Im Theater sind Sex und Gewalt die Sollbruchstellen der Illusion. Hier wird die Einlassungsbereitschaft des Zuschauers am meisten gefordert. Andererseits darf er auch nicht glauben, was er sieht − nicht, dass er dem Schläger zivilcouragiert Einhalt gebietet oder seine vom Schauspiel entfachten erotischen Fantasien ins prompte Werk setzt. Der Zuschauer weiß, dass das, was die Profis da tun, vorgetäuscht ist. Schauder und Entsetzen weichen, man hat verstanden, guckt auf’s Gemachte, registriert seine sinnliche Erfahrung und möchte, dass es weitergeht. Sex und Gewalt sind dramatisierende Theatereffekte, aber sie sind natürlich auch für sich ein Thema.

Das stürmende und drängende Maxim-Gorki-Theater kennt keine Angst und stürzte sich mit zwei Premieren am Spielzeit-Eröffnungswochenende gezielt auf eben diese beiden Themen. Der Regisseur Sebastian Nübling und der Choreograf Ives Thuwis kümmern sich in „Fallen“ um die Gewalt, die Regisseurin Yael Ronen in „Erotic Crisis“ um Sex. Es ist fast so, als begänne das erfolgsbeflügelte Gorki, das nun in die zweite Shermin-Langhoff-Saison geht, sich zu sortieren: Was machen wir hier, worum geht es uns, und was können wir? Das Gorki zeigt uns mit diesem Doppelschlag die Instrumente, mit denen es uns noch an den Kragen gehen wird.

Leider zerknackt das textlose Tanzstück „Fallen“ ziemlich wirkungslos an besagter Sollbruchstelle: Zehn Männer verbringen in einem Freiluft-Sandkasten vor dem Theater eine lange Stunde damit, sich vor Publikum körperlich zu verausgaben. Sie verdreschen einander, verrichten Fallübungen, führen ihre Bäuche, Ärsche und Muskeln vor, legen ein intensives Workout hin, eine Lektion in Kampfakrobatik. Aber sie kriegen auch viel Sand in die Augen, und manchmal scheppert es derart, dass man bereit ist zu glauben, der eine oder andere habe sich jetzt vielleicht doch wirklich wehgetan. Das würde diesen Abend freilich nicht gehaltvoller machen, im Gegenteil. Es handelt sich um ein zudringliches Spektakel, um eine unreflektierte, tautologische, formale Übung – hoffentlich nicht zu erfahrungsreich für die zehn Spieler. Nun ist es ein verbreiteter Wesenszug der Gewalt, dass sie sinnlos und unreflektiert ist. Hat man uns das mitteilen wollen? Na gut.

Bei Yael Ronen erfährt man auf das Erbarmungsloseste und Komischste, dass zu viel Reflexion und Sinnsuche einem das Sexualleben vermasseln kann. Paare seien gewarnt vor den Nebenwirkungen eines Theaterbesuchs. Man wird ja hinterher über das Stück reden wollen − und also über Sex reden müssen. Und wie schnell so ein Gespräch von der scheinbar unverbindlichen Erkundigung zur Hassattacke abrutschen kann, machen die Figuren vor. Die Dialoge sind, wie bei Ronen üblich, während der Proben zusammen mit dem Ensemble entstanden. Auch das muss für die Schauspieler erfahrungsreich gewesen sein – allein durch die Kostümproben, bei denen seltsamste Reizwäsche und Sexspielausrüstungen getestet wurden, dürften auch die privaten Schamgrenzen verrutscht sein.

Dabei wird wiederholt auf die Distanz zwischen Figur und Spieler gepocht. Bevor Orit Nahmias als Maya in selbstverständlich vorgetäuschter Genüsslichkeit eine detailreiche sexuelle Fantasie ausführt, macht sie verdächtig sorgfältig klar, dass es sich nicht um die eigenen, sondern um Wunschvorstellungen ihrer Figur handelt. So sorgfältig, dass Thomas Wodianka sie mit einem „Sie haben es jetzt verstanden“ unterbricht, wobei nicht ganz klar ist, ob er sie jetzt in seiner Rolle als Ehemann Jan unterbricht oder in seiner Rolle als Schauspielerkollege. Denn natürlich geht das auch überkreuz.

Die begnadete Seelenausstülperin Anastasia Gubareva lässt einen momentweise vergessen, dass sie die kummervolle Kumari nur spielt. Und die Verzweiflung, mit der Aleksandar Radenkovic aus der Rolle des Rafael steigt und sagt: „Ich fühle mich in der gesamten Situation nicht wohl. Ich fühle mich benutzt. Ich nehme das Ganze doch mit nach Hause“ − das ist natürlich deshalb so superlustig, weil wir ahnen, dass es stimmt. Und dass es uns Zuschauern ähnlich gehen wird. Kann uns dieser Eingriff ins Privatleben recht sein? Zumal uns Mareike Beykirch als überzeugte Single und Computerspezialistin deutlich macht, dass sie alles über uns weiß, weil sie über ein paar Spuren, die wir mit den Smartphones hinterlassen, unser Unbewusstes hackt. Unsere Einzigartigkeit scheint doch ziemlich austauschbar zu sein.

Der hexenhaft kichernde Humor der Menschendurchschauerin Yael Ronen ist schwarz und einfühlsam zugleich. Mit überrumpelnden, pointierten Dialogsprints reißt sie die Figuren herab in die Ausweglosigkeit scheinbar tragischer Situationen − dann verweilt sie ein wenig in der Tiefe der Krise, und siehe da, irgendwie lassen sich diese Dinger doch überwinden. Und wenn die Krisen der Figuren so lustig sind, vielleicht versucht man mal ein krampflösendes Kichern über die eigenen.

Fallen. 16., 17., 19.-21., 24., 25., 28., 29. Sept., 20.30Uhr vor dem Gorki

Erotic Crisis 15., 19., 20., 28. Sept.; 8., 10., 14. Okt. 19.30Uhr im Maxim-Gorki-Theater. Kartentel.: 20221115