Das Spitzhaus in Radebeul.
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BerlinHat Jörg Bernig – der in Radebeul nahe Dresden lebende Schriftsteller, Träger zahlreicher literarischer Auszeichnungen, geachtetes Mitglied der Sächsischen wie der Bayerischen Akademie der Künste – gut daran getan, sich in seiner Stadt, die ihm 2013 ihren Kulturpreis verliehen hatte, um den Posten eines Kulturamtsleiters zu bewerben? Ein Dichter, ein Romanautor als Amtsträger in der verwalteten Welt?

In dieser Großen Kreisstadt mit 34.000 Einwohnern war er einer von zunächst fünfzig Kandidaten, die schließlich auf zehn reduziert wurden. Bernig, der in Wales und Schottland gelebt hat und in drei ostmitteleuropäischen Ländern tätig war, hatte ein Programm vorgelegt, das die Einrichtung eines Lesefestes vorsah, musikalische Initiativen aus den Schulen vorstellen wollte und eine feste Form für Begegnungen mit Autoren der beiden Nachbarländer, Tschechien und Polen, suchte. Die Entscheidung des Stadtrats – so heißt dort das 34-köpfige Stadtparlament – fiel schließlich zwischen einer Kandidatin mit Verwaltungserfahrung aus dem Erzgebirge und dem einheimischen Bernig, der in der geheimen Abstimmung 17 Stimmen bekam – von welchen Fraktionen? Es ist das Wesen einer geheimen Wahl, das offen zu lassen; darauf beruht ihre besondere Autorität.

Die Befürworter der unterlegenen Kandidatin mutmaßten, dass bei zwei Enthaltungen diese Stimmen von CDU (9 Stimmen) und AfD (6 Stimmen) gekommen waren; zwei weitere Stimmen konnten der FDP-Fraktion (2 Stimmen) zugeschrieben werden. Erst auf der nächsten Stadtratssitzung, die am 15. Juni stattfindet, sollte das Wahlergebnis bekanntgegeben werden, aber die unterlegenen Fraktionen verletzten die vereinbarte Vertraulichkeit; sie machten das Ergebnis publik und entfachten gegen den Gewählten in ihrer Stadt und darüber hinaus einen Sturm der Entrüstung, der sich, durchaus entstellend, auf Teile einer 2016 in der Lessingstadt Kamenz gehaltenen Rede gründet. Darin hatte Bernig mit argumentativer Vehemenz die Migrationspolitik der Bundeskanzlerin attackiert.

Soll man sagen, dass er damit Erfolg gehabt hat? Die Politik der offenen Grenzen mit einer lange unkontrollierten Masseneinwanderung aus dem muslimischen Orient ist, wenn auch spät, von der Regierung aufgegeben worden. Eine Kanzlerin, die am 13. September 2015 im Einklang mit ihren Sicherheitsverantwortlichen und den Spitzen der Koalitionsparteien den grenzenlosen Zustrom mit eingreifenden Maßnahmen hatte unterbinden wollen und im letzten Moment davon abgekommen war, hatte ein dreiviertel Jahr später ihren Kurs geändert, wiederum ohne viele Worte zu verlieren. Inzwischen erklärt dieselbe Regierung, Neuaufnahmen etwa von Kindern aus den überfüllten griechischen Flüchtlingslagern nur noch in europäischer Kooperation vornehmen zu wollen. Deutschland hat seinem Sonderweg abgesagt. Dass das unierte Europa sich gegenüber drängenden Missständen als ein Phantom erweist, wird einmal mehr schmerzhaft klar.

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Zur Person

Der Autor Jörg Bernig (Im Foto bei der Verleihung des Radebeuler Kunstpreis 2013), geboren 1964 in Wurzen bei Leipzig, lebt in Radebeul. Mitglied u.a.  der Sächsischen Akademie der Künste und des PEN.

Worum es Jörg Bernig in seiner Kamenzer Rede gegangen war, war dasselbe, was einen Islamkenner wie den aus Syrien stammenden Göttinger Politologen Bassam Tibi schon Jahre zuvor zu der dringenden Aufforderung an seine muslimischen Mitbürger und -bürgerinnen veranlasste, die europäische Leitkultur der religiösen Toleranz und einer weltlich, nicht religiös fundierten Gesetzlichkeit vorbehaltlos anzunehmen. Er hat mehr als einmal auf Gefahren hingewiesen, die daraus erwachsen, dass das religiös geschärfte kulturelle Selbstbewusstsein der muslimischen Einwanderer auf ein schwach ausgeprägtes Selbstbewusstsein der deutschen Aufnahmegesellschaft stoße.

