Ein Jüngling, irgendwo im Niemandsland zwischen Kind und Mann, hängt über einem Abgrund. Wortwörtlich, denn er ist auf einen Strommast geklettert und balanciert zwischen Leben und Tod, ein malerisches Alpental unter sich. „Pit Bull“ haben ihn die harten Jungs verspottet. Doch als er dann tatsächlich die übertriebene Mutprobe wagt, sind sie schockiert und für einen Augenblick ganz still, bevor sie die naheliegende Reaktion zeigen: „Wie Du drauf? Bist' wahnsinnig?“

„Chrieg“ heißt der Film des Schweizers Simon Jaquemet, aus dem diese Szene stammt – einer jener Momente, die man auch nach einer Festivalwoche nicht vergisst. Am Sonnabend gewann „Chrieg“ in Saarbrücken den Max-Ophüls-Preis, den renommiertesten Nachwuchsfilmpreis des deutschsprachigen Kinos. Mit Laien gedreht, reif und spannend inszeniert, handelt der Film von einem Lager für verhaltensauffällige Jugendliche, die hier durch Sport und Naturnähe wieder auf die rechte Bahn gebracht werden sollen.

Aber das Gegenteil geschieht. „Chrieg“, schweizerdeutsch für Krieg, ist ein harter Film, der ein wenig den Eindruck des Unfassbaren spiegelt, den man beim Blick auf manche Jugendszenen bekommen kann. Wahrhaftig, kämpferisch, politisch und visuell packend ist „Chrieg“ ein verdienter Preisträger.

Erzählerische Vielfalt

Zwar gab es unter den 16 Wettbewerbsfilmen keinen haushohen Favoriten. Aber man sah einige starke und viele auffällige Filme – eine sehr gute Bilanz im ersten Jahr, in dem Gabriella Bandel das Festival als Direktorin allein verantwortet. Bandel ist eine sehr gute Managerin und mit ihrer offenen Art und Wärme auch die Seele dieses Festivals, das nicht nur eine Abspielfläche für neue Filme ist, sondern noch viel mehr ein Treffpunkt, bei dem sich die Branche austauscht. Sucht man zum Abschluss nach Trends und Tendenzen, so springt vor allem die Vielfalt der erzählerischen Ansätze ins Auge. Es gab indes weniger Regie-Frauen – ausgerechnet im Jahr der „Pro-Quote-Regie“-Erklärung, die gleichberechtigte Finanzierungschancen für Frauen fordert.

Eine Tendenz liegt bei einem Festival für Newcomer nahe: In den Filmen geht es oft um Familien, um sprachlose und überforderte Eltern und um haltlose, auch hilflose Jugendliche. Und so handeln manche Filme dann etwa von Eltern, die für ihre Kinder über Leichen gehen („Wir Monster“) oder aber das Kind in ein Erziehungscamp verfrachten (neben „Chrieg“ auch „Freistatt“), in dem es durch die Hölle geht – und eine Ersatzfamlie findet. „Driften“ von Michael Proehl handelt von Tempojunkies, die einander ebenfalls zur Ersatzfamilie werden.

Starke Schweizer Beiträge

Um so auffälliger, wenn einer was ganz anderes macht: „Confusion“, der dritte der in diesem Jahr auffallend starken Schweizer Beiträge, setzt nicht nur auf eine fließend-subjektive Kamera, sondern findet für diese auch einen adäquaten Schauplatz: den Schweizer Politbetrieb. Es geht um die Aufnahme eines Flüchtlings und um eine Politikerin, die erpresst wird.

„Verfehlung“ von Gert Schneider hätte einen Preis verdient gehabt: Der Film setzt auf den ersten Blick recht spekulativ auf ein Medienthema und die Erwartungen des Publikums, denn es geht um katholische Priester und Missbrauch. Doch der Zugang zum Thema ist originell und zeigt, im Guten wie Schlechten, die weltliche Seite der Kirche. Kleine Schwächen des Drehbuchs, das sich viel aufgebürdet hat, gleicht die souveräne Regie ebenso aus wie das großartige Spiel der Hauptdarsteller Sebastian Blomberg und Kai Schuhmann.

Brennend aktuell, spannend, zuweilen humorvoll erzählt Andreas Pieper in „Nachspielzeit“ von Identitäten, die von gegensätzlichen Erfahrungen geprägt sind: Gentrifizierung, Fremdenhass und Ost-West-Konflikte. Immer wieder ist es die Sorge vor dem Unbekannten, Unkontrollierbaren, die hier die Menschen entzweit. Der Stoff, aus dem Pegida ist. Trost spenden einzig Fußball, die Liebe und ein Großvater im Altenheim mit einer anständigen kommunistischen Biografie.

Um Fußball und Liebe ging es auch in Lilli Thalgotts rasantem Improvisationsfilm „Ein Endspiel“. Mitten im WM-Finale will Johanna ihren Freund verlassen, und es geht erkennbar drunter und drüber. Die spontanen Einfälle der Akteure – allen voran Mignon Remé – waren witziger und klüger als die meisten ausgefeilten Drehbuchdialoge.

Im Dokumentarfilmwettbewerb beeindruckte „Die Böhms – Architektur einer Familie“ vom Kölner Maurizius Staerkle-Drux (ab Donnerstag im Kino). Ein gediegener, ruhiger Film über Intellektualität und das Geheimnis schöpferischer Tätigkeit – der gelungene Versuch, Gedanken darzustellen und Kultur. Es geht um die Familie des 95-jährigen Architekten Gottfried Böhm. Es geht zugleich um die Arbeit an ungewöhnlichen Bauten, etwa die umstrittene Kölner Moschee. So verbindet der Film ein spannendes Arbeitsporträt mit der Entfaltung sehr spezieller Familienverhältnisse.