Der Altar der Heilandskirche in Sacrow.
Foto: dpa/Ralf Hirschberger

Sacrow/PaarenDie zwölf ersten Christen sahen so überhaupt nicht heilig aus, sondern eher wie kaum erkennbare Holztrümmer. So beschreibt es jedenfalls Erwin Bathe. Er war schon zu DDR-Zeiten in der Kirche aktiv und deshalb dabei, als Grenzsoldaten im September 1984 die zwölf Figuren in das Dorf Paaren (Havelland) brachten. Die aus Lindenholz geschnitzten Figuren sind Abbilder der zwölf Apostel. Die 1,50 Meter hohen Figuren waren als schmückendes Inventar für die Dorfkirche gedacht und wurden von den Soldaten in zwei Holzkisten angeliefert.

Doch die alten Figuren waren in keiner Weise vorzeigbar, sondern ziemlich zerfallen. „Ich dachte, das taugt doch nur noch fürs Lagerfeuer“, sagt Bathe. Dass die sakralen Figuren und das Kircheninventar ausgerechnet von DDR-Grenzsoldaten zur Dorfkirche nach Paaren gebracht wurden, hatte mit der Kirche zu tun, aus der sie stammten: der Heilandskirche in Sacrow, nördlich von Potsdam. Die stand fatalerweise nach dem Mauerbau genau im Grenzgebiet zwischen Potsdam und West-Berlin. Es ist eine bundesweit einmalige Geschichte.

Die Heilandskirche wird zum Teil des Todesstreifens

Die 1844 fertiggestellte Heilandskirche hat den Hauch einer melancholischen, geheimnisvollen Schönheit; sie ist alterslos, ein Ort besinnlicher Ruhe. Und als 1961 Stacheldraht und Mauern die Trennung Deutschlands endgültig werden lassen, wird die Kirche zu einem Teil der Sperranlagen – einem Teil des Todesstreifens. Der letzte Gottesdienst findet am Heiligabend 1961 statt. Danach darf die Gemeinde nicht mehr in die Kirche. Das Gemäuer wird dem Verfall überlassen, das marode Dach bietet keinen Schutz mehr.

Die Heilandskirche in Sacrow stand genau auf der Grenze zwischen West-Berlin und Brandenburg.
Foto: imago images/Rex Schober

Dass zumindest die Apostel gerettet werden konnten, ist Pfarrer Hartmut Kurschat zu verdanken. Da ist man sich in Paaren noch heute einig. Als er Anfang der 80er-Jahre die Kirchengemeinde in Paaren übernimmt, will er seine Kirche verschönern. Denn Paaren verfügt über eine erstaunlich große Kirche, bei der der Gedanke aufkommt, dass dem Bauherrn beim Bau das Geld knapp wurde – für eine Innenausstattung hat es nicht gereicht. Das wurmt den Pfarrer, und er erkundigt sich beim Kirchenrat, ob es da nicht etwas zur Verschönerung im Inneren der Kirche gäbe. Zwei Wochen später kommt der Laster der Grenzer.

Pfarrer Kurschat denkt, in den Kisten befänden sich tatsächlich zwölf Apostel. Doch in einem Aktenvermerk steht, dass nur noch sieben in Fragmenten erhalten waren. Dazu werden etwa 40 Einzelteile und ein Korb mit Holzresten übergeben. Erwin Bathe sagt: „Wir waren entsetzt.“ Den Aposteln fehlten teilweise die Gesichter. „Sie wirkten wie frisch eingeschlagen.“ Bathe ist noch heute überzeugt, dass die Schäden an den Aposteln nicht nur dem Wind und dem Wetter geschuldet waren.

Restaurierung der Apostel ist teuer und aufwendig

Karsten Knuth, der heute die Besucher in der Heilandskirche betreut, zeigt ein Foto, auf denen die Verwüstung des Gotteshauses sichtbar wird. Als wäre ein Tornado durch die kleine Kirche gefegt. Heute zeigt Knuth voller Stolz auf die zwölf Apostel, die wieder hoch oben unter der Decke der Heilandskirche stehen.

Es war damals ein großes Glück, dass die Restauratoren sofort erkannten, was für ein Schatz da vor ihnen lag.

Erwin Bathe hat das Schicksal der Apostelfiguren aufmerksam verfolgt

Denn die Kirchgemeinde im etwa 40 Kilometer entfernten Paaren hat gute Arbeit geleistet. Die Apostelfiguren benötigten eine Generalüberholung. Dokumente aus der Zeit belegen, dass es absolut nicht sicher schien, ob die von Jacob Alberty gefertigten Statuen zu retten sind. Pfarrer Kurschat gab aber nicht so schnell auf: Er lud die geschundenen Figuren in seinen Wartburg und fuhr nach Berlin, zum VEB Denkmalschutz. „Es war damals ein großes Glück, dass die Restauratoren sofort erkannten, was für ein Schatz da vor ihnen lag“, sagt Erwin Bathe. „Die waren sofort Feuer und Flamme und wollten die Apostel retten.“

Dafür brauchte es aber Geld. Und das war in der DDR – noch dazu für kirchliche Belange – nicht so leicht zu beschaffen. Der Pfarrer und Erwin Bathe, der als Christ zu DDR-Zeiten in Paaren jahrelang Bürgermeister war, und andere nutzten alle Beziehungen, die sie hatten: So konnten sie 100.000 Mark der DDR für die Restaurierung der Apostel abringen.

Wende führt zur Rückgabe des Kulturguts

Sie gingen natürlich davon aus, dass die Apostel bei ihnen bleiben. Offiziell war es eine Leihgabe nur bis zu jenem Tag, an dem die Sacrower Heilandskirche wieder in den Dienst gestellt werden würde. Daran glaubte in Paaren zunächst niemand. „Wir dachten, das ist reine Formsache“, sagt Bathe. Die Restaurierung verzögerte sich allerdings, weil die Arbeiten zur 750-Jahr-Feier in Berlin 1987 die Denkmalschützer vollständig auslastete. Fünf Apostel waren restauriert und waren Paarens ganzer Stolz, als passierte, was viele nicht mehr für möglich hielten: die Wende.

In Sacrow wurden wieder Gottesdienste gefeiert. Das erste Weihnachten 1989 – noch in karger Umgebung und ohne Apostel. Die gaben die Paarener wieder zurück. Fehlende Figuren wurden nachgebaut. Karsten Knuth sagt, der Einsatz und die anstandslose Rückgabe sei den Paarenern hoch anzurechnen. „Solche Rückgaben von Kulturgut finden ja leider nicht immer statt.“

Farbige Leuchtstoffröhren markieren 2016 den Verlauf der ehemaligen Grenzmauer an der Heilandskirche.
Foto: dpa/Bernd Settnik

Nun, am Heiligen Abend, wird in Sacrow wieder ein Gottesdienst gefeiert. Die Schließung der Kirche 1961 ist 58 Jahre her. Gefeiert wird nun unter zwölf wunderbar restaurierten Aposteln. Auch in der Paarener Dorfkirche wird gefeiert. Ebenfalls unter Aposteln. Es sind Petrus und Philippus – zwei Repliken der Originale aus der Sacrower Kirche.