„Splitter“ malte der Leipziger Künstler David Schnell im Jahr 2018. Heute ist das Triptychon sozusagen das Erkennungsmotiv der einst im „Morgenlicht“ einer hoffnungsvollen neuen Zeit entstandenen Chemnitzer Kunstsammlung.


Foto:  Uwe Walter/Kunstsammlungen Chemnitz/D. Schnell/VG BIldkunst Bonn 2020

Chemnitz-Damals, als das alles begann, hatte die Stadt noch den Beinamen „Ruß-Chemnitz“, wegen der zahllosen Schlote der Textilfabriken, die nicht nur die Fensterbänke der Mietskasernen schwärzten. Chemnitz galt als das „Sächsische Manchester“: Da stampften und schnurrten die Maschinen. Glamour und Kultur war anderswo. In Leipzig wurde gehandelt, in Dresden gefeiert. Und in Chemnitz wurde geschuftet.

Aber: Chemnitzer Textilfabrikanten sammelten Kunst, brachten Bilder von Daumier und Toulouse-Lautrec aus Paris von den Textilmessen mit, kauften in Berlin, München, Dresden, was angesagt war. Manch einer fand, wie fortschrittlich, Gefallen an Lehmbrucks Skulpturen, an Edvard Munchs Stil und am Brücke-Expressionismus. Und bald entwickelte sich aus der unkuratierten Mischung eine europaweit anerkannte Sammlung der Moderne, gegründet „im Morgenlicht“ der Weimarer Republik. Der erste Museumsdirektor hieß Friedrich Schreiber-Weigand. Er bemühte sich besonders um die Künstler der „Brücke“, vor allem um den Maler Karl Schmidt-Rottluff, der aus Chemnitz stammte.

Der weitsichtige Museumsmann animierte die Industriellen zu großzügigen Stiftungen, erreichte nicht nur bürgerschaftliches Engagement für die Kunst, sondern auch ein progressives Ausstellungsprogramm. Ohne zu zögern, kaufte damals der jüdische Färbereibesitzer Georg Mecklenburg Lehmbrucks „Kniende“ von 1914 und schenkte es der Städtischen Sammlung. Heute zählt die Skulptur zu den Hausheiligen des Museums am Theaterplatz, einstmals König-Albert-Museum und 1909 erbaut von Richard Möbius. Auch die Strumpffabrikantenfamilie Esche, deren Chemnitzer Haus der Architekt Henry van der Velde baute, gab ein Beispiel dafür, wie Geld und Kunstsinn, Aufgeschlossenheit und Repräsentationsbedürfnis zusammenfanden. Edward Munch war der Porträtist der Familie, so kamen seine Werke in die Sammlung.

Der aus Chemnitz stammende  „Brücke“-Expressionist Karl Schmidt-Rottluff malte das „Mädchen“, 1920. Das Bild gehört zum Gründungskapital der Kunstsammlungen und überstand die NS-Zeit.



Foto: bpk/Kunstsammlungen Chemnitz/May Voigt © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Die Städtischen Kunstsammlungen erlebten in den 1920er-Jahren eine Blütezeit, die jäh abbrach, als die Nazis an die Macht kamen und den Expressionismus verfemten. Die Sammlungen wurden „gereinigt“, viele Werke beschlagnahmt, verhökert. zerstört. Der Moderne-Geist des Museums konnte sich auch zu DDR-Zeiten, als Chemnitz in Karl-Marx-Stadt umbenannt wurde, nicht wieder entfalten. Da waren Dresden und Leipzig die geförderten Kunstzentren. Die Wirkung der Städtischen Kunstsammlungen blieb begrenzt. Obwohl in der Stadt namhafte Künstler lebten, war das Museum eher ein Gemischtwarenladen aus Naturkunde- und Regionalmuseum.

1996 entdeckte die aus Baden-Württemberg gekommene, zur Generaldirektorin berufene Ingrid Mössinger, welche vergessenen Schätze sich in den verstaubten Depots befanden. Und sie verschaffte dem Haus Furore, mit Ausstellungen etwa von Picasso, François Gilot, Karl-Otto Götz und Bob Dylan, mit Werkschauen namhafter Leipziger Maler der „Alten“ wie der „Neuen Schule“, von Mattheuer über Neo Rauch bis David Schnell. Zudem schaffte diese Frau es, in wenigen Jahren die Stadtpolitiker, die Köpfe der Industrie – und die Bürgerschaft – für die Kunst der Moderne zu begeistern. Heute gehören zu den Städtischen Kunstsammlungen, die Mössinger bis zum Eintritt in den Ruhestand 2017 leitete, vier Museen mit jeweils eigenem Profil. Neben der Sammlung am Theaterplatz gibt es seit 13 Jahren das Sammlermuseum Gunzenhauser mit dem Schwerpunkt Klassische Moderne, das Schlossbergmuseum mit der stadtgeschichtlichen Sammlung und der Kunst des Spätmittelalters sowie das Henry-van-de-Velde-Museum in der Villa Esche.

Für die Jubiläumsausstellung rekonstruierten der heutige junge Generaldirektor Frédéric Bußmann und sein Team die im Jahr 1926 als Sensation gefeierte „Galerie der Moderne“. Deren Farbgestaltung hatte damals Schmidt-Rottluff ausgeführt. Zum 100. Geburtstag werden in sechs Kapiteln 400 Werke aus einem Bestand von über 65.000 gezeigt und die Sammlungsgeschichte erzählt. Auch die wegen der Lichtempfindlichkeit der Stoffe nur zeitweise ausgestellte Textilkollektion, mit Exponaten von William Morris bis zum Bauhaus, gehört dazu. Und nicht zuletzt etwas, das es nur in Chemnitz zu sehen gibt: das Carlfriedrich-Claus-Archiv mit dem Nachlass des eigensinnigen, heute international hochgeschätzten Künstler-Philosophen.

Kunstsammlungen Chemnitz, Theaterplatz 1, Geburtstagsausstellung bis 25. Oktober,
Di, Do–So 11–18/Mi 14–21 Uhr.