Er sieht nicht besonders gut aus, sein Kopf ist zu quadratisch und der Hals zu wulstig, er hat etwas stummelhaft wirkende O-Beine und eine unvorteilhaft steife Tollenfrisur. Aber er kann sehr gut singen, und das mögen die Frauen an ihm.

Sam Smith schmachtet mit einer schön warmen, voluminösen Soulstimme; gern beklagt er aus vollem Hals das Alleinsein oder lässt die Welt an seiner Trauer um verflossene Liebschaften teilhaben; er bittet einen Knaben oder ein Mädchen – wie es sich anhört: vergeblich – darum, mehr als ein One-Night-Stand sein zu dürfen; in dem Song „Money On My Mind“ beteuert er glaubhaft, dass ihm das Glück der romantischen Liebe viel wichtiger ist als eine glanzvolle Karriere im Investment-Banking-Bereich.

Bei erotisch noch ungefestigten jüngeren Menschen in der Paar-Anbahnungsphase stößt diese Art des leidenschaftlichen Vortrags von Liebesliedgut auf erhebliche Resonanz: Als Sam Smith am Dienstagabend im ausverkauften Friedrichshainer Engtanzclub Berghain gastiert, drängen sich vor der Bühne jedenfalls scharenweise kaum der Pubertät entfleuchte Mädchen und himmeln den Sänger mit großen Augen an; in den hinteren Reihen drängen sich etwas ältere Menschen beiderlei Geschlechts jenseits der Paar-Anbahnungsphase und knutschen heftig miteinander herum.

Frenetisches Publikum

Sam Smith war im Berghain, um sein demnächst erscheinendes Albumdebüt „In The Lonely Hour“ vorzustellen; bislang sind daraus nur wenige Stücke bekannt, aber die werden vom frenetischen Publikum aus vollem Hals intoniert. Zum ersten Mal konnte man Smith vor anderthalb Jahren als Gastsänger in dem Stück „Latch“ kennenlernen, einer der ersten Singles des Londoner Elektropopduos Disclosure. Selbiges hat sich seither zu einer veritablen Talentschmiede entwickelt: Nicht nur Smith, fast alle Sängerinnen und Sänger, die bei Disclosure debütierten und dann auch auf ihrem 2013er Album „Settle“ zu hören waren, haben es inzwischen zu etwas gebracht: der Retro-Soul-Crooner John Newman ebenso wie das zapplige R’n’B-Duo AlunaGeorge oder die Dubstep-Romantiker von London Grammar.

In musikalischer Hinsicht wirkten allerdings fast alle in der Zusammenarbeit mit Disclosure interessanter – oder zumindest moderner – als bei ihren Solo-Bemühungen. So ist es auch bei Sam Smith: Während „Latch“ wesentlich vom Kontrast zwischen den komplex stolpernden Beats und seinem beschmelzten Schmachtgesang lebte, erschöpfen sich viele der neuen Stücke in einem musikalisch etwas einförmigen Achtzigerjahre-Soul-Pop. Auch wird die ostentative Muckerhaftigkeit seiner Band – der Drummer zwirbelt wie in einem Prog-Rock-Konzert hinter einer Plexiglaswand, der Gitarrist hat für den einstündigen Auftritt nicht weniger als sechs Gitarren dabei – von der realen Raffinesse der Lieder nicht wirklich gedeckt. Wenn man mithin nicht gerade 20 ist und frisch verliebt, spürt man die konservative Schlichtheit dieser Musik stärker, als gut für sie ist. Doch egal: Der Mann ist ja noch jung, aus dem kann noch was werden; oder um es mit einer Zeile aus seinem Song „Stay With Me“ zu sagen: Ich glaube nicht, dass es Liebe ist, aber ich wünsche mir trotzdem, dass Du erstmal bleibst.