Leitkultur – bei diesem Wort hatten die Befürworter der offenen Grenzen lauthals aufgeschrien, sie verdächtigten den deutsch-syrischen Professor, einer spezifisch deutschen Leitkultur das Wort zu reden. Die deutsche Kultur ist eine Abteilung der europäischen, mit Spezifika, wie jede europäische Nation sie in das große Gesamt der europäischen Kultur eingebracht hat; die nun einmal, bei allen eingetretenen Säkularisierungen und Pluralisierungen, eine christlich und damit zugleich jüdisch fundierte ist. Denn das Christentum ist, wie man weiß, die reformatorische Gestalt eines damals, vor zweitausend Jahren, hierarchisch erstarrten Judentums.

Reformatorische Prozesse, Archaisches zurücksetzend, Humanes hervorkehrend, haben sich auch im Bereich des Islam von Zeit zu Zeit geltend gemacht; vor allem zu den Blütezeiten der maurischen Kultur im mittelalterlichen Spanien, der das geistige Europa Entscheidendes verdankt. Die Reformen sind aber niemals theologisch-explizit vollzogen worden, so dass die Agitatoren der Intoleranz in neuerer Zeit sich immer wieder auf den Koran berufen konnten.

Hier liegt eine Wurzel der Besorgnisse (es gibt noch andere), die Bassam Tibi als gründlicher Kenner muslimischer Verhältnisse mehr als einmal vortrug. Jörg Bernig hatte sie sich in seiner Kamenzer Rede im Blick auf eine Zukunft zu eigen gemacht, in der der Anteil der islamisch geprägten Bevölkerung infolge einer hohen Reproduktionsrate in Deutschland ständig zunehmen werde. Er war um so befugter, solche Besorgnisse vorzutragen, als er schon früh durch das Erteilen von Deutschunterricht aktiv zu der Integration junger arabischer Einwanderer beigetragen hatte; er tut dies bis heute.

Aus eigener Erfahrung wusste er besser als andere um die Schwierigkeiten der Integration, die ein langwieriger Prozess ist und nur mit Anstrengung aller Beteiligten gelingen kann. Dass ihm in seiner Kamenzer Rede Zuspitzungen unterliefen, die mit Recht Kritik hervorriefen, war die Folge der Wortlosigkeit einer verantwortlichen Politikerin, die sich bei der Kommentierung eingreifender Verfügungen mit kargen Gemeinplätzen begnügt hatte. Wenn die politisch Verantwortlichen sich im Gefühl ihrer Ohnmacht in Schweigen hüllen, erzeugen sie leicht das Empfinden, von verborgenen Absichten geleitet zu sein. Das ist falsch, sie sind nur Steuerleute auf einem Schiff, dessen Schraube auf dem von Wind und Wellen aufgewühlten Meer nicht mehr greift.

Was war geschehen? Die politischen Eliten West- und Mitteleuropas, besorgt auf die soviel bevölkerungsreicheren Märkte der USA und Chinas blickend, hatten sich im Bund mit idealistisch entzündeten Fürsprechern einer Utopie ergeben, die auf den Namen Europäischer Gesamtstaat lautete; über in Jahrhunderten gewachsene ökonomisch-politisch-kulturelle Unterschiede hinweggehend, hatten sie dieses edle Ziel erzwingen wollen, indem sie Pass- und Zollfreiheit bis kurz vor die türkische Küste verfügten und mit einer Einheitswährung verknüpften, deren Voraussetzung ein einheitliches Finanzregime hätte sein müssen.

Das war schiefgegangen, wie es immer geschieht, wenn man teils hehre, teils profitverheißende Ziele ohne Rücksicht auf Realitäten ansteuert. Man fand sich unversehens vor einem Scherbenhaufen, der in extremer Verschuldung und grassierender Arbeitslosigkeit in den ökonomisch schwächeren und oft auch weniger effizient verwalteten Mitgliedsstaaten bestand. Und nun war als Folge zweier nahöstlicher Kriege, an denen Deutschland keinen Anteil gehabt hatte, noch ein von multinationalen Schlepperbanden angeheiztes Flüchtlingsproblem hinzugekommen. Dass in einer so zugespitzten Lage von freien Geistern herbe Worte fallen, ist wirklich kein Wunder.

Von den falschen Leuten gewählt?

Wir sind wieder bei Bernig! Besorgte Radebeuler Kulturschaffende mit einem bedeutenden Schlagzeuger an der Spitze beugten sich über seine vier Jahre alte Rede, klaubten Worte heraus, denen sie „Rassismus“ glaubten unterstellen zu können, als wäre der Islam eine Rasse, bemerkten, dass er Resolutionen unterfertigt hatte, die ihnen verdächtig waren, da sie nicht von ihnen stammten, und machten in einer sächsischen und einer überregionalen Zeitung gegen Bernig mobil, den sie als „Vordenker der neuen Rechten“ anschwärzten und damit gleichsam zum Paria der öffentlichen Meinung erklärten.

