des großen, gern illegalen Geldes liefert den Schauplatz einer merkwürdigen Handlung: Greg, der von Timberlake gespielte Student aus Princeton, fühlt sich betrogen und wendet sich an den Online-Schurken seines Vertrauens. Er fliegt also nach Costa Rica. Block, von einer mitleidlosen US-Justiz ins Exil getrieben, wirft ihn nicht in den Pool. Nein, er mag den jungen Mann, der ihn ja auch – die Macht des Nutzers! – im Forum hätte verpfeifen können. Also gibt er ihm einen Job mit Aufstiegsmöglichkeiten. Schon bald steckt Greg mittendrin im Sumpf von Sex, Gewalt und Korruption. Das Leben unter den „günstigen Bedingungen“ eines rechtsfreien Kleinstaats ist hart. Doch wie sagt Block so schön: „Wer seine eigene Insel will, muss auch mal Prügel einstecken“.

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Der smarte Pokerkönig sagt noch mehr solcher Sätze für die Ewigkeit. Ein zwar unterhaltsamer, aber fast schon provokant durchschnittlicher Thriller ist „Runner Runner“ trotzdem. So plakativ wie die Schauplätze wirken auch die Figuren. Der Musiker Timberlake, als Schauspieler längst nicht mehr unterschätzt, gibt den scheuen College-Boy ohne größere Entwicklung. Affleck versucht sich an der lässigen Variante eines James-Bond-Bösewichts. Das hat seinen Reiz: Der Oscar-gekrönte Regisseur kennt seine schauspielerischen Grenzen, er wird den Batman genauso spielen, und so ist es gut. Interessanter ist die Vorstellung, die sich Hollywood von der Welt des Internets macht, wie es den ausgemachten Feind zugleich diabolisiert und attraktiv macht. Wie damals bei Bond und den Geheimdiensten glaubt man, alles erzählen zu dürfen. Der Online-Schurke könnte ein Edward Snowden sein, der von unbekanntem Ort aus – wie die echten Betreiber von Poker-Seiten – gegen seine Kriminalisierung kämpft. Er könnte auch aussehen wie der verhaftete Filesharer-König Kim Dotcom. Doch die Macht der Bilder ist nicht zu unterschätzen. Wenn sich die Internet-Mogule demnächst aufführen wie Ivan Block, sollte man sich nicht wundern!

Runner Runner USA 2013. Regie: Brad Furman, Drehbuch: David Levien, Brian Koppelman, Kamera: Mauro Fiore, Darsteller: Ben Affleck, Justin Timberlake, Gemma Arterton u.a.; 91 Minuten, Farbe. FSK ab 12.