Es gibt ein paar Städte, zu denen einem, auch wenn man aus dem Tiefschlaf aufgeweckt würde und noch nicht ganz bei Sinnen ist, sofort Bilder einfallen, selbst wenn man noch nie dagewesen ist: Paris! New York! Venedig! Und selbstverständlich Salzburg. Wirklich, Salzburg? Mozarts Geburtshaus in der Getreidegasse 9, umlagert von Touristen, oder die hoch über der Stadt gelegene Festung Hohensalzburg, nachts effektvoll angestrahlt?

Gut, mit dem Eiffelturm oder der Freiheitsstatue können diese Bauwerke vielleicht nicht mithalten, aber die kleine Stadt an der Salzach mit ihren rund 150.000 Einwohnern hat noch ein besonderes Kennzeichen: Es fällt einem nämlich sofort Musik zu ihr ein. Der erste Satz aus der „Kleinen Nachtmusik“ bestimmt (tam tatam tatatatatatam) oder die Rachearie der Königin der Nacht aus der Oper „Die Zauberflöte“ mit ihren halsbrecherischen Koloraturen.

Nur echt aus der Konditorei Fürst

Ach, Mozart! So richtig nett waren sie zu dir zwar nicht in deiner Geburtsstadt, aber jetzt bist du überall präsent: In den Souvenir-Läden (da hättest du, abgedruckt auf Ansichtskarten, Schirmen, T-Shirts, gelacht vor Freude), in den Auslagen (da hättest du, zwischen Dessous und Petit fours, gejuchzt vor Vergnügen), auf Bühnen und in Konzertsälen (wo du ja recht eigentlich hingehörst als wohl bekanntester Komponist der Welt).

Ewig rollt hier die Mozart-Kugel, die originale, silbern-blau verpackt aus der Konditorei Fürst, und etliche ähnliche, ebenfalls wohlschmeckende Produkte. Und dann nimmt man einfach mal sein Herz in die Hand und geht ungeachtet aller Vorbehalte zu Mozarts Geburtshaus, hat Glück, und es ist nicht voll, weil die Busse mit den angereisten Besuchern schon weitergefahren oder noch nicht eingetroffen sind.

Und es tut sich, architektonisch sensibel ausgebaut und kuratorisch inspiriert gelöst, ein Kosmos auf, der im Innersten von einem Genie zusammengehalten wird, das auf der Skala unserer Träume, Sehnsüchte, Leidenschaften und Abgründe wie auf einer Klaviatur zu spielen verstand – leicht und tief, elegant wie übermütig, aus dem Augenblick heraus und über alle Zeiten hinweg.

„Mozarts Musik ist so rein und schön, dass ich sie als die innere Schönheit des Universums selbst ansehe“, sagte Albert Einstein, dem man kaum einen Hang zur Sentimentalität unterstellen wird, der aber als passionierter Geiger sehr wohl wusste, wovon er sprach. Die Berliner Akademie der Wissenschaften soll er fast nie ohne seinen Geigenkasten betreten und in Prag einmal bei einer Vorlesung nicht über Physik gesprochen, sondern den Studenten auf der Geige Mozart vorgespielt haben – schließlich lernen wir nicht für die Universität, sondern für das Leben.

Stete Einnahmequelle wie in Bayreuth

Bei der Entstehung der Salzburger Festspiele kam Mozart natürlich von Anfang an eine zentrale Rolle zu. Als 1917 der Jurist Friedrich Gehmacher, der bei Anton Bruckner Musikunterricht erhalten hatte und langjähriges Mitglied im Stadtverschönerungsverein war, gemeinsam mit dem Musikschriftsteller Heinrich Damisch in Wien den „Verein Salzburger Festspielhaus-Gemeinde“ begründete, war dieser primär dem Salzburger Wunderkind gewidmet.

Was den Bayreuthern ihr Genius loci Richard Wagner, sollte in entscheidender Weise Mozart den Salzburgern werden: guter Geist, bester Leumund, stete Einnahmequelle. Tatkräftig in Angriff genommen werden konnte das Projekt dann dank des Regisseurs, Intendanten und Schauspielers Max Reinhardt (1873–1943) und des Schriftstellers Hugo von Hofmannsthal (1874– 1929).

