Salzburger Festspiele: Zauberflöte: Vier Stunden Prüfung

Wenn bei den Salzburger Festspielen die neue Intendanz mit einer „Zauberflöte“ eröffnet, ist das ein programmatisches Statement. Mozart ist, neben Richard Strauss, der musikalische Hausgott an der Salzach. Dass Alexander Pereira für seine erste Salzburger Mozart-Produktion jetzt den eigenwilligen Altmeister historischen Musizierens, Nikolaus Harnoncourt, mit seinem Spezialensemble Concentus Musicus (und nicht die Wiener Philharmoniker) zu einem Opernabstecher nach Salzburg überredet hat, ist dabei eine Herausforderung: Eingebürgerte Hörgewohnheiten bedient Harnoncourt nicht. Dass sich Pereira aber für den deutschen Regisseur Jens-Daniel Herzog entschied, zeugt davon, wie er szenisch auf Nummer sicher zu gehen gedenkt.

Immerhin nehmen Herzog und sein Ausstatter Mathias Neidhardt die Felsenreitschule als eigenwilligen Theaterraum beim Wort. Nachgebaute Arkadensegmente mit durchnummerierten Türen liefern ein wandelbares Labyrinth aus Gängen und Räumen. Vom Dach aus lassen drei elegant gekleideten Damen eine Schlange zum schlafenden Tamino (mit schönem Schmelz: Bernhard Richter) herab, um den smarten blonden Burschen in Jeans und Jackett auf seinen Weg der (Selbst-)Erkenntnis zu schicken. Papageno rollt mit einem kleinen Lieferwagen an und verkauft seine Vögel an Körbchen schwingende Mädchen. Sarastros Reich ist eine Anstalt für Menschenbildung mit Pennälern in Schuluniformen mit kurzen Hosen und Lehrern in weißen Kitteln. Eine Schule, deren Lehrerschaft vom diktatorischen Sarastro (mit würdiger Eloquenz: Georg Zeppenfeld) mit ziemlichem Wortgedöns auf Kurs gebracht wird.

Wenn er am Ende mit der Königin der Nacht (bestechend höhensicher: Mandy Fredrich) kämpft und ihm dabei der Sonnenkreis aus der Hand und Tamino vor die Füße fällt, haben seine letzten Worte, wonach die Sonnenstrahlen die Nacht vertreiben, durchaus etwas von Selbsterkenntnis. Dass sich Tamino und Pamina (glockenklar: Julia Klanter) hier aus den Vorgaben befreien und zu Papageno und Papagena und ihren vier Kinderwagen wechseln können, ist sympathisch, normal und beruhigend menschlich. Mit zwingender Logik erspielt und vorbereitet ist dieser Akt von Selbstbestimmung freilich nicht.

Diese Zauberflöte hat bei all ihrer szenisch braven Mainstream-Modernität und musikalischen Exklusivität auch ein Problem. Und das ist sie selbst. Denn unter dem Schutz der genialen Musik schleppt Schikaneders Text nicht nur allerlei Frauenfeindliches, sondern auch ziemlich Fundamentalistisches mit sich. Was besonders – wie hier – bei erbarmungsloser Texttreue auffällt.

Die eigentliche Herausforderung ist aber Harnoncourts Lesart. Seine eigenwillige Sicht auf die Musik nimmt sich alle Zeit der Welt, und schmeckt genüsslich ab. Diese Art von individuell geformtem Ausdruck macht aus der Ouvertüre ein aufregendes Abenteuer, verlangt den Sängern aber langen Atem ab. Dabei drängt er die Sänger mitunter in Liederabendnähe.

Am Ende feiert das Publikum den Altmeister zwar pflichtgemäß, doch schwang da auch die Erleichterung mit, diese fast vier Stunden währende Zauberflöten-Prüfung endlich überstanden zu haben.