„Ich habe viel von meiner Frau gelernt.“  Der Schauspieler Sam Riley, hier in Carl Hunters „Sometimes Always Never“.
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Die deutsche Sprache beherrscht er inzwischen ganz gut, und mit seinem englischen Akzent wirkt er umso sympathischer. Doch unser Gespräch will Sam Riley dann doch lieber auf Englisch führen. Wir treffen ihn in Paris, es ist Ende Februar, wir wollen über seinen neuen Film„Marie Curie – Elemente des Lebens“ sprechen.  Er ist darin als Ehemann der polnisch-französischen Wissenschaftlerin Marie Curie (Rosamund Pike) zu sehen. Pierre Curie war ebenfalls Radiologe, zusammen mit seiner Frau entdeckte er Ende des 19. Jahrhunderts das Radium und das Polonium, die beiden teilten sich dafür einen Nobelpreis. 

Eigentlich sollte der Film im April in die Kinos kommen, doch dann kam der Corona-Lockdown. Jetzt ist es endlich so weit, „Marie Curie“ läuft seit Donnerstag. 

Im wahren Leben ist Riley mit Alexandra Maria Lara verheiratet. Die beiden haben sich bei den Dreharbeiten zu „Control“ kennengelernt, Riley spielte darin den Joy-Division-Sänger Ian Curtis, Lara die Journalistin Annik Honoré, seine Geliebte. Vierzehn Jahre ist das schon her, seitdem lebt der heute 40-Jährige in Berlin. Als Schauspieler bewegt er sich meist auf internationalem Parkett wie zuletzt neben Angelina Jolie in „Maleficent“. Doch durch Corona ist auch für Riley die Zukunft ungewiss. Wir konnten ihn noch mal anrufen und uns auch erzählen lassen, wie er die Pandemie erlebt hat.

Eine moderne Ehe: Pierre und Marie Curie (Sam Riley und Rosamund Pike) im gleichnamigen Film, der seit 16. Juli in den Kinos zu sehen ist. 
dpa

Fühlen Sie sich in Berlin zu Hause?

Auf dem Standesamt wurde mir gesagt, ich wäre ab sofort ein „Rucksack“-Berliner. Damit kann ich mich anfreunden, ich fühle mich wohl hier. Besonders jetzt in der Corona-Zeit, wenn man das mit meinem eigentlichen Heimatland vergleicht. Die Deutschen sind mit der Krise doch ganz anders umgegangen als die Briten. Das war sehr befremdlich für mich und hat mir große Sorgen bereitet.

Sorge um Ihre Familie in England?

Ja, in meiner Familie gibt es einige, die man als Risikopatienten bezeichnen würde. Richtig in Sorge geriet ich aber erst auf dem Höhepunkt der Krise, als klar wurde, wie unorganisiert es drüben zugegangen ist. Das in den Nachrichten ständig mitzukriegen, war für mich kaum auszuhalten.

Werden Sie Ihrer Heimat in nächster Zeit überhaupt mal wieder einen Besuch abstatten können?

In diesem Jahr sieht’s schlecht aus, obwohl ich zwei Filmangebote habe, die bisher nicht abgesagt wurden. Ich glaube aber nicht, dass daraus noch etwas wird. Zwar hat die britische Regierung kürzlich verkündet, Kultureinrichtungen mit einem Notfallprogramm unterstützen zu wollen, aber wie weitreichend das sein wird, kann noch keiner sagen.

Das heißt, Sie sind jetzt erst mal arbeitslos?

Ja. Alexandra hat zu tun. Sie ist seit drei Wochen für Dreharbeiten in Griechenland, danach geht es gleich in Berlin für eine TV-Serie weiter. So gesehen bewegen wir uns beide gerade in verschiedenen Welten, aber ich bin dankbar, dass zumindest einer von uns Arbeit hat. Immerhin kommen gerade zwei Produktionen raus, an denen ich mitgewirkt habe, der Kinofilm „Marie Curie“ und der Thriller „Rebecca“, der ab Oktober auf Netflix laufen soll. Es sieht also so aus, als wäre ich gut beschäftigt, aber in meinem Business ist das ja immer eine Frage der Wahrnehmung.

