Brandon Jovanovich (als Samson) und Elina Garanca (als Dalila)  während „Samson et Dalila“ in der Staatsoper Unter den Linden.
Foto: Matthias Baus

Berlin Camille Saint-Saëns’ einziger Opernerfolg „Samson et Dalila“ beginnt mit einem leisen Hornton. Es ist kein deutscher Hornton, geheimnisvoll, waldesdunkel, wie von fern, das alles nicht. Und wenn die Staatskapelle Berlin unter Leitung von Daniel Barenboim ihn spielt, dann klingt er auch, trotz der einst so eifernd verfochtenen deutschen Klangidentität des Orchesters, nicht deutsch. Französisch klingt er auch nicht, dann müsste er heller timbriert sein.  

Aber die stilistische Situation des Stücks ist auch durchaus verwirrend: Der französische Komponist beschäftigte sich intensiv mit Wagner, um dann wie Händel eine Oper über einen jüdischen Stoