Das Kriegsgeschehen entfaltet seine eigene Chronologie des militärischen Schreckens, aber auch der leicht zu übersehenden Nebensächlichkeiten. Kürzlich etwa beklagte Sergej J. Netschajew, der russische Botschafter in Berlin, dass seit Kriegsbeginn seine Landsleute in Deutschland bedroht werden. Autos mit russischen Kennzeichen seien beschädigt worden, es gebe Beschimpfungen, Mobbing, körperliche Übergriffe. Laut der Agentur Interfax hat Netschajew deshalb eine Note an das Auswärtige Amt geschickt, in der er „starke Signale der deutschen Regierung“ forderte.
Die Signale hat es gegeben, die Auffassung jedenfalls, dass es nicht hinzunehmen sei, russische Künstler und Kulturerzeugnisse für Putins imperialistische Kriegsführung verantwortlich zu machen, ist weit verbreitet und kulminierte in dem Satz des PEN-Präidenten Deniz Yücel: „Der Feind heißt Putin, nicht Puschkin.“

Botschafter Sergej Netschajew ist ein feinsinniger Mensch. Er spricht fließend Englisch und Deutsch, in den 1970er-Jahren hat er in Moskau Germanistik studiert, wenig später begann er seine diplomatische Karriere als Mitarbeiter der sowjetischen Botschaft in der DDR.

Verzerrungsgrad des gesunden Menschenverstands

Mit den Gepflogenheiten der hiesigen Debattenkultur ist der Botschafter hinreichend vertraut, erst vor wenigen Wochen griff er in die Diskussion über die sogenannte Cancel Culture ein, als deren Opfer er Pjotr Iljitsch Tschaikowskis Ballett „Der Nussknacker“ wähnte, dessen nicht mehr zeitgemäße Inszenierung am Staatsballett aus dem Programm genommen worden war. Sie wird derzeit überarbeitet.

In einem Gastbeitrag in der Berliner Zeitung vom 2. Dezember formulierte Netschajew sein Unbehagen so: „Das Ausradieren in den Programmheften erinnert schmerzlich an wohlbekannte Entwicklungen aus der Vergangenheit und kann nur noch Besorgnis erregen. Geht dieser Säuberungskampf nicht zu weit?“ Der Fall zeige, so der Botschafter, den Verzerrungsgrad des gesunden Menschenverstands auf, den man erreichen kann, wenn man den Erwartungen des „fortschrittlichen“ Teils der Menschheit entsprechen wolle.

Netschajews beherztes Eintreten für die Kunst- und Meinungsfreiheit erscheint heute in einem ganz anderen Licht. Herr Botschafter, wäre es jetzt, da die Verwendung des Wortes Krieg in der russischen Öffentlichkeit unter Strafandrohung steht, nicht an der Zeit, die Stimme zu erheben? Für die Freiheit und das Recht der uneingeschränkten Informationsbeschaffung und -verbreitung. Herr Botschafter: Sprechen Sie jetzt!