Aber der parteilose Bernig ist kein Vordenker einer politischen Formation, er ist ein Nachdenker in einer im Blick weniger auf die Gegenwart als auf die Zukunft bedenklichen Lage. Tabus sind Verbote von Fragen, von denen man glaubt, keine Antwort auf sie wissen zu dürfen, und Bernig ist kein Freund von Tabus; wäre es anders, müsste er als Schriftsteller an sich zweifeln.

Nun wirft man ihm vor, dass er mutmaßlich – es war ja eine geheime Wahl – von den falschen Leuten gewählt wurde; das mutet an, als könne man die Stimmen demokratisch gewählter Abgeordneter nach Gewichtsklassen sortieren. Muss Deutschland sich vorsehen, nicht von einer Wahldemokratie – in der das Votum von Wählern und Gewählten gilt – zu einer Pressionsdemokratie zu werden, in der radikale Gruppierungen (die füreinander unentbehrlich sind, da sie sich wechselseitig die Legitimation liefern) eine rationale Debatte zunehmend blockieren?

In Radebeul haben sich keine radikalen Gruppen zu Wort gemeldet, aber es genügt die ungeprüfte Anschuldigung, Bernig sei „ausländerfeindlich“, um den Versuch zu unternehmen, ihn für ein öffentliches Amt zu disqualifizieren. Der Oberbürgermeister der Großen Kreisstadt hat dem nachgegeben, indem er von einem Artikel der Sächsischen Gemeindeordnung Gebrauch machte, der ihm erlaubt, Stadtratsbeschlüssen zu widersprechen, wenn er sie für die Stadt als nachteilig befindet.

Er muss dann eine neue Stadtratssitzung einberufen, in der erneut über die Angelegenheit zu beschließen ist. Bedeutet das, dass er am 15. Juni so lange wählen lassen kann, bis das Ergebnis allen gefällt, auch den näher oder ferner gelegenen Parteizentralen? Von Beschlüssen spricht dieser Artikel der Sächsischen Gemeindeordnung, nicht von den Ergebnissen geheimer Wahlen. Das Sächsische Verfassungsgericht könnte in Radebeul zu tun bekommen.

Ich glaube nicht, dass Bernig als Träger eines öffentlichen Amtes in Radebeul den kulturellen Frieden untergraben würde. Ich kenne ihn aus der Sächsischen Akademie der Künste als einen zarten und undogmatischen, dabei beharrlich selbstdenkenden Mann; er dürfte wissen oder wird es bald lernen, dass Politik und Literatur je eigenen Formgesetzen unterliegen. Es wäre gut, wenn Jörg Bernig bei der bevorstehenden Sitzung des Radebeuler Stadtrats den überparteilichen Rückhalt fände, der ihn in die Lage versetzt, in dem Amt, in das er bereits gewählt wurde, den Vorwurf seiner Gegner zu entkräften, dass er eine einseitige Kulturpolitik betreiben werde.

Er verdient seinen Lebensunterhalt als Oberschullehrer für Englisch und Deutsch als Zweitsprache; so sollte es ihm an kommunikativen Fähigkeiten nicht fehlen. Er kann sich an dem berühmtesten Kulturamtsleiter der deutschen Literatur orientieren; der hieß Johann Wolfgang Goethe und sah seine Amtsführung keineswegs als die Fortsetzung seiner literarischen Produktion an. Allerdings fand er dann zehn Jahre lang kaum noch zum Dichten und musste nach Italien entweichen, um als Poet wieder zu sich zu kommen.

Wie wird Jörg Bernig sich entscheiden und wie der Oberbürgermeister Wendsche? Radebeul ist schön, es gibt dort die Villa Shatterhand, und einen Rolls-Royce- und Ferrari-Händler trifft man auch an. Sollte die weintragende Lößnitz die Bewohner nicht zu friedlichen Umgangsformen stimmen? Ich muss wirklich wieder einmal dorthin fahren.

Foto: Imago Images/Gezett
Der Autor

Friedrich Dieckmann, 1937 in Landsberg an der Warthe geboren, lebt seit 1963 als freier Schriftsteller in Berlin. Mitglied u.a. des PEN, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Sächsischen Akademie der Künste, Dresden (deren Vizepräsident er von 1996-2004 war) und der Berliner Akademie der Künste. Zuletzt erschienen: „Weltverwunderung. Nachdenken über Hauptwörter“ (Quintus Berlin 2017) und „Kulturnation und Nationalkultur. Von alten und neuen Herausforderungen“ (Europolis Berlin 2018). Demnächst erscheint: „Beethoven und das Glück“ (Edition Ornament).