Die Folge „Sing meinen Song“, die den Songs von Lea gewidmet ist, läuft am 9. Juni auf Vox.
Foto: Jens Koch

BerlinSchon mit 15 war sie ein YouTube-Star, ihre Pianopop-Videos wurden millionenfach geklickt. 2018 schaffte es Lea, die eigentlich Lea-Marie Becker heißt und aus Kassel kommt, mit ihrem Album „Zwischen meinen Zeilen“ bis auf Platz sechs der deutschen Charts. Ein Jahr später gelang ihr in Kooperation mit Rapper Capital Bra sogar eine Nummer-eins-Platzierung. Am Freitag (29. Mai) kommt ihr drittes Album „Treppenhaus“ in die Läden. Derzeit ist sie auch in der TV-Show „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ auf Vox zu erleben. Im Interview erzählt die 27-jährige Singer-Songwriterin, die mittlerweile in Berlin lebt, was ihr in Corona-Zeiten besonders zu schaffen macht, warum sie so viele Lieder über ihre Familie singt und was sie am Leben in der Hauptstadt ärgert.

Lea, wie haben Sie die Corona-Zeit bisher erlebt?

Ich kam von den „Sing meinen Song“-Dreharbeiten aus Südafrika zurück, quasi direkt in die Isolation. Das war schon krass. Für uns Künstler sind das jetzt generell ganz neue Erfahrungen, die auch Fragen aufwerfen: Wie gehe ich damit um, dass ich gerade keine Konzerte geben kann? Was mache ich daraus? Wie nutze ich die Zeit sinnvoll, sodass ich mich gar nicht erst der Depression hingeben muss, die man vielleicht erfährt, weil man sich nur bedingt draußen treffen kann und keinen normalen geregelten Alltag wie sonst hat.

Wofür nutzen Sie die Zeit?

Ich spreche viel mit Freunden über Telefon und Facetime. Ich kann gerade viele Dinge tun, die ich vielleicht sonst nicht machen würde, auch wieder mehr zu mir kommen und mich besser reflektieren. Wenn man immer unterwegs ist, hat man wenig Zeit dafür.

Sie haben Ihr drittes Album „Treppenhaus“ zu Hause fertig aufgenommen.

Die letzten Songs mussten in meiner Wohnung entstehen, ja. Das habe ich noch nie so gemacht, aber es musste funktionieren. Ich habe mir den Umgang mit dem Heimstudio beigebracht. Ich war gezwungen, mehr Klavier zu spielen, was gut ist.

Glauben Sie, dass diese besondere Zeit generell Einfluss auf die Musik nehmen wird?

Es werden während der Corona-Phase sicherlich viele Songs entstehen von Musikern auf der ganzen Welt, die gerade zurückgezogen leben. Ich bin sehr neugierig, was da in der nächsten Zeit für Themen auf den Tisch kommen.

Viele Musiker sind in ihrer Existenz gefährdet, weil sie nicht mehr auftreten können. Hilft es da, wenn man wie Sie bei einem Majorlabel unter Vertrag ist?

Wo man gesignt ist, hat damit erst mal nichts zu tun. Letztes Jahr konnte ich viele Festivals spielen. Die fallen dieses Jahr weg. Ob die November-Tour stattfinden wird, kann einem auch niemand garantieren. Aber dadurch, dass ich schon etwas länger im Geschäft bin und im Radio gespielt werde, muss ich nicht um meine Existenz fürchten.

Macht die Planungsunsicherheit Ihnen zu schaffen?

Das ist für alle Künstler schwierig. Alles, worauf man sich verlassen hat, gerät ins Wanken. Wenn man wüsste, dieser Zustand ist jetzt für einen Monat so, dann könnte man die Tage runterzählen. Aber wann das Leben, so wie wir es kannten, zurückkommt, weiß niemand.

Glauben Sie, dass die Corona-Krise auch eine Chance sein kann?

Schon. Es fühlt sich für mich eh so an, als würde die Weltkugel uns zurückzahlen, was wir verbrechen. So schlecht wie wir unseren Planeten behandeln, ist es fast nicht verwunderlich, was passiert ist. Natürlich ist es schrecklich, vor allem für die Risikogruppen und ältere Menschen ist es beängstigend. Und trotzdem glaube ich, dass es auch ein deutliches Zeichen dafür ist, dass wir unseren Umgang mit der Erde ändern müssen.

Bei Musikern scheint die derzeitige Lage auch viel Kreativität freizusetzen. Jeden Abend kann man Konzerte im Livestream erleben. Auch Sie waren im Rahmen des #wirbleibenzuhause-Festivals an einem beteiligt.

