Die Sängerin Sofia Portanet.
Foto: Phillip Kaminiak

BerlinDie ersten Sekunden ihre Songs „Art Deco“ sind schon gewaltig. Da schrammelt es an der Gitarre wie zuletzt bei der deutschen Band Die Nerven, und eine mit Autotune bearbeitete Sopranstimme singt: „Its me, I’m your trophy. I’m yours, yes you won me.“ Kurz darauf tüttelt es an Klavier und Synthies wie einst zur Wendezeit. Und in einem rasanten Musikvideo zeigt sich Sängerin Sofia Portanet in knalligen 80er-Jahre-Outfits, tanzend mit ein paar Geishas. Nicht nur der Sound muss stimmen, sondern auch der Style. Das Faible dafür hat die 3o-jährige Musikerin wohl schon länger.

Als wir sie zum Interview in Berlin treffen, lebt sie es jedenfalls vor: In knallroten Pumps, mit einer zurecht geschüttelten Jane-Birkin-Frisur und in einer Schulter-gepolsterten gelben Bluse schlendert sie durch die Straße, als wäre sie ein Flaneur in Paris. Was nicht daran liegt, dass sie in Frankreich aufgewachsen ist, in Berlin fühle sie sich frei, sagt sie. „Ich liebe die Stadt und ihren Freiraum, ich bin hier aufgeblüht.“ 

Im Pressetext zu ihrem gerade erschienen Debütalbum „Freier Geist“ wird erwähnt, dass sie am Tag des Mauerfall geboren sei. Doch Portanet ist nicht in Berlin auf die Welt gekommen, sondern in Kiel. Ein paar Wochen später zogen ihre Eltern dann nach Paris. Die deutsche Hauptstadt haben sie danach immer wieder mal besucht. 

In Berliner Restaurants sang Sofia Portanet Chansons

Mit 18 wollte sie dann nicht mehr die Touristin sein und zog ganz hier her. Sie hat in einigen Nebenjobs gearbeitet und in Bars und Restaurants Chansons und Soul-Cover gesungen. Während ihrer Schulzeit in Frankreich war sie nebenbei in einem nationalen Kinderchor tätig, der Vater war zudem Berufsmusiker.

Doch in Berlin hatte sie mit dieser Art von Musik zunächst keine Chance, und irgendwann suchte sie nach einer neuen Richtung. „Der Schlüsselmoment war dann, dass mir ein Freund ein Gedicht auf Deutsch schrieb“, sagt sie. „Und ich fand es so schön, dass ich anfing, es zu singen.“ Zuvor hätte sie keinen richtigen Zugang zur aktuellen deutschen Musik gefunden. Erst dann fing sie an, sich stärker auf die Lyrik einzulassen.

Letztlich ist aus dem Gedicht ihres Freundes die erste Strophe aus dem 2018 veröffentlichten Song „Freier Geist“ geworden. „Wie uns einst das Leben lacht. Der Wind des Windes Sturm entfacht“, heißt es darin. Dabei betont sie jedes einzelne Wort stark, die klassische Gesangsausbildung ist genauso rauszuhören, wie der satte Keyboardsound, der sich im Hintergrund abspielt. Auf dem neuen Album ist das Lied auf Englisch enthalten, sie singt in beiden Sprachen auf dem Werk. Bei der Produktion half ihr dann aber ein weiterer Freund.

Die Sängerin Sofia Portanet wurde in Kiel geboren.
Foto: Alexander Malecki

Bei einem Engagement für die Berliner Krautrock-Band Camera lernte sie ihren jetzigen Bandgitarristen und Co-Produzenten Steffen Kahles kennen. Sie kamen ins Gespräch und fingen bald an, zusammenzuarbeiten. Entstanden ist ein Sound aus New Wave, Post-Punk und Goth-Pop. Genres, die in England und Frankreich beheimatet sind. Denn wenn Portanet etwas nicht mag, dann ist es die Einordnung ihrer Musik unter die Gattungsbezeichnung Neue Deutsche Welle. „Ich kann verstehen, wenn manche Elemente in der Musik oder im Gesang punktuell daran erinnern, aber stilistisch geht die Musik in eine andere Richtung und hat auch nicht diese humoristischen und skurrilen Elemente“, sagt sie. Und hat recht:

Sofia Portanet vertont die Gedichte von Heine und Rilke

Es geht nicht um Fun am Steuer oder 99 Luftballons, Portanet vertont neben Alltagserzählungen und Fabeln auch Gedichte von Rainer Maria Rilke und Heinrich Heine. Veröffentlicht hat die Lieder das Berliner Szenelabel Duchess Box Records, auf dem neben Portanet das Garage-Rock-Duo Gurr unter Vertrag ist. Beide Bands sind mittlerweile auch in England gern gesehen. Der Radiosender BBC nannte Portanet in einer Sendung „Germany’s next international pop star“. In den iTunes- und Amazon-Charts landete ihr Album prompt.

Die Art und Weise wie sie ihre Lieder singt und vertont ist aber nicht nur für die Briten ein angenehm frischer Wind. Viele deutsche Popstars klingen meist doch sehr ähnlich und legen ein eher verhaltenes Temperament an den Tag. Neben jüngeren Bands und Künstlern wie Drangsal, Die Heiterkeit und Die Nerven reiht sich Portanet in eine schöne Schlange ein, die längst auf unterschiedliche Weise die deutsche Independent-Schiene bedient. Ob sie dabei bleibt?

Das weiß sie nicht. Die junge Jane Birkin, die mittlerweile an einer Apfelschorle in einer Kreuzberger Bar nippt, will sich genug Freiheiten lassen. Das nächste Album sei zwar schon im Kopf, aber es sei noch zu früh für Näheres. Eines verrät sie dann aber doch: Nächstes Jahr wird sie an der Deutschen Oper ein Stück kuratieren. Darauf freue sie sich. Denn wenn Sofia Portanet eines ist, dann eine Frau, die diese Freiheit ebenfalls braucht – zu den klassischen Wurzeln mal zurückzugehen. Sonst könnte sie womöglich auch nicht mehr wie eine Madame über die Straße schlendern und das Leben genießen.

Sofia Portanet – „Freier Geist“ (Duchess Box Records) ist bereits erschienen. Am 22. Juli tritt sie beim New-Fall-Festival in Düsseldorf auf, im September ist sie beim Reeperbahn-Festival in Hamburg zu sehen.