Köln - James Bond zaudert nicht, also warum sollten wir? An diesem Freitag hat der britische Sänger Sam Smith „Writing‘s on the Wall“, seinen heiß erwarteten Titelsong zum neuen Bond-Film „Spectre“, veröffentlicht, er hat ihn zusammen mit seinem musikalischen Partner Jimmy Napes komponiert.

Gut, genau genommen ist es kein Titelsong, denn das Wort „Spectre“ taucht hier an keiner Stelle auf. Smith‘ Vorgängerin Adele hatte dagegen den Filmtitel „Skyfall“ zum Refrain gemacht, wie die meisten Bond-Songs. Und ist „Writing’s on the Wall“ nicht auch der Titel des besten Destiny’s Child-Albums?

Der Titel bezieht sich aus einer Szene, die wir schon aus dem ersten „Spectre“-Trailer kennen, dort sieht Bond seinen eigenen Namen als Menetekel an eine Gedenkwand für „solche, die im Dienst für ihr Land gestorben sind“ gesprüht.

Bester Bond-Song seit 38 Jahren

Und Sam Smith ist beileibe nicht der erste: Chris Cornell sang „You Know My Name“ zum ersten Daniel-Craig-Bond „Casino Royale“, Jack White und Alicia Keys duettierten „Another Way to Die“ zu „Ein Quantum Trost“. Aber hier enden die Ähnlichkeiten. Cornell und White produzierten furchtbar angestrengte Aussetzer, unwürdige Einträge in einer qualitativ oft hochwertigen Reihe.

„Writing’s on the Wall“ dagegen  - und hier kommt der Augenblick in dem wir nicht zaudern und uns weit aus dem Fenster lehnen wollen – ist der beste Bond-Song seit 38 Jahren. Seit Carly Simon „Der Spion, der mich liebte“ mit Marvin Hamlischs „Nobody Does It Better“ veredelte, übrigens das erste Bond-Stück das den Filmtitel aus dem Refrain verbannte.

„Writing’s on the Wall“ beginnt erwartbar mit einem orchestralen Tusch, der unmissverständlich John Barrys alte Bond-Soundtracks zitiert. Doch dem folgt eine äußerst zurückgenommene Piano-Ballade, zarte Streicher, zögerliche Keyboard-Flächen im Hintergrund, vor allem aber Sam Smiths hohe, verletzliche Stimme, die verkündet ein Leben auf der Flucht zu beenden, weil es jetzt jemanden gibt, für den es sich zu bleiben lohnt.

„Wenn ich alles riskiere, könntest Du meinen Fall stoppen?“ fragt Smith im anschwellenden Vor-Refrain, um dann im eigentlichen Refrain ins Falsett zu wechseln. Ein Hauch nach Liebe: Wenn das aus der Sicht des gewöhnlich unterkühlten Agenten geschrieben ist, klang James Bond nie zuvor so schutzlos.

Ein Risiko. Prompt hagelte es herbe Kritik, zumeist via Twitter: „fade“, „das Geleiere eines Bettnässer“, „sollte der Film den Song ähneln, geht es wohl um 007’s Hund, der seine Pfote in der Autotür eingeklemmt hat“. Das Internet eben. Die BBC veröffentlichte einen Zusammenschnitt mit Michael Jacksons „Earth Song“, und ja, die Ähnlichkeiten liegen auf der Hand. Doch Stimmung und Umsetzung sind meilenweit voneinander entfernt. Und der Popsong, zu dem sich keine ihm ähnelnde Melodie findet, muss erst noch geschrieben werden.

Erster männlicher Interpret seit Tom Jones

Also warum halten wir „Writing’s on the Wall“ für äußerst gelungen? Weil er sich im Gegensatz zu Adeles auch sehr guten „Skyfall“ bis zum Hollywood-Schmelz der Technicolor-Jahre vorwagt. Und ist es nicht genau dieses Versprechen altmodischen, eleganten Kintopps, der die Bond-Reihe von allen anderen Action-Blockbustern abhebt? Weil er sich trotzdem etwas traut, das kein Bond-Song zuvor gewagt hat?

„Spectre“ wird am 26. Oktober seine Weltpremiere in London feiern. Dann wird man sehen, ob die mythische Figur James Bond groß genug ist, um beide Extreme in sich vereinen zu können. Wir glauben : Ja. „Writing’s on the Wall“ ist ein großer Bond-Song, zeitgemäß im Inhalt, klassisch in der Form.