Ein Film, der sich wie eine einzige Einstellung anfühlt. Sam Mendes' "1917"
Foto:Universal and Dreamwork

Berlin - Bei der Verleihung der Golden Globes musste der britische Regisseur Sam Mendes in der Nacht zum Montag gleich zweimal für Danksagungen ans Mikrofon. Für seinen am 16. Januar anlaufenden Film „1917“ erhielt er den Hauptpreis für den besten Film sowie den Preis für die beste Regie. Wir trafen Sam Mendes zum Gespräch.

Herr Mendes, es gab in den vergangenen Jahren verschiedene Filme, die mit langen Plansequenzen arbeiteten oder die Illusion erweckten, ohne Schnitte auszukommen, darunter „The Revenant“ oder „Birdman“...

Beide Filme von Iñárritu bewundere ich sehr, aber anders als bei den beiden ging es mir bei „1917“ darum, die Zeit zu einem echten und relevanten Element der Geschichte zu machen. Diese Geschichte in quasi einer Einstellung zu erzählen, diente einzig dazu, dem Publikum ein echtes Gefühl für den Weg und die Erlebnisse der Protagonisten zu vermitteln. Jede Sekunde, die vergeht, sollte spürbar sein, auf eine klaustrophobische Weise. Schon vom ersten Moment an, als mir der Gedanke kam, diese Geschichte aus dem Ersten Weltkrieg zu erzählen, hatte ich auch die Vorstellung, sie visuell auf diese Weise umzusetzen.

Wo lagen dabei die größten Herausforderungen?

Vermutlich darin, dass sie die Sache nicht schon nach einigen Minuten verbraucht haben durfte. Einfach nur mit der Kamera hinterher- oder vorweglaufen, das hätte nicht gereicht. Von Moment zu Moment musste neu entschieden werden, ob wir ganz nah dranbleiben an den Männern, damit diese emotionale Verbindung auch hergestellt wird, oder wo wir weit weg gehen und sie ganz klein in dieser riesigen Landschaft des Todes und der Zerstörung zeigen. Manchmal wollten wir den Blick des Publikums ganz konkret lenken, manchmal den Raum geben, dass jeder für sich selbst ein kleines Detail im Bild entdecken kann. Es ging nicht nur um das Verhältnis von Schauspieler und Kamera, sondern auch um den leeren Raum dazwischen. Deswegen haben wir vor den Dreharbeiten lange geprobt haben.

Foto: Robin Beck/AFP
Sam Mendes

wurde 1965 in Redding, Großbritannien geboren. Nachdem er zunächst erfolgreich beim Theater gearbeitet hatte, holte ihn Steven Spielberg in die USA. Dort drehte er 1999 mit „American Beauty“ seinen ersten Film, der mit mehreren Oscars ausgezeichnet wurde.   2012 und 2015 führte er Regie bei  James-Bond-Filmen „Skyfall“ und „Spectre“.

In Zeiten, in denen alle anderen Filmemacher über zu wenig Zeit und Geld klagen, leisteten Sie sich den Luxus, sechs Monate zu proben?

Unsere Hauptdarsteller sind jung und noch keine Megastars. Mit ihnen über Monate hinweg zu proben kostete also kein Vermögen. Außerdem haben wir nicht das komplette halbe Jahr am Stück geprobt. Eher sehr regelmäßig immer wieder innerhalb dieses Zeitraums.

Für wen war diese Vorbereitung wichtiger: für die Schauspieler oder für Sie und Ihren Kameramann Roger Deakins?

Eher für Roger und mich. Aber mir war klar, dass es auch ihnen etwas bringt, so viel Zeit in ihren Rollen zu verbringen. Ich ließ sie auch bei den Proben ihre Uniformen und Gewehre tragen, damit ihnen das in Fleisch und Blut übergeht. Und ich habe mit ihnen teilweise auch gearbeitet, wie ich es sonst eher am Theater mache: Ich habe sie machen lassen, bin nebenher gelaufen und habe nur beobachtet, nichts kommentiert. Dabei entstehen oft hochinteressante Dinge, selbst wenn es dann in anderen Momenten wieder ganz wichtig war, konkrete Vorgaben zu geben und sich eng ans Drehbuch zu halten.

„1917“ ist mehr oder weniger Ihrem Großvater gewidmet, der damals im Ersten Weltkrieg kämpfte. Wie viel von dem, was Sie nun zeigen, basiert auf seinen Erzählungen?

Es ist kein Film über meinen Großvater, aber es gibt ihn nur dank meines Großvaters. Er war als 17-jähriger als Soldat in diesem Krieg und hat mir viel davon erzählt. „1917“ ist eine Art Vergrößerung einer dieser Geschichten. Wenn er über den Krieg sprach, ging es nie um Helden oder Mut, sondern darum, wie schmal der Grat zwischen Leben und Tod in jeder Minute für jeden einzelnen von ihnen war. Warum wurde der Kerl neben ihm von einem Granatensplitter tödlich getroffen und nicht er selbst? Diese Fragen trieben ihn um, und was ich daraus lernte, war sehr viel existenzialistischer als jede Geschichtsstunde. Deswegen wollte ich keinen Film über den Ersten Weltkrieg drehen, sondern einen kleinen Einblick geben, wie es für einen Menschen ist, Krieg zu erleben.

Sie haben Ihren Großvater also oft danach gefragt?