Der gebürtige Österreicher Reinhardt, von Berlin etwas ermüdet, wo sich der Tausendsassa als allgegenwärtiger Regisseur und Intendant auch dank seiner anderen Verpflichtungen im In- und Ausland aufgerieben hatte, pflegte zeitlebens eine innige Beziehung zu Salzburg, wenngleich er es mitunter als „spießbürgerlichen Froschteich“ beschimpfte. Denn dort hatte er als junger Mime in der Saison 1893/94 am Stadttheater, dem heutigen Landestheater, debütiert.

Pompöse Inszenierungen

Später war er unermüdlich auf der Suche nach neuen Räumen, in denen er seine Utopie eines „totalen Theaters“ zu realisieren hoffte. Vom 1876 eröffneten Bayreuther Festspielhaus Richard Wagners war er fasziniert und bezeichnete es als „vielleicht das Genialste“ von Wagners Werken. Im Gegenzug nannten andere, Wagner mehr zugeneigte Zeitgenossen Reinhardts Renovierung und Ausgestaltung von Schloss Leopoldskron bei Salzburg, das er 1918 gekauft hatte, und seine dort im Sommer veranstalteten pompösen Feste dessen „grandioseste Inszenierung“.

Hofmannsthal wiederum, abgestoßen von der neuen Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, der sein geliebtes altes Europa samt der Donaumonarchie zerstört hatte, war sofort von der Idee begeistert, ein neues Reich der Kunst zu errichten – nicht von dieser Welt und doch ganz von ihr, territorial gebunden und doch ideal un(an)greifbar. Es wurde eine Erfolgsgeschichte, die bis heute andauert.

Herzstück läuft auf dem Domplatz

Ihr Herzstück ist „Jedermann“, Hofmannsthals populärstes Drama, uraufgeführt von Reinhardt 1911 im Berliner Zirkus Schumann und ab dem historischen 22. August 1920 unverzichtbarer Bestandteil jedes Salzburger Sommerprogramms. Denn ab dann lief er, als wäre er der VW-Käfer, und läuft und läuft und läuft … Woran liegt das?

Bestimmt nicht an dem etwas schwergängigen, metaphysisch ambitionierten, religiös durchtränkten Mysterienspiel, sondern an den meist hochkarätigen Besetzungen und an der – die Stadt als Bühne – spektakulären Örtlichkeit: Man spielt direkt auf dem Domplatz, die vorhandene Architektur dient als Szenerie. Jede Taube, jede Wolke, jeder Windhauch scheint mitinszeniert.

Von den Bergen ringsherum wird mahnend bis drohend „Jedermann“ gerufen, damit der daran denkt, dass auch sein Leben nicht ewig dauern wird. Die Glocken der vielen Kirchen schweigen an den Aufführungsabenden, auf dass nichts die Wirkung der Vorstellungen beeinträchtigt. Gebimmelt wird erst, wenn Jedermann – gerettet, nicht gerichtet – ins Grab und den katholischen Himmel verschwindet: Ein Gänsehaut-Moment, ob man’s will oder nicht.

Topographie und Drama fügen sich ergreifend ineinander und fesseln die rund 2000 Zuschauer auf der jeden Sommer eigens aufgebauten Tribüne. Prominente Darsteller des Jedermann waren Alexander Moissi (der erste überhaupt), Will Quadflieg, Maximilian Schell, Klaus Maria Brandauer, Gert Voss, Ulrich Tukur, Peter Simonischek (derzeit mit „Toni Erdmann“ höchst erfolgreich im Kino), prominente Darstellerinnen der Buhlschaft, seiner Geliebten, waren etwa Maria Becker, Heidemarie Hatheyer, Nadja Tiller, Senta Berger, Elisabeth Trissenaar, Sophie Rois oder Nina Hoss.

Den aktuellen Jedermann in der Inszenierung von Julian Crouch und Brian Mertes gibt der quirlige Cornelius Obonya, in Berlin bestens bekannt durch „The Producers“ im Admiralspalast, die neue Buhlschaft die junge, erfrischende Miriam Fussenegger. Obwohl sie gerade einmal fünfzig Zeilen zu sagen hat, gilt ihre Rolle als eine der wichtigsten der Festspiele.

