Licht aus, Spot an: Hallo Feinde. Dunkel ist und bleibt es auf der Bühne des Salzburger Landestheaters und im Publikum. Lediglich ein Lichtkegel erhellt den schwarzen Raum. Eine passende Umgebung für Friedrich Schillers „romantische Tragödie“, die 1801 geschriebene „Jungfrau von Orleans“? Dunkel und von Schwertgerassel erfüllt ist die dem Stück den historischen Hintergrund liefernde Zeit, der Hundertjährige Krieg zwischen Frankreich und England. Eine Zeit der Todfeindschaften. Und auch die Zeit der Jeanne d’Arc, der Kirchenheiligen und französischen Nationalheldin, die Schiller als Jungfrau von Orleans auftreten lässt. Sie, die Johanna, steht inmitten des spärlichen Lichtkegels und ganz im Zentrum des Regiekonzepts von Michael Thalheimer. Die Inszenierung ist eine Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin, hier hat sie Ende September Premiere.

Sie bewegt sich kaum vom Fleck

Mit ihrem rot leuchtenden Haar und dem madonnenähnlichen Gesicht entspricht Kathleen Morgeneyer als Johanna zahlreichen Porträts der Jeanne d’Arc. Was dieser Gotteskriegerin im Vergleich zu den malerischen Abbildern jedoch fehlt, ist eine Rüstung. Morgeneyer trägt ein zunächst blütenweißes, ärmelloses Kleid. Und sie bewegt sich fast gar nicht, rührt sich zumindest nicht vom Fleck während der gesamten, gut zweistündigen Aufführung. Fast ganz starr, ohne sich zu verkrampfen, stützt sie sich mit der rechten Hand auf ein Schwert, während sie den linken Arm leicht geöffnet zur Seite hält: Als Heilige und Prophetin erscheint sie somit auf der einen, als inzwischen kriegsbemalte Kämpferin auf der anderen Seite. Sie steht im Licht und sie steht regungslos da. Und sie bewegt sich auch nicht, wenn sie tötet, sondern bleibt ein entrückter Todesengel.

Ihre Omnipräsenz überschattet alles. Alle anderen Figuren agieren im Dunklen, sie bekommen nur dann ein paar Lichtstrahlen zugeteilt, wenn sie sich der Johanna nähern. Sie sprechen, selbst wenn sie an der Rampe stehen, ohne Unterstützung der Schweinwerfer. Schnell ist also klar, dass hier nicht der Außenraum, sondern Johannas Innensicht gezeigt wird.

Thalheimer konzentriert sich ganz darauf, die Jungfrau von Orleans zu verstehen, das Mädchen mit dem „männlichen Herzen“, das sich kompromisslos einem göttlichen Auftrag verschrieben hat und ohne jegliches Mitleid mordet – bis es die Liebe kennenlernt und dadurch die Mordlust verliert. Erzählt wird – nahezu in Zeitlupe – weniger die Geschichte einer Persönlichkeitsstörung als einer jugendlichen Identitätskrise.

Auch wenn Thalheimer viele Auftritte und Kapitel zusammenlegt und somit zügig im Stücktext voranschreitet, zieht er das Spieltempo selten an und integriert immer wieder lange Momente der absoluten Stille. Verwundert scheint diese Johanna über sich selbst zu sein, dann aber wird von einer Sekunde auf die nächste aus ihrem zarten Mädchentonfall der derbe Sound eines Killers. Ihre Verwirrung wächst und die göttliche Stimme in ihrem Kopf kämpft mit ihrem erwachenden Selbst. Johanna wird verrückt – durch die Liebe, die letztendlich ihren Tod verursachen wird.

Theaterblut, natürlich. Der rote Saft fließt reichlich. Blutüberströmt sind die verwundeten und getöteten Soldaten, die ihren Übertritt ins Jenseits regelrecht zelebrieren: Sie nehmen einen tiefen Schluck aus der schnellen Pulle, verströmen die Flüssigkeit über Johannas Kleid und sinken zu ihren Füßen nieder. Immer wieder zeichnet Thalheimer mit wenigen Strichen einprägsame Schlachtgemälde eines Seelenkrieges, der ein existentielles Verwundetsein spiegelt. Schillers massentaugliches Drama wird also Thalheimer-typisch eingekocht, wenig ist zu erkennen vom politischen und ideologischen Radikalismus der Französischen Revolution und ihren Folgen. Auch die Transformation ins Heute fehlt.

Trotz allem bleibt es in dieser Schiller-Lehrstunde nicht bei einem Solostück. Das ist nicht nur den Nebenrollen zu verdanken, deren Darsteller teilweise unsichtbar, aber stimmgewaltig aus dem Off zu spüren sind. Almut Zilcher glänzt als derbe, schwarz gekleidete und das Leben wild liebende Königin Isabeau, die auf Stöckelschuhen durchs Leben stolziert. Ihr Sohn, Karl der Siebte, König von Frankreich, ist mehr als eine heimliche Hauptfigur. Christoph Franken spielt ihn als durchgedrehten Herrscher, der gar nicht weiß, wie viele Stimmen in seinem Kopf summen. Hin und her gerissen zwischen Vaterlandsliebe, Patriotismus, Feigheit und labilem Selbstwertgefühl tippelt er im Pelzmantel, mit rot geschminkten Lippen und einer simpel gezackten Krone über die Bühne und spricht seine wilden Worte ins Leere. Letztlich ist er seiner Frau Agnes verfallen – mehr interessiert ihn nicht.

Sie zittert und neigt den Kopf

Die historische Jeanne dArc endete auf dem Scheiterhaufen, Schillers Jungfrau von Orleans stirbt den heldenhaften Tod auf dem Feld. Thalheimer bleibt hier im Unklaren. Johanna spricht ihre letzten Worte vom kurzen Schmerz und von der ewigen Freude im Jenseits ohne dabei die (Kriegs)-Fahne Schillers hochzuhalten und ohne in den Flammen zu verbrennen. Wie von Schiller gefordert, öffnet jedoch der Himmel hier seine hellen Tore, das Licht auf der Bühne geht an. Die Jungfrau von Orleans zittert und neigt ihren Kopf zur Seite.

Letztlich bleibt in dieser runtergekühlten Sprechtheater-Version der Jungfrau nicht einmal die Geschichte einer Frau übrig. Aber auf einmal wird klar, warum insbesondere junge Menschen so kriegstauglich sind – ob im Namen Gottes oder eines Politikers. Es hat nichts mit ihren leistungsfähigen Körpern zu tun. Sondern mit der Tatsache, dass sie das Lieben noch nicht kennengelernt haben. Licht aus.

Die Berliner Premiere ist für den 27. September vorgesehen.

http://www.salzburgerfestspiele.at/schauspiel/jungfrau-2013