Unprätentiös und nahbar: Ireen Sheer in ihrer Wohnung in Wilmersdorf. 
Foto: Gerd Engelsmann

Berlin - Ireen Sheer steht seit 51 Jahren auf der Bühne – am Dienstag wird die Sängerin 71 Jahre alt. Die im britischen Romford geborene Tochter eines englischen Vaters und einer deutschen Mutter nahm dreimal am Grand Prix d’Eurovision (Platz 4 im „Waterloo“-Jahr 1974 für Luxemburg mit „Bye Bye, I Love You“, Platz 6 1978 für Deutschland mit „Feuer“ und Platz 13 1985 erneut für Luxemburg mit „Children, Kinder, Enfants“) teil. Seit 2016 lebt Künstlerin mit ihrem Ehemann und Manager Klaus-Jürgen Kahl in einer großräumigen Altbauwohnung in Wilmersdorf. Die Berliner Zeitung besuchte sie dort zum Gespräch.

Frau Sheer, Sie haben zwar eine deutsche Mutter, sind aber in England aufgewachsen. Wie kam es dazu, dass Sie bis heute hauptsächlich deutsche Titel singen?

Entdeckt wurde ich mit zwölf Jahren bei einem Talentwettbewerb an der Ostküste Englands, als ich den Elvis-Presley-Titel „It’s Now or Never“ sang. Parallel zu einer Banklehre besuchte ich eine Musik- und Theaterschule in der Grafschaft Essex. Meine Vorbilder waren Barbra Streisand und Shirley Bassey. Nachdem ich als Mitglied der Popgruppe The Family Dogg, der unter anderen auch Albert Hammond angehörte, großen Erfolg in ganz Europa und mit der Rare-Bird-Komposition „Sympathy“ einen Nummer-2-Hit in den Niederlanden hatte, nahm ich ab 1970 eigene Singles auf. Da ich zweisprachig aufgewachsen war, erkannte Polydor die Möglichkeit, den englischen Hit „Hey Pleasure Man“ in der Fassung von „Oh Holiday“ im deutschsprachigen Sprachraum zu vermarkten. Fortan nahm ich fast ausschließlich in deutscher Sprache auf.

Das war aber nicht der Grund für Ihren Umzug nach Deutschland?

Durch meine Mutter, die aus Düsseldorf stammt, war ich ohnehin mindestens einmal im Jahr in Deutschland. Und dann fragte mich die Schallplattenfirma, die in Hamburg ansässig war, ob ich nicht dort eine kleine Wohnung nehmen wollte, damit sie mich nicht immer aus England holen mussten. Eigentlich wollte ich, nicht nur wegen meines Produzenten und Komponisten Ralph Siegel, nach München. Doch so musste ich zunächst nach Hamburg, was auch schön war, zumal mein langjähriger Manager Hans-Werner Funke da lebte. Und so fing meine Odyssee durch den deutschsprachigen Raum an: Als ich in erster Ehe verheiratet war, lebte ich eine Zeit lang bei Dortmund, dann ging es zum Edersee. Und mit meinem jetzigen Mann und Manager Klaus-Jürgen Kahl lebte ich 15 Jahre lang zwischen Kitzbühel und Kufstein.

Und wie kam es dazu, dass Sie vor vier Jahren nach Berlin-Wilmersdorf zogen?

Klaus war schon immer Berlin-Fan. Er hatte bereits zuvor elf Jahre hier gewohnt, bis er aus beruflichen Gründen nach Düsseldorf musste. In Ellmau schließlich war es sehr gemütlich und auch praktisch für unsere Hündin Khyira, die man einfach zur Tür rauslassen konnte und schon war sie im Grünen, ohne jegliche Gefahr durch Straßenverkehr. Als mein Mann den Musikverlag Firework gründete, hatten wir ein Büro in der Charlottenburger Sybelstraße in einer kleinen Wohnung.

Und wann wurden Sie eine „richtige“ Berlinerin?

Als wir zu Ostern vor vier Jahren nach einem Berlin-Aufenthalt 770 Kilometer zurück nach Ellmau fuhren und dort abends etwas essen gehen wollten, hatten schon alle Restaurants zu. Ich sagte: „Guck mal, in Berlin hat noch alles auf!“ Das war die Initialzündung und so zogen wir in nach Wilmersdorf.

Haben Sie Lieblingsplätze in der Hauptstadt?

Wir gehen gerne in unserem Kiez essen. Das von unserem Freund Francesco geführte Restaurant Nabucco war unser Stammrestaurant, hat aber leider Pleite gemacht. Wir lieben inzwischen Semiramis in der Dahlmannstraße, wo es ausgezeichnete armenische Küche gibt. Und das Mancini in der Ludwigkirchstraße ist quasi unsere Kantine geworden, wo wir noch im Auto sitzend telefonisch etwas bestellen können, wenn wir von Terminen wieder nach Berlin kommen. „Berlin ist immer eine Reise wert!“, zitierte Dieter Thomas Heck gerne bei Feiern, die im Anschluss an die ZDF-Hitparade, wo ich unzählige Male auftrat, stattfanden. Und nun lebe ich hier! (lacht)

Wo haben Sie eigentlich übernachtet, wenn Sie in der Hitparade aufgetreten sind?