Das „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ ist das unangefochtene Zentrum der Salzburger Festspiele, egal, wer sonst noch zu Gast ist, Wiener oder Berliner Philharmoniker hin, Maurizio Pollini oder Wolfgang Rihm her. Wer die Buhlschaft spielt, respektive: welches Kleid sie trägt (immer „sündig rot“, dieses Jahr mit einem Gürtel voller Swarovski-Kristalle), beschäftigt die Nation.

High Life für die Reichen und Schönen

Salzburg muss sein: Als der Zweite Weltkrieg verloren und Österreich im April 1945 kapituliert hatte, gab es bereits im August wieder die ersten Festspiele. Diese sind eben mehr als ein paar Wochen mit Kunst abgeschmecktes High Life für die Reichen und Schönen. Die sind natürlich auch immer vertreten, sitzen im Hotel Sacher oder im Café Tomaselli herum, zeigen den Fernsehkameras ihre neuen Dirndl, Smokings, Föhnfrisuren, Tattoos.

Und da macht höchstens Angela Merkel eine Ausnahme, denn die kommt wirklich wegen der Musik und vielleicht der guten Luft. Trotzdem sind es die Künstler, die am meisten Aufmerksamkeit erregen, seien es Anna Netrebko, Placido Domingo oder Jonas Kaufmann. Und selbstverständlich gibt es außer den dreizehn „Jedermann“-Vorstellungen in den sieben Wochen (bis 31. August) noch viel anderes zu sehen, zu hören, zu genießen.

Spektakuläre Neuproduktionen

In diesem Jahr sind es 192 Aufführungen insgesamt, darunter achtzig Konzerte, Lesungen und sechs spektakuläre Neuproduktionen, in der Oper etwa Richard Strauss’ „Die Liebe der Danae“ sowie Charles Gounods „Faust“. Dieter Dorn glänzte mit Samuel Becketts „Endspiel“ im Landestheater, herausragend besetzt mit Michael Maertens und Nicholas Ofczarek, in der Manier eines alten Meisters, der mit traumwandlerischer Sicherheit die Schauspieler in Bewegung wie zur Ruhe zu bringen vermag. Gerd Heinz schließlich, noch so ein alter Meister, führte bei Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ Regie.

Darin tritt auch der jetzige Intendant Sven-Eric Bechtolf auf, ein tollkühner, wunderbar virtuoser Schauspieler, der reichlich zufällig auf den Chefsessel geriet. Denn eigentlich berief ihn 2011 der damals neue Intendant Alexander Pereira, bei dem er schon am Opernhaus Zürich erfolgreich inszeniert hatte, zum Schauspielchef.

Als Pereira dann vorzeitig an die Mailänder Scala wechselte und zwei führungslose Jahre bis zum Amtsantritt des designierten Nachfolgers Markus Hinterhäuser drohten, sprang Bechtolf für 2015 und 2016 zusammen mit der Präsidentin Helga Rabl-Stadler als interimistisches Leitungstandem ein. Er hat eine enge Bindung an Salzburg, wo er seine Ausbildung am Mozarteum absolviert und viele Sommer lang gespielt hat, natürlich auch im „Jedermann“.

Nicht nur für zahlungskräftige Kunden

Wenn die Fenster in seinem Büro im Großen Festspielhaus geöffnet sind, hört man draußen nicht nur Menschen in vielen Sprachen quasseln und manchmal ein Taxi hupen, sondern überdies die Hufe der Pferdekutschen, die gern genommen werden, um die Stadt per Fiaker mit zwei PS zu erfahren. Bechtolf hat sich mit Akribie in die neue Materie eingearbeitet, wenngleich nicht ohne weiche Knie vor der immensen Verantwortung für den Großbetrieb: „Übers Jahr haben wir gut 200 Mitarbeiter, im Sommer hingegen mehr als 5000.“ Circa 75 Prozent des Budgets werden an der Kasse wieder hereingeholt.