Oh ja, meine Cousins und ich haben immer wieder mit ihm über den Krieg gesprochen. Mit seinen eigenen Kindern hat er darüber nie geredet. Mein Vater wusste kaum etwas über seine Erfahrungen. Aber wir Enkel haben das aus ihm herausbekommen. Angefangen hat das damit, dass ich immer darüber gelacht habe, dass er sich ständig die Hände wäscht. Das fand ich lustig, doch mein Vater erzählte mir, dass Opa sich an den Schlamm in den Schützengräben erinnert und an das Gefühl, nie wirklich sauber zu sein. Über 50 Jahre später noch hatte er das verinnerlicht. Also fragte ich – und er erzählte. Es ging da weniger darum, wer gegen wen kämpfte und warum, und mein Großvater hatte auch keinen analytisch-intellektuellen Blick auf seine Erinnerungen. Er berichtete von den ganz alltäglichen, menschlichen Erfahrungen, und genau die wollte ich mit „1917“ einfangen. Weswegen es auch kein politischer Film geworden ist. Und ich denke, dass das Erleben des Krieges damals für all die jungen Männer mehr oder weniger gleich war, egal ob sie nun Briten, Franzosen oder Deutsche waren.

Was hätte er wohl dazu gesagt, dass aus seinen Erzählungen nun ein Film geworden ist?

Interessanterweise war mein Großvater später im Leben Schriftsteller. Er hat vier oder fünf Romane veröffentlicht und auch eine Autobiografie geschrieben, in der einige seiner Kriegserfahrungen vorkommen. Er war ein Geschichtenerzähler, charismatisch, theatralisch und mit lauter Stimme, und wohl auch deswegen haben seine Erinnerungen uns Enkel so gepackt. Sein Wunsch war es, dass ich auch mal Schriftsteller werde, und er ließ mich sogar mal einen kleinen Vertrag unterschreiben, dass ich noch vor seinem Tod einen Roman schreiben müsse. Das habe ich nicht geschafft, aber umso mehr glaube ich, dass es ihm gefallen würde, was ich aus seinen Geschichten gemacht habe.

Wie geht das zusammen, die Grausamkeit des Krieges und das Entertainment des Kinos?

Das ist der Balanceakt, vor dem man mit einer solchen Geschichte steht. Nutzen wir das Leiden von Millionen aus, um Unterhaltung zu produzieren? Diese Frage stellt sich natürlich. Aber auch deswegen war es immer klar, dass wir nie die Absicht hatten, den ultimativen Film über den Ersten Weltkrieg zu drehen. Wir wollten einen kleinen Einblick geben, einen winzigen Ausschnitt zeigen. Und auch in dem war es wichtig, vieles zwar anzudeuten oder am Rande zu bezeugen, aber nicht in den Fokus zu rücken. Die beiden jungen Männer im Zentrum gehen ja auch ganz unterschiedlich damit um: Der eine kann gar nicht aufhören, sich umzuschauen und jede Ratte, jede tote Kuh wahrzunehmen, während der andere eigentlich Scheuklappen aufhat. Und weil wir uns mit ihnen durch diese Landschaft bewegen, rückt dann eben manches sehr deutlich in den Blick, während man manchmal im Augenwinkel nicht ganz ausmachen kann, ob das nun nur eine Pfütze Schlamm ist oder doch Leichen darin liegen.

Für kleine Nebenrollen haben Sie prominente Schauspieler wie Colin Firth, Benedict Cumberbatch, Andrew Scott oder Richard Madden verpflichtet...

Ja, um den Zuschauern und Zuschauerinnen ein Gefühl dafür zu vermitteln, das diese Figuren nicht bloß eine Funktion haben, sondern an ihnen ganz eigene Geschichten hängen, die vermutlich  größer sind als die unserer Protagonisten. Diese Männer spielen in diesem Krieg deutlich zentralere Rollen als unseren beiden jungen Soldaten. Aber ihre Lebensgeschichten kreuzen die unserer Protagonisten eben nur für winzige Momente. Trotzdem wollte ich, dass der Eindruck entsteht, wir hätten problemlos auch ganze Filme über jeden dieser anderen Männer drehen können.

Was war anstrengender: James Bond zu inszenieren oder nun „1917“ zu drehen?

Bond war definitiv komplizierter. Während dieser Film hier vom Krieg handelt, ist das Drehen eines 007-Films ein echter Krieg . So ein riesiger Action-Blockbuster besteht aus so vielen beweglichen Einzelelementen, die man allein niemals alle jederzeit im Blick haben kann. Deswegen braucht man ein riesiges Team und Wochen strategischer Planungen. Das Wunderbare bei „1917“ war, dass die Arbeit ganz methodisch war. Wir konnten alle einzelnen Bestandteile in eine Reihe legen. Für einen Regisseur ist es immer entspannter, mit nur einer Kamera zu arbeiten statt mit drei oder vier oder fünf. Und halb Mexico City abzusperren, um mit zwölf Kameras, mehreren Hubschraubern und 5 000 kostümierten Statisten in mitten unersetzbarer aztekischer Ruinen zu drehen – das ist einfach Stress. „1917“ war anstrengend, schon allein weil wir jeden Tag von früh bis spät gelaufen sind. Aber die Arbeit war einfach sehr viel geradliniger und fokussierter.

Das Gespräch führte Patrick Heidmann.