Eingerichtet wurde die russische Krisenhotline für Männer im August 2021. Das Schwerpunktthema: häusliche Gewalt. Seit dem 24. Februar, dem Tag, an dem der Ukraine-Krieg begann, ist nicht nur die Zahl der Anrufer in die Höhe geschossen. Auch das, worüber sie sprechen wollen, hat sich geändert.

In einem Interview mit der russischen Zeitung Nowaja Gaseta, die ihr Erscheinen am Montag unter Druck vorerst einstellte, sagte die Leiterin des Angebots, Psychologin Natalia Shchankina, dass nun vermehrt Männer mit Angst und mit Panikzuständen anrufen würden. Ihr Kollege Gleb Slobin fügte hinzu, dass es eine Welle von Anrufern gegeben habe, die mit Ohnmacht, Hilflosigkeit und Unsicherheit zu kämpfen hatten, weil sich ihre Welt über Nacht geändert hatte. Sie wüssten nicht, wie sie damit leben sollen. Neben der Angst gebe es Wut und Aggression. Und auch Frustration. Denn die Anrufer seien zwar gegen das, was passiert, hätten aber Bedenken, dem auch öffentlich Ausdruck zu geben.

Natalia Shchankina fügte hinzu, dass viele flehten: „Sag mir, dass alles gut wird, dass alles bald vorbei ist.“ Sie sagt: „Die Männer scheinen zu kleinen Kindern geworden zu sein, die jemanden suchen, der sie beschützt.“

Die Anrufer wüssten oft auch gar nicht, mit wem sie sonst sprechen sollten, fügte Gleb Slobin hinzu: „Oft heißt es: Wem soll ich es sagen, meiner Frau? Es ist so schwer für sie. Das Kind ist klein, die Eltern sind alt … aber es ist unerträglich für mich, ich habe Freunde in der Ukraine.“

Der Dialog mit ukrainischen Kollegen sei derzeit leider nicht möglich, sagte der russische Psychologe. „Die Situation, in der sie sich jetzt befinden, erlaubt ihnen nicht, diejenigen zu sehen, die mit ihnen sympathisieren und sich um sie sorgen.“