Man kommt ins Grübeln, wenn einen, bei einer Debatte über moderne Kunst, eine 21-jährige, ansonsten informiert mitredende (deutsche) Studentin der Kulturwissenschaft ahnungslos-höflich fragt: „Wer eigentlich ist Beuys?“

Ist die Zeit über diesen Ausnahmekünstler, diesen beseelten Fluxus-Aktionisten und Hohepriester der „Sozialen Skulptur“, mit seinen Kojoten-Sit-ins, Fettecken, Filz-Rollen und Honigpumpen, wirklich längst hinweggegangen? Hat all das designte Nichtssagend-Unverbindliche in der Bildkunst heute das Visionäre seines radikalen „Erweiterten Kunstbegriffs“ ausgelöscht?

Besagte Studentin wurde postwendend in den Hamburger Bahnhof geschickt – und sie kam, das nur nebenbei, recht erfüllt, sozusagen „bekehrt“ zurück. Dort, im Museum an der Berliner Invalidenstraße, füllen Haupt- und Nebenwerke des politischen Schamanen (1921–1986) den Westflügel. Etliche der markanten Skulpturen, Installationen und Zeichnungen gehören der Nationalgalerie oder dem Land Berlin selbst, große Werkblöcke dem Sammler Erich Marx.

Unerfreuliche Trennung

Aber etliche Arbeiten aus dem wirkmächtigen Aufgebot kamen aus dem Besitz des Beuys-Sekretärs, Sammlers und langjährigen Kurators der Sammlung Marx, Heiner Bastian. Allerdings hat er diese Tätigkeit 2007 wegen eklatanter Meinungsverschiedenheiten über die Ausstellungspolitik im Hamburger Bahnhof aufgekündigt, daraufhin sein eigenes, von Chipperfield gebautes Kunsthaus an der Berliner Museumsinsel gegründet.

Nun, sieben Jahre nach der höchst unerfreulichen Trennung, zieht Bastian – übrigens auch Sammler und Händler des deutschen Malers Anselm Kiefer und des britischen Superstars Damien Hirst – auch seine Beuys-Leihgaben ab. Sieben an der Zahl. Sonntag waren sie zuletzt zu sehen, darunter der grandiose Torso, dieses einer sakralen Ecce-homo-Gestalt gleichende weibliche Existenz-Zeichen.

Fatal für die Jungen

Bastian begründet diesen gravierenden Schritt damit, diese Arbeiten – die für ihn auch eine prägende Wegstrecke mit dem Jahrhundertkünstler Beuys markieren – künftig lieber in seinen eigenen Räumen am Kupfergraben zeigen zu wollen.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und die Staatlichen Museen zu Berlin teilten am Montag auf Anfrage in knappen Zeilen mit, dass sie die Entscheidung bedauern, aber respektieren. Man dankt für die jahrelangen Leihgaben. Im Hamburger Bahnhof werde, so die Auskunft, der Beuys-Bereich ab 25. Oktober eh neu gestaltet. Die „Richtkräfte“ von 1974/75 etwa, derzeit noch in der Schau „Ausweitung der Kampfzone“ im Mies-van-der-Rohe-Bau (wegen Sanierung ab Januar 2015 auf Jahre geschlossen), bilden dann den Mittelpunkt, mit Beuys’ monumentalen Basaltblöcken „Das Ende des 20. Jahrhunderts“ von 1982/83.

Man wird das Fehlen der ohnehin kleinen Bastian-Leihgaben wohl geschickt zu kaschieren wissen. Die Lücke aber, die etwa der altarhafte „Torso“ reißt, ist fatal. Weniger für „Kenner“, freilich umso mehr für jene Jungen heute, die von Beuys leider kaum etwas wissen.