Gott ist nicht schüchtern im Berliner Ensemble. 
Foto:  JR Berliner Ensemble

BerlinIm Berliner Ensemble, das am Freitag coronabedingt erst nach fast einem halben Jahr wieder vor Publikum spielte, ist man zur Einhaltung der Hygieneregeln und zur Kanalisierung der Publikumsströme aufgerufen, eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn seinen Platz im Parkett einzunehmen. Die beiden Ränge sind jeweils zehn Minuten später dran. Die Wege sind mit verschiedenfarbigen Fußspuren und Flatterband markiert, und die Toiletten sind unisex, damit man nicht unnötig die Seite des Hauses wechseln muss. Die Regeln werden wiederholt durchgesagt, Einlasspersonal achtet auf die Einhaltung. Dies fürs Protokoll.

Die lange Wartezeit auf den wenigen verbliebenen Sitzen im Parkett (zwei Drittel wurden ausgebaut) schafft eine meditative Stimmung, schon weil der Small Talk über die gebotenen Abstände hinweg nicht funktionieren will. Der Saal liegt im Halbdunkel und auf dem geschlossenen Eisernen Vorhang laufen die Bilder einer Videoschleife, die Jonas Englert für die Premiere der Roman-Adaption „Gott ist nicht schüchtern“ von Olga Grjasnowa montiert hat.

Zu sehen sind 51 kurze Szenen, in denen Staatsmänner (eine Frau ist auch dabei) in historischen Momenten einander die Hand reichen. Einer von beiden ist jeweils zweimal hintereinander zu sehen. Dadurch entsteht eine Kette von Berührungen, die in pandemischen Zeiten an eine Infektionskette erinnert. Sie scheint ein geopolitisches Geflecht der Interessen und Alliancen greifbar werden zu lassen, aber schon nach drei oder vier Schnitten verliert man hoffnungslos die Übersicht. Die Berührungen reichen von 1917 – einem Händeschütteln zwischen dem deutschen Kaiser Wilhelm II. und dem osmanischen Sultan Mehmet V. – bis in die Gegenwart mit Merkel, Trump und Putin.

Sie sind aber nicht chronologisch sortiert, sondern eben nach besagtem Reigenprinzip. Die Infektion mit Hitler findet ihre schnelle Fortsetzung, der Kalte Krieg scheint im Handumdrehen abgemacht und gewendet, Despoten bekommen die Ehre und verschwinden wieder. Wir sehen Churchill, Kennedy, Chruschtschow. Die Wege sind nicht weit von Chirac über Hussein zu Rumsfeld, von Merkel über Erdogan zu Sarkozy und Assad. Und im Hintergrund sieht man Medienvertreter mit ihren Spiralblöcken oder Mikrofonen.

Dieser faszinierende Reigen bildet den Hintergrund für die Geschichte von Amal, Youssef und Hammoudi, Menschen aus der gehobenen syrischen Mittelschicht, die während das arabischen Frühlings 2011 in die Proteste gegen das Assad-Regime verwickelt sind, so gut wie alles verlieren, ein Martyrium durchmachen, fliehen und einander schließlich in Neukölln auf der Sonnenallee wiederfinden. Die Inszenierung von Laura Linnenbaum spielt vor und hinter einer fast bühnenraumfüllenden, drehbaren Assad-Werbewand. Die Handlung, die in der gerafften Bühnenvariante noch mehr nach den Regeln des Melodrams an den historischen Ereignissen entlangkonstruiert wirkt als in dem Roman, wird zu großen Teilen von den Figuren erzählt, die ab und zu in den Dialog miteinander springen.

Leider gibt es in den Mitteln keine Entwicklung und die Figuren haben wenig Gelegenheit, situativ zu spielen. Die Zumutungen, Qualen und Verbrechen, die ihnen widerfahren und deren Zeugen sie werden, geraten so zu einer erschreckenderweise ermüdenden Liste von Unaushaltbarkeiten. Immer noch eins drauf. Sodass es fast wie eine angeklebte Pointe wirkt, dass Hammoudi nach allem, was er überstanden hat, bei einem Anschlag auf ein Asylbewerberheim ums Leben kommt.

Cynthia Micas als Amal, Marc Oliver Schulze als Hammoudi und Armin Wahedi als Youssef können nicht viel mehr machen als ihre finsteren Berichte mit emotionalem Ton zu unterlegen, die wenigen Spielszenen leiden unter dem Hygieneabstand. Oliver Kraushaar verkörpert die ganze opportunistische Vätergeneration und ist als „Rezeptionist“ für alle blasierten Büttel der Exekutive zuständig, vom Folterer über den Scharfschützen bis zum Beamten in der Ausländerbehörde – eine Sammlung von manierierten Sonnenbrillenbosheiten. Alles bleibt in theaterhafter Ferne, dabei ist es das Verdienst des Romans, die hier so leicht zu verdrängende Katastrophe in Syrien als Erfahrungswelt der Figuren für seine Leser aufzuschließen und nahezurücken.

Gott ist nicht schüchtern. 5., 6.; 15.–17.9., 19.30 Uhr im Berliner Ensemble, Tel.: 28408115