Nach Vorpommern kehrt der Elch zurück, und im Oktober flogen ein paar Bären durch die Luft. „Bären“ nennt man russische Langstreckenbomber des Typs Tupolew 95. Sie umkreisten den Westen Europas so dicht an der Luftraumgrenze der Nato, dass deren Abfangjäger aufstiegen. „Gewisse Botschaften“ seien das, hatte der slowenische Ministerpräsident Miro Cerar damals gesagt. Das ist hübsch formuliert. Der Kondensstreifen als Botschaft entsteht ja durch hitzige Aussonderungen in frostiger Umgebung. Klarer kann man das Klima der Kommunikation zwischen Russland und dem Westen momentan nicht beschreiben.

Russlands Politik kehrt sich gerade bockig von Europa ab; so verleugnet das Land einen Teil seiner selbst. Im Westen zieht daraus jeder unterschiedliche Schlüsse. Während die Freunde von Pussy Riot den Dirigenten Walerij Gergijew auch musikalisch an seinen Treuebekundungen zu Wladimir Putin messen – und damit die Kunst in Sippenhaft für die Politik nehmen –, träumt die europäische Rechte von einem Russland, das die jüngste Geschichte des Kontinents revidiere: Weg von einem Europa der Regionen zu einem Europa der Nationen, von der Lebensstilvielfalt zu ordnungspolitischer Leitkultur, von individueller Freiheit zur Rückbindung an Stand, Land und Religion. „Russland“ ist zum Stichwort der Gesinnungssortierung, zum Projektionsschirm politischer Rechthaberei geworden.

Gegenwartskritisch

Man muss in diesem Klima aus Frost und Hitze dankbar dafür sein, dass die Russische Filmwoche – schon zum zehnten Mal – in Berlin stattfindet. Was sie im Programm hat, ist geeignet, linke wie rechte Russland-Versteher einigermaßen aus dem Konzept zu bringen. Denn natürlich entstehen mit staatlicher Unterstützung des russischen Kulturministeriums weiterhin Filme, die gegenwartskritisch sind. „Der Sohn“ beispielsweise – vom Regisseur Arsenij Gontschukow in so strengem Schwarzweiß gehalten, dass es fast zur Pose erstarrt – erzählt von einem jungen Mann, der seine psychisch kranke Mutter pflegt. Das Elend der Wohnsituation und die innerfamiliäre Abhängigkeit, die für den Pflegenden zur seelischen Atemluftverknappung führt, wird niemand als Heilsverheißung für die Einsamkeitsmisere des westeuropäischen Individualismus preisen. Als sich für die Mutter ein Kuraufenthalt in Deutschland ankündigt, gerät die Korruption der Ärzte und der Passbehörde existenzbedrohend ins Bild.

Einer der besten Filme des Programms ist „Die Korrekturklasse“ von Iwan Twerdowskij, der gerade zum Sieger beim Festival des osteuropäischen Films in Cottbus gekürt wurde. Lena, ein sechzehnjähriges Mädchen im Rollstuhl, soll irgendwo in der Provinz aufs Abitur vorbereitet werden – in einer Integrationsklasse von behinderten und nicht behinderten Schülern. In seiner alltagsnahen Dokumentationsästhetik zeigt der Film eine autoritäre Pädagogik, die sich in ungestörter Kontinuität zur Sowjetunion fortsetzt. Er zeigt überforderte Eltern und Lehrer, die über Sexualität nicht zu sprechen gelernt haben. Er zeigt aber auch Schüler von abgebrühtem Zynismus, der so weit geht, dass Lena kollektiv vergewaltigt wird, während eine Mitschülerin den Übergriff filmt. Was Twerdowskij hier einfing, erinnert an Zustände, wie sie Anatolij Pristawkin in seinem Buch „Ich flehe um Hinrichtung“ nach seiner Tätigkeit in der Begnadigungskommission unter Boris Jelzin beschrieben hat: eine unglaubliche Rohheit und Stumpfheit ganzer Schichten der Bevölkerung, als sei ihnen durch Not und Drill die Seele geraubt worden.

Aber natürlich ist das nur ein Bild von Russland und nicht das Bild schlechthin. Es gibt daneben – in dem Film „Und noch ein Jahr“ – das fröhlich-zärtlich-traurige Miteinander eines jungen Paares in Moskau, das sich kaum unterscheidet vom fröhlich-zärtlich-traurigen Miteinander eines jungen Paares in Berlin-Friedrichshain. Es gibt die Welt der Nachtclubs mit Berufsmeerjungfrauen und Oligarchen im Eröffnungsfilm „Der Star“ und den westlich inspirierten Lebensstil mit Sitzfutons, Espressomaschinen und Internetradio im „Film über Alexejew“, der melancholisch vom Verlust des Idealismus erzählt und davon, dass das neue Russland nicht die Hoffnungen derer erfüllt, die in der Sowjetunion Widerstand leisteten.

Vielstimmig

Laut Angaben von Nevafilm Research sind die Kartenumsätze in russischen Kinos von 2012 zu 2013 um 13 Prozent gestiegen. Bei den Einspielergebnissen liegt Russland im europäischen Vergleich an vierter Stelle hinter Großbritannien, Frankreich und Deutschland. Obwohl die inländische Filmproduktion insgesamt gewachsen ist, sank der Anteil russischer Regiearbeiten am nationalen Markt aber seit 2009 von 24 auf 18 Prozent. Vielleicht könnte das ein Anlass für russische Produzenten sein, sich stärker als bisher für Deutschland zu interessieren. Immerhin gibt es ja seit Mai mit dem neuen Filmverleih Krokodil in Berlin einen aufrichtigen Interessenten am russischen und osteuropäischen Film.

Das Programm der Russischen Filmwoche in Berlin, die von der Direktion für internationale Filmfeste „Interfest“ mit Unterstützung des Staatskonzerns Gazprom veranstaltet wird, zeigt, dass das russische Kino nach wie vor vielstimmig ist, auch wenn der Kulturminister Wladimir Medinskij als Pluralismuskritiker auffällig wurde. Abschlussarbeiten von Absolventen der Russischen Staatlichen Universität für Kinematografie widmen sich den Verheißungen der Emigration oder dem einheimischen Druck bei einer ungewollten Schwangerschaft. In einer langen Nacht des Studentenfilms am 30. November im Filmtheater am Friedrichshain kann man sie ebenso sehen wie eine Auswahl des Filmfestivals „Sankt Anna“, darunter einen Trickfilm über die seelische Welt eines Kindes. Sein Titel: „Mein persönlicher Elch“.