Immer im Schweizerhof. Nicht weit davon gab es eine Kneipe, die wir   Sänger in „Die Todeszelle“ umgetauft haben, weil uns Dieter immer dazu genötigt hatte, mit ihm Nordhäuser Korn zu trinken. Da durfte ich auch als Frau nicht kneifen!

Jetzt sind Sie wieder bei „Die große Schlager Hitparade“ auch ihm zu Ehren wieder unterwegs …

Natürlich, dank seiner Sendung kannte mich ganz Deutschland. Insgesamt sind es 70 Auftritte. Wir sind noch bis Mai unterwegs. In Berlin habe ich mit G. G. Anderson, Sandro Malinowski, Michael Hirte und Patrick Lindner, dessen Patin ich übrigens bei seinem ersten Fernsehauftritt vor 31 Jahren war, schon performt, aber wir kommen am 19. April noch nach Potsdam in den Nikolaisaal.

Gibt es da bei so vielen Auftritten unter den Kollegen keinen Tour-Koller?

Ich bin zum Glück die einzige Frau, also allein unter Männern. Da ist Zickenalarm schon mal ausgeschlossen. Und ich war noch nie eine Diva! Ich bin happy, wenn alle happy sind. Du bist in einem Ensemble immer nur so gut wie der Schlechteste. Also müssen alle gut sein und das ist bei uns der Fall. Das Publikum geht immer ab, nicht nur wenn ich alte Hits wie „Feuer“ singe, sondern auch wenn ich einen für viele unerwarteten Rock’n’Roll-Teil absolviere.

Stört Sie das Etikett „Schlagersängerin“ denn nicht?

Ich mag dieses Schubladendenken nicht sehr. Ich sage immer: Ich bin Sängerin! In Frankreich stört sich keiner an dem Begriff „Chansonnier“, in England nicht an „Pop Singer“, obwohl Cliff Richard einmal klarstellte, er wäre Rock’n Roller. „Pop“ kommt von „Popular music“, und da habe ich stimmlich versucht, eine große Bandbreite von Balladen über leichte Klassik, aber eben auch Pop und Rock anzubieten. An die Schlager-Abteilung habe ich zuerst gar nicht gedacht, aber Schlager haben schöne Melodien! Vielleicht wäre ich noch erfolgreicher gewesen, wenn ich immer wieder Songs im Stil von „Goodbye Mama“ aufgenommen hätte, aber „Type-Casting“ ist mir zuwider.

Zurück zu Berlin: Wenn Sie auswärtigen Besuch, beispielsweise aus England, haben, was zeigen Sie Ihren Gästen dann von der Stadt?

Berlin ist eine herrlich grüne Stadt und eine Kulturmetropole. Natürlich machen wir dann mit Gästen eine Spreefahrt oder zeigen Ihnen das benachbarte Potsdam. Sanssouci ist dabei ein absolutes Muss! Mein Mann und ich gehen auch gerne ins Konzert oder zum Ballett. In der Deutschen Oper habe ich endlich „Schwanensee“ gesehen und gehört; eine der ersten Vorführungen nach dem Wasserschaden, wo die Kulissen noch reduziert waren, aber die Lichteffekte umso eindrucksvoller. Nicht weit von uns ist auch der Zoo Palast, obwohl wir selbst ja eine Art Heimkino haben.

Gibt es auch Dinge, die Sie an Berlin nerven?

Also, die Behörden können Sie hier wirklich in die Tonne treten! Weit vor der Einführung des Brexit habe ich im April letzten Jahres den deutschen Pass, also eine doppelte Staatsangehörigkeit, beantragt, denn wenn man es nach dem Brexit gemacht hätte, müsste ich den britischen Pass zurückgeben. Und stellen Sie sich vor, ich habe ihn – trotz mehrmaligen Nachfragens – immer noch nicht, da er „weiterhin in Bearbeitung“ sei. Mein Freund Graham Bonney, der im Rheinland lebt, hat ihn zum Glück schon längst. Auch Ross Anthony bekam ihn sofort. Darüber hinaus finde ich es peinlich, dass schon wieder 5000 Baumängel am neuen Flughafen, der wohl nie fertig wird, festgestellt wurden. Das ist Berlins nicht würdig. Traurig auch, dass der Flughafen Tegel geschlossen werden, der heruntergekommene in Schönefeld aber weiterbestehen soll. Jede größere europäische Stadt hat mehrere Flughäfen, London sogar fünf!

Sie werden am Dienstag 71 Jahre alt. Denken Sie wie Ihre Kollegin Mary Roos mit der Überschreitung der 70 auch ans Aufhören?

Sorry, Mary hat doch nicht wirklich aufgehört! Wenn ich sagen würde: Ich höre auf und komme dann wieder, wäre es irgendwie lächerlich. Ich habe gesagt: Ich mache jetzt vielleicht mal längere Pausen zwischen den Alben. Man braucht schon viel Energie für dieses Geschäft. Solange ich das Gefühl habe, dass mich das Publikum hören will, mache ich weiter, denn ich singe nicht für mich selbst, sondern für das Publikum. Ich muss mir nichts mehr beweisen, aber auf der Bühne lebe ich nach wie vor auf!

Das Gespräch führte Marc Hairapetian.