Für uns Künstler ist es unersetzlich, live vor Publikum zu spielen, weil es das Allerschönste ist, wenn man den Menschen direkt in die Augen schauen kann. Aber wir versuchen gerade, aus der Not das Beste zu machen und uns nicht unterkriegen zu lassen, obwohl alles abgesagt wurde. Mit dem Festival wollten wir ein Zeichen setzen, dass wir es unterstützen, dass alle Menschen gerade zu Hause bleiben. Denn Covid-19 betrifft uns alle. Es sind oftmals die jungen Leute, die sagen: „Mich tötet das Virus nicht, also ist es mir doch egal, ob ich daran erkranke oder nicht.“ Das ist sehr egoistisch und überhaupt nicht nachhaltig gedacht. Ich finde, das ist eine ganz schlimme Einstellung.

Da waren Konzerte noch möglich: Lea-Marie Becker alias Lea im Juni 2019 in der Berliner Wuhlheide.
Foto: Imago Images

Sie sind schon weit gereist. Ist es dann besonders schlimm, auf die eigenen vier Wände beschränkt zu sein?

Ich war vor dem Lockdown in Neuseeland und in Südafrika. Ich wäre also sowieso in Berlin geblieben für die nächsten Monate. Ich fliege nur einmal im Jahr weiter weg. Das ist die Regel, die ich für mich aufgestellt habe – der Umwelt zuliebe.

Derzeit sind Sie in der neuen Staffel der Show „Sing meinen Song“ zu sehen. Hat die Zeit in Südafrika bleibende Eindrücke hinterlassen?

Es war unglaublich. Wir waren eine tolle Gruppe von Menschen und richtig schockverliebt ineinander.

Wie fühlte sich das für Sie an, wenn Musiker wie Jan Plewka von Selig, die so lange im Geschäft sind, Ihre Songs singen?

Plewka ist in der deutschen Musikszene ein Urgestein, den ich vergöttert habe und es immer noch tue. Als er meinen Song sang, war bei mir alles aus. Das war eine Erfahrung, die ich mit nichts vergleichen kann. Es gab Momente, in denen ich mich fragte: „Womit habe ich das verdient?“

Zur Person

Lea alias Lea-Marie Becker kommt im Juli 1992 in Kassel zur Welt. Nach der Schulzeit verbringt sie ein halbes Jahr in Argentinien und arbeitet dort in einer Einrichtung für Kinder.

2016 war sie Background-Sängerin bei Mark Forster und stand mit Glasperlenspiel auf der Bühne. Das Lied „110“, das 2019 in Zusammenarbeit mit Capital Bra und Samra entstand, erreichte Platz eins der deutschen Singlecharts.

Lea schreibt Texte übers Reisen, das Unterwegssein, über Liebe und Familie. Viele ihrer Lieder sind innere Monologe, in denen sie Fragen an sich selbst richtet, die oft unbeantwortet bleiben.

Immerhin erscheint jetzt Ihr drittes Album „Treppenhaus“. Darauf ist auch der Nummer-eins-Hit „110“ enthalten, den Sie 2019 mit Capital Bra veröffentlichten.

Aber diesmal singe ich ihn alleine – ohne Capital Bra. Mir war es wichtig, dass ich die Geschichte des Songs, der von einer Beziehung in der Krise erzählt, noch mal aus meiner Perspektive erzähle.

Das Lied „Sylt 98“ erzählt indes vom Aufwachsen mit Ihrer älteren Schwester.

Sie ist anderthalb Jahre älter als ich. Immer, wenn sie heute bei mir ist, fühlt es sich so an wie Sylt ’98. Dann beamt es mich zurück in unsere wunderschöne Kindheit, die so sorglos war, wie eine Kindheit nur sein kann.

Sie leben seit zwei Jahren in Berlin. War es schwer sich einzuleben?

Ich habe lange in Hannover gewohnt, weil ich dort auch studiert habe. Aber ich war generell immer schon ein riesiger Berlin-Fan. Ich habe mich hier sofort wohlgefühlt. Geholfen hat, dass ich ganz schnell eine Wohnung gefunden habe. Das ist nicht gang und gäbe in Berlin. Ich wohne in Neukölln und mag das Viertel.

Gibt es trotzdem etwas an Berlin, was Sie ärgert?

Die langen Wege. Ich bin meist mit Fahrrad oder U-Bahn unterwegs, laufe auch viel zu Fuß. Es braucht immer ewig von A nach B.