Die ökonomische Umwegrentabilität, von der Stadt, Land, Gastronomen, Hoteliers, die lokale Tourismusbranche und die Steuerzahler profitieren, ist längst erwiesen. „Ehre sei Gott in der Höhe der Preise“, ätzte einst Karl Kraus dennoch gegen die Festspiele, aber Bechtolf betont: „Mehr als die Hälfte unserer Karten kosten zwischen fünf und 105 Euro“, und ergänzt, dass die Festspiele nicht nur auf eine zahlungskräftige Kundschaft zugeschnitten sind: „Geige spielen auf hohem Niveau ist in der Tat elitär, aber der Geigerin zuzuhören, muss nicht unbedingt elitär sein – außer die Karte kostet 800 Euro.“

Billig ist ein Ausflug nach Salzburg aufgrund der Anreise, der Übernachtungen, Verpflegung und der Tickets bis heute nicht unbedingt, aber, gerade wenn man aus einer gebeutelten Stadt wie Berlin kommt, möchte man drinnen und draußen und überhaupt zwischendurch doch immer wieder ausrufen: „Meine Fresse, wie schön!“

Starke Verbindung zu Berlin

Im Prinzip sind es nur drei Männer, die man in der Öffentlichkeit als wahrhaft bedeutsam für die Salzburger Festspiele kennt – und zwei davon haben maßgeblich mit Berlin zu tun: Max Reinhardt, der Gründer des Festivals, leitete das Deutsche Theater, die Kammerspiele, die Volksbühne, die Komödie am Kurfürstendamm und richtete eine Schauspielschule ein, die unter dem Namen „Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch“ immer noch existiert; Herbert von Karajan (1908–1989) der Star und absolute Glamourboy an der Salzach, war ab 1956 Dirigent auf Lebenszeit der Berliner Philharmoniker.

Einzig der Belgier Gerard Mortier (1943–2014), der Reformer, hatte keine direkte Beziehung zu Berlin. Reinhardt schuf die Grundlagen und musste als Jude ins Exil gehen. Karajan machte Salzburg in seiner langen Zeit als „Künstlerischer Leiter“ von 1957 bis 1989 und als „Genius des Wirtschaftswunders“ (Adorno) zum Treffpunkt des internationalen Jetset und war für alles zu haben, was halbwegs gut und unbedingt teuer war. Mortier hob die durch zu viel Pomp und Hochglanz irgendwann eingetretene Stagnation auf, sorgte für einen künstlerischen Paradigmenwechsel, was sich in den 17 szenischen Erstaufführungen und drei szenischen Uraufführungen in seiner Amtszeit von 1992 bis 2001 spiegelt.

Auch Neue Musik wird gewürdigt

In dieser Tradition wurde jetzt die Oper „The Exterminating Angel“ uraufgeführt, ein Auftragswerk der Salzburger Festspiele (in Koproduktion mit drei weiteren Bühnen), von dem derzeit hoch gehandelten, 1971 geborenen englischen Komponisten Thomas Adès, der es auch selbst dirigierte. „Ein Kammerspiel in großem Format“, nannte die berühmte schwedische Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter, die darin eine frustrierte Neurotikerin singt, diese gemäßigt neutönerische Adaption des Films „Der Würgeengel“ von Luis Buñuel: hochgespannt, gegen Ende ins Esoterische abdriftend, eindrucksvoll in Sachen Handwerk, Vielfalt, kreativer Impetus.

Dass die Neue Musik längst mehr als ein Feigenblatt im üblichen Klassikangebot ist, zeigen 2016 etwa die den Komponisten Friedrich Cerha, György Kurtág und Peter Eötvös gewidmeten Programm-Schwerpunkte, und Eötvös„ „Halleluja“, ein „Oratorium balbulum“, wurde ebenfalls zum diesjährigen Beginn der Festspiele als deren Auftragswerk uraufgeführt.

Mortier ebnete den Weg in ein der Moderne verpflichtetes, inhaltlich bedeutsames Festival. Das ist es im Wesentlichen unter den Intendanten Peter Ruzicka, Jürgen Flimm, Sven-Eric Bechtolf geblieben, wird es wohl auch unter Markus Hinterhäuser ab 2017 sein. Das Publikum hat mitgezogen und den „neuen“ Kurs seit 1992 akzeptiert. Die stets hohe Auslastung betrug 2015 stolze 95 Prozent.

