Beginnen wir sogleich mit den zwei Höhepunkten des insgesamt einwandfreien Konzerts der kanadischen Rockband Rush in der Berliner Mehrzweckhalle am Ostbahnhof. Da wäre zum einen der den ganzen Abend währende, gewissermaßen dauerhaft anhaltende Höhepunkt des filigran-muskulösen Schlagzeugspiels von Neil Peart, das allerdings – nunmehr als Höhepunkt des Höhepunkts – in der ersten Hälfte des Abends in ein Schlagzeugsolo der Extraklasse einmündete. Meine Damen und Herren, liebe Leserinnen und Leser: Das war ganz große Kunst und auch noch in anderer Hinsicht denkwürdig, wir werden später darauf zurückkommen.

Ein weiterer Höhepunkt des nämlichen Konzerts bestand in dem Auftritt einer mit einem weißen Kittel bekleideten Person, die sich während des laufenden Musikbetriebs daran machte, die auf der Bühne weitläufig verstreuten Gerätschaften so umständlich wie seelenruhig, also vollkommen unbeeindruckt von dem sie umgebenden Geräuschinferno mit einem Lappen zu putzen. Der Name dieses fleißigen Mannes wird uns wohl für immer unbekannt bleiben, aber sein Erscheinen rief wieder einmal eine bedenkliche Vakanz in Erinnerung: ein auch in dieser Zeitung sträflich vernachlässigtes Subgenre der Konzertkritik – die Konzertbühnenarbeiterkritik.

Steampunk: Quo Vadis?

In der Tat hatte die Bühne einiges zu bieten. Passend zu dem letzten, bereits im vergangenen Jahr erschienenen Album „Clockwork Angels“ und seiner an den Steampunk angelehnten Ikonographie kamen in der Mehrzweckhalle allerhand Accessoires zu stehen, in denen die alte Dampfmaschinenherrlichkeit des viktorianischen Zeitalters mit dem futuristischen High-Tech des cyberindustrialiserten Übermorgen eine glückliche Verbindung eingegangen ist. Was das ist und wie das aussieht? Schließen Sie einfach mal die Augen und denken an die Romane von Jules Vernes, zum Beispiel an die „Reise zum Mond“ oder „20.000 Meilen unter dem Meer“. So, das dazu.

Nun lässt sich allerdings nicht behaupten, die Musik von Rush böte einen Soundtrack zum Steampunk. Schließlich machen die Kanadier seit über 40 Jahren mit ausgefuchstem Prog-Rock von sich reden, und das ist nun wahrlich eine Musik, die ohne alle retroesken Sentimantalitäten nur die Zukunft kennt. Wir gestehen also, ob des Bühnenbildes etwas ratlos zu sein, wollen jetzt aber auch keine Erklärung an den Haaren herbeiziehen. Nur so viel: Wenn schon nicht musikalisch, so weist das neue Album doch erzählerisch in Richtung Steampunk – es handelt nämlich von der Sinnsuche im Dampfmaschinen- und Cyberpunk-Milieu. Der Kritiker sagt da mal: von mir aus.

Beklagt an dieser Stelle sei aber die Indifferenz zwischen ästhetischer Form und narrativem Inhalt. Oder war das jetzt zu ernst gedacht? Vor ein paar Jahren traten Rush ja auch mit schrankhohen Grillautomaten auf, in denen sich knusprig braune Hähnchen drehten.… Apropos, besonders hübsch nahm sich dieses Mal eine Popcornmaschine aus, hinter deren Glasfenster die Körner munter hin und her sprangen. Womit das wiederum etwas zu tun haben könnte? Ehrlich gesagt: keine Ahnung. In jedem Fall bieten solche Gerätschaften dem Bühnenarbeiterpersonal, und nur darum sollte es hier vorerst gehen, viel Anlass zum Montieren, Justieren und eben Polieren.

Kommen wir damit zum bereits erwähnten anderen Höhepunkt des Abends. Die Musik der 1968 gegründeten Band lebt vor allem von der polyrhythmischen und hypervirtuosen Schlagzeugarbeit. Nur am Rande bemerkt sei, dass Neil Peart auch für die Song-Texte verantwortlich ist, die von dem Sänger (und Bassisten und Keyboarder) Geddy Lee dann in einem unnachahmlich nasalen Falsett in die Welt geschrien und von dem Gitarristen Alex Lifeson mit einem mehrfach verhallten, orchestralen Breitwandsound hinterlegt werden. Neil Peart ist also der Takt- und Ideengeber der Band, das organisierende Zentrum. Seine Herzfrequenz, sein Puls macht Rush erst lebendig.

Leute, lernt Schlagzeug!

Wohlgemerkt, das Gründungsdatum ist: 1968. Nun könnte ganz allgemein von der Berliner Mehrzweckhalle als einem Sauerstoffzelt die Rede sein, unter dem immer wieder große und schon etwas betagte Künstler zu unser aller Freude fortleben. Aber diese Betrachtung führte doch zu weit. Und im Falle von Rush liegt das Geheimnis des ewigen Lebens ohnehin woanders: Viel war in den letzten Jahren von der alternden Gesellschaft die Rede, doch legen der 60-jährige Neil Peart und seine kraftstrotzende und hochbewegliche, wie durch einen Jungbrunnen gegangene Erscheinung nahe: Leute, geht nicht ins Fitnessstudio, lernt Schlagzeug!

Dieser Mann ist ein Knüller. Und er war das ganze – gut besuchte, aber deutlich nicht ausverkaufte – Konzert wert. Selbstverständlich konnten solche Songs wie „Subdivision“ oder „Big Money“ oder „Body Electric“ das Publikum als bestens abgestimmte Ensemble-Leistung erfreuen. Und als nach der Pause das neue Album vorgestellt wurde und dazu das Clockwork Angels String Ensemble auf der Bühne Platz nahm, war das auch ganz toll. Und als dann noch zweimal die Pyrotechnik mit Feuerwerk und Feuerwand die Mehrzweckhalle so erwärmte, dass man sich schon Sorgen um die Gesundheit der gerade platzierten Streicher auf der Bühne machte.... Super.

Doch ohne Neil Peart wäre das alles nichts. Unverzeihlich an diesem Abend war eigentlich nur, dass Alex Lifeson immer noch eine Gibson Les Paul mit eingebauten Floyd-Rose-Tremolos spielt. Lieber Alex, das ist ein gitarristisches No-Go!