Die Ausmaße der Beifallsbekundung im Gorki-Theater sind mal wieder berichtenswert: Schon zu Beginn von „Roma Armee“, als das Saallicht erlosch, brach der erste Applaus los. Das kennen wir sonst vom Boulevardtheater, wenn die Stars − hallo, ich bin es wirklich! − erst einmal ihre Schokoladenseiten im Rampenlicht baden, bevor es losgeht. Solche Vorfreude kommt immer nur dann auf, wenn sich das Publikum sicher sein kann, wozu es gebeten ist und was es kriegt.

Und wenn die Gorki-Spielzeit mit einer Yael-Ronen-Premiere eröffnet, die eine Minderheit ins Zentrum rückt und mit den Biografien der Spieler arbeitet, kommt sofort We-Are-Family-Atmosphäre auf und dann ist es dramaturgisch geradezu geboten, dass zum Ende die jubelnden, gänsehäutigen Zuschauer von ihren Sitzen springen. Es gab aber auch jede Menge Szenenapplaus – nach Pointen, Bekenntnissen, Appellen oder auch nach dieser Verkündung: „Entschuldigen Sie bitte die Unannehmlichkeiten, aber dies ist eine Revolution!“

Zu spät, Sympathisant!

Aber gern!, möchte das im Zuschauersessel herumsympathisierende Mehrheitsmitglied antworten. Es ist durch den Charme, die Spiellaune und die Schamüberwindungstriumphe der acht Spieler längst gewonnen. Aber Moment mal, was sagte die umwerfend toughe feministische Roma-Kämpferin Mihaela Dragan einen Moment zuvor? „Ist es dem weißen Europa möglich, dieser göttlichen Katastrophe zu entkommen? Unsere eigenen Leute wären dumm, wenn sie dessen trügerische Angebote der Integration in seine verdammte Gesellschaft akzeptieren würden. Es ist zu spät!“

Egal. Erst einmal klatschen. Vielleicht schaffen wir es ja doch noch irgendwie. Zumal man sich bei einer Produktion der israelischen Regisseurin immer auch auf den nächsten Bruch verlassen kann und alles vielleicht nicht so ernst oder doch anders gemeint ist: Nach aktivistischem Pathos kommt selbstreflexive Ironie, nach biografischer Betroffenheit gern auch mal ein guter schlechter Witz. Besonders an diesem Abend geht man durch ein Wechselbad der Stile und Spiel- und Sprechhaltungen − getragen von der stimmungsaufladenden Musik von Yaniv Fridel und Ofer Shabi und geschmückt von einer animierten Wimmelprojektion von Damian und Delaine Le Bas.

Da schmilzt der Saal

Er beginnt als Castingshow mit Seelen-Strip-Elementen: Wer ist welcher Nationalität und welcher Art von Geschlecht, wohin ungefähr sexuell orientiert und hat wann wie stark zuletzt menstruiert, notfalls durch die Nase? Es gibt Bootcamp-Formationschoreografien, Pamphletverlesungen, Anklagedeklamationen mit Fackeln, Kutten, Flüsterchor und Tamburin. Mal fühlt man sich wie beim therapeutischen Bekennerzirkel, mal macht Hamze Bytyci Wahlkampf für die Linke und mal umflattern einen hysterische und ich-schwache Comic-Superhelden.

Gesungen wird auch, und wie: Mal rappen die in Serbien geborenen, hörbar in Österreich aufgewachsenen Roma-Schwestern Sandra und Simonida Selimovic im „Kusturica-Style“; die britische blonde Romni Riah May Knight und der aus Schweden kommende Rom Lindy Larsson legen ein Duett hin, mit dem sie mühelos jeden Eurovision Song Contest gewinnen würden. Wenn später noch Mehmet Atesci einstimmt, schmilzt der Saal.

Ein einziger Dialog

Der Kreuzberger Türke Atesci und die Israelin Orith Nahmias sind die beiden einzigen Gadje, also Nicht-Roma, auf der Bühne. Ihnen gehört auch die einzige Dialogszene des Abends, in der sie sich sehr ausführlich und lustig mit der Tatsache auseinandersetzen, dass sie so wenig zum Zug kommen und eigentlich nur dazu aufgerufen sind, das Theater den Roma zur Verfügung zu stellen. Und mit Theater ist vor allem die Rampe gemeint: Vortreten, das Publikum direkt ansprechen, umgarnen, beschimpfen, flachwitzeln oder weichsingen und es erst mit seinem Lachen und danach, wenn es klappt, mit seiner Irritation allein lassen − das ist so ungefähr die Ronen’sche Grundmethode.

Was zum Beispiel fängt man an mit den entgleisenden, tränennassen Beschwörungen des Roma-Stolzes? Es soll sich ja niemand seiner nationalen, vor allem durch feindliche Klischeezuschreibungen, von tiefsitzendem Hass und jahrhundertelanger Gewalt lädierten Identität schämen müssen, aber ist es sinnvoll, ausgerechnet mit Nationalstolz darauf zu antworten?

Bis in den Tod?

Auch die Rede von der Furcht, dass es „uns“ (das Volk der Roma) in zwei Generationen nicht mehr geben könnte, kommt einem aus der Identitären-Ecke bekannt vor. Es wird „Oh, Roma! Oh, Brüder!“ gesungen, es gibt einen Treueschwur: „Ich werde meinen Körper stark und gesund halten, um mich selbst, meine Familie und meine Roma-Brüder und -Schwestern zu schützen!“ Sogar von Kampf bis zum Tod ist die Rede und von „starkem Blut“.

Bevor man das Fürchten bekommt, denkt man lieber an den Beginn des Abends zurück: Auch der Menstruationsstolz schließt ein paar Leute aus, was sie vom Mitfeiern aber längst nicht abhält.