Österreich statt Mallorca

Die Besucher sind heutzutage so normal wie heterogen, hat Bechtolf an vielen Abenden erkannt, an denen er neugierig von einer Spielstätte zur nächsten eilte: „Das sind nicht lauter Millionäre, sondern hochinteressierte Menschen, die im Sommer eben nicht nach Mallorca fahren, sondern nach Salzburg, weil sie da die besten Künstler erleben können.“ Oder, um mit dem Kritiker Joachim Kaiser zu sprechen: Die Menschen kämen hierher „wegen der Seelensubstanz großer Kunst“.

Ein großes Wort und trefflich gesprochen – oder gesungen, wenn man zum Beispiel Bechtolfs Inszenierungen im aktuellen „kleinen“ Mozart-Jahr – geboren wurde „Wolferl“ vor 260 Jahren, gestorben ist er vor 225 Jahren – erlebt, wie „Così fan tutte“ als charmant historisierende Komödie über Lust, List und Vernunft in der Felsenreitschule, oder „Don Giovanni“ als intelligent – zeitlose Studie über Moral, Revolte und Sex im Haus für Mozart, dem früheren Kleinen Festspielhaus.

Der hinreißende italienische Bass Ildebrando D’Arcangelo überzeugt in der Titelrolle mit vokalem Schmelz und erotischem Schmiss. Sein Giovanni darf am Schluss weiterleben, um erneut auf Frauenjagd auszuziehen. Traumhaft ist das musikalische Niveau, ob beim Mozarteum Orchester unter Ottavio Dantone oder bei den Wiener Philharmonikern unter Alain Altinoglu, ebenso wie das Können und die Spielfreude der Sängerinnen und Sänger, die, auch wenn nicht alle schon Stars sind, genau wissen, dass sie es hier werden können.

Eine Ode an die Schönheit

Als Gesamtkunstwerk ist Salzburg eine Ode an die Schönheit. Landschaft, Architektur und die Festspiele harmonieren auf eine Art und Weise, die dem Besucher die Tränen in die Augen treiben kann. „Schönheit wird die Welt retten“, heißt es in Dostojewskis „Der Idiot“, und dieser so schlichte wie ergreifende Satz umfasst Ästhetik ebenso wie Nächstenliebe, Barmherzigkeit wie Kunst. Natürlich kann einem Salzburg manchmal auf die Nerven gehen, können einem die Einheimischen mitunter wie zynische Geschäftemacher und die Veranstalter wie aasige Impresarios erscheinen.

Dies ist aber nur die eine Seite, und nicht die entscheidende. Wenn sich alles zusammenfügt, wirkt Salzburg wie ein Wunder und, ganz im Geiste Platons, als Offenbarung des Guten, Wahren und Schönen. Man kann das in der Oper oder im Schauspiel entdecken, bei einem Glas Sekt im Hotel Goldener Hirsch oder bei einer Käsekrainer an einem der urigen Würstlstände, bei einem Blick auf die Bergrücken ringsherum oder in einem Konzert im Mozarteum.

Den politischen Widersprüchen auf der Spur

Es ist ein Ort, an dem die Zivilgesellschaft in Schönheit und Würde zu sich selbst kommen kann, und zwar nicht wohlfühlmäßig – reibungslos, sondern aufgeweckt – emanzipiert und den ästhetisch – politischen Widersprüchen nachdrücklich auf der Spur. In diesem Sinne reklamierte der in diesem Jahr verstorbene, philosophische Dirigent Nikolaus Harnoncourt in seiner Eröffnungsrede zum 75-jährigen Bestehen der Salzburger Festspiele 1995 die Kategorie des Schönen als so dialektisch wie elementar für die Kunst wie für das Leben:

„Die Kunst ist eine Sprache, die Verborgenes aufdeckt, Verschlossenes aufreißt, Innerstes fühlbar macht, die mahnt – erregt – erschüttert – beglückt. Aber will denn Kunst nicht die Schönheit? Ja und nein. Wenn alles schön ist, ist’s nur schön, und merkwürdigerweise nicht Kunst. Die Schönheit in der Kunst schließt das Gegensätzliche ein und heißt Wahrheit, sie kann sehr beklemmend sein.“