Haben Sie Angst, dass die Corona-Pause für Sie zu lang werden könnte?

Ich versuche auszuharren, was für einen Schauspieler nichts Ungewöhnliches ist. Es gibt immer wieder Zeiten, in denen man zu Hause ist, ohne zu wissen, welcher Job als Nächstes kommt. 2019 war ein gutes Jahr für mich, da hatte ich echt viel zu tun. Klar möchte ich wieder loslegen, wahrscheinlich wird sich aber einiges verändern.

Wie meinen Sie das?

Vor allem für kleine Filmproduktionen könnte es problematisch werden, weil es den Versicherungsagenturen zu heikel ist, sie abzusichern. Momentan werden also nur ganz große Filme realisiert, um die Kosten wieder reinzubekommen. Für Disney, Netflix oder Amazon sieht’s also gut aus, europäische Independent-Produktionen, in denen ich immer besonders gern mitwirke, werden erst mal zu kämpfen haben.

Sie haben auch schon in deutschen Filmen wie „Das finstere Tal“ oder „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“ mitgespielt. Könnten Sie da nicht noch stärker einsteigen?

Ich wäre glücklich, wenn aus dieser Richtung mehr Angebote kämen. Obwohl: Dieses Jahr hätte es sogar zwei Möglichkeiten gegeben, aber wahrscheinlich gibt es dort jetzt ähnliche Probleme. Es wären zwei interessante Projekte gewesen, über die ich noch nichts verraten darf. Mit meinem Akzent kann ich in deutschen Filmen aber immer nur den Ausländer spielen.

Sie sollten vielleicht wieder mit Ihrer Frau zusammenarbeiten, wegen Corona haben schon etliche Filmemacher angekündigt, für Liebesszenen Schauspieler vor die Kamera zu holen, die auch im wirklichen Leben ein Paar sind …

Im Guardian habe ich neulich einen Artikel gelesen mit der Überschrift „Küssen auf Französischem Filmfest wieder erlaubt“. Auf dem Foto sah man Marion Cotillard mit ihrem Ehemann, und ich dachte: Ja, aber das zählt ja wohl nicht! Klar wären Alexandra und ich bereit, als Paar vor die Kamera zu treten, aber vor September wird daraus nichts, so lange ist meine Frau in andere Projekte involviert. Sie scheint gerade die meistbeschäftigte Schauspielerin der Welt zu sein.

Während Sie zu Hause sitzen, um Haushalt und Kinder zu versorgen?

Genauso wie Pierre für Marie bin auch ich ein fürsorglicher Ehemann. Wahrscheinlich würde sich Alexandra aber wünschen, dass ich noch mehr wie Pierre wäre.

Konnten Sie noch weitere Parallelen zwischen Pierre Curie und sich entdecken?

Marie und Pierre Curie waren ein faszinierendes Paar, vor allem, weil er seiner Zeit so weit voraus war. Er war ein moderner Mann. Ich weiß nicht, ob das stimmt und glaube eher, dass die beiden auch ihre Probleme hatten. Pierre wollte aber den Nobelpreis erst annehmen, als er auch seiner Frau zugesprochen wurde, das fand ich schon sehr bemerkenswert. Dieser gegenseitige Respekt hat mir imponiert.

Wie Alexandra Maria Lara und Sie teilten auch Marie und Pierre Curie Beruf und Privatleben. Ergeben sich daraus manchmal Schwierigkeiten?

Meine Frau und ich lieben das. Sie ist darüber hinaus viel erfahrener als ich. Bevor ich meinen ersten Film drehte, war sie schon zehn Jahre im Business. Als „Control“ ein großer Erfolg wurde, war sie für mich da und half mir, damit umzugehen und den richtigen Abstand dazu zu finden. Ich musste lernen, was es heißt, Schauspieler zu sein.

Was meinen Sie damit?

Zum Beispiel, dass du als Schauspieler nicht nur an Filmsets bist, das ist nur ein Teil deiner Arbeit. Oder dass du die Konsequenzen einschätzen kannst, die es hat, wenn man ein Angebot annimmt oder ausschlägt. Alexandra und ich nehmen unseren Beruf sehr ernst, wir lieben die Schauspielerei, sind ehrgeizig, wir versuchen aber auch, eine Balance zu finden, um noch Freude an unserem Privatleben zu haben.

Im Film sagt Marie Curie zu ihrem Mann, sie hätte den feineren Verstand. Das zu hören, ist für die meisten Männer kaum zu ertragen. Wie sehen Sie das?

Das ist Unsicherheit. Oder Furcht vor der Intelligenz eines anderen, wenn man sich eingestehen muss, dass man doch nicht so schlau ist, wie man dachte. Ich selbst habe akzeptiert, dass meine Frau vieles besser weiß als ich. Mein Großvater hat mir gesagt, es sei sowieso das Geheimnis einer friedvollen Ehe, das zu akzeptieren. Da ist was dran. Alexandra und ich sind  jetzt über zehn Jahre verheiratet.

Ursprünglich wollten Sie als Musiker Karriere machen, hatten sogar Ihre eigene Band. Warum sind Sie zur Schauspielerei gewechselt?

Schon als kleiner Junge habe ich in der Schule geschauspielert. Mein Bruder, der ebenfalls zur Band gehörte, würde sagen, ich war schon immer ein Schauspieler. Ich war Sänger der Band und damit fürs Entertainment verantwortlich. Selbst wenn wir nur vor drei Leuten spielten, legte ich eine ordentliche Show hin. Ich hatte immer viel Fantasie.

Haben Sie die Musik inzwischen ganz aufgegeben?

Ich habe wieder angefangen, Songs zu schreiben. Immer dann, wenn es nichts anderes zu tun gibt, um kreativ zu bleiben. Als Schauspieler glaubt man gern, dass der letzte Job wirklich der letzte war. Man will darauf nicht angewiesen sein und kämpft darum, mit anderen Sachen zu beeindrucken. Eigentlich mag ich es nicht, dass sich alles darum dreht. Ich glaube schon, dass mein Platz im Filmbusiness ist, die Musik dient mir nur zur Freude.

Wie suchen Sie Ihre Filmrollen aus?

Das hat auch immer mit Chancen und Glück zu tun, aber ich habe nie Rollen angenommen, um meinen Marktwert zu verbessern. Bei „Maleficent“ habe ich mitgemacht, um mal in einem großen Film mitzuspielen und mit Angelina Jolie zu arbeiten. Damit sichert man sich gewiss keine Oscar-Nominierung.

Welche Rolle war die bisher wichtigste für Sie?

„Control“  hat mein Leben grundlegend verändert. Davor war ich ein erfolgloser Musiker, der in Lagerhallen aufgetreten ist. An meinem 26. Geburtstag bekam ich den Anruf, Ian Curtis spielen zu dürfen. Durch den Film habe ich meine Frau kennengelernt, bin nach Berlin gezogen und Vater geworden. Die meisten Menschen kennen mich durch „Control“. Mein zweitliebster Film ist „Das finstere Tal“, in den USA nennen sie ihn Schnitzel-Western. Viele verstehen den Film dort nicht. In Deutschland hat er einen guten Ruf – zu Recht. Regisseur Andreas Prochaska und ich sind in Kontakt geblieben und denken an eine weitere Zusammenarbeit. Mal sehen, wann dieser Traum wahr wird.

Sobald wieder mehr „Normalität“ eingetreten ist – oder glauben Sie gar nicht mehr daran?

Merkwürdigerweise empfand ich den Corona-Lockdown noch sehr beruhigend, wir als Familie hatten uns einen guten Plan gemacht. Erst mit den Lockerungen stieg meine Angst wieder, weil ich mich fragte, wo das hinführen wird. Inzwischen denke ich, wir müssen alle gewisse Verhaltensregeln befolgen, solange das Virus noch existiert. Ich habe nicht das Gefühl, dass sich die Normalität schnell wieder  einstellen wird. Deutschland hat die Corona-Krise zwar besser gemeistert als andere Länder, aber wenn ich an den No-Deal-Brexit denke oder an das, was gerade in Amerika los ist, erscheint mit die Welt nicht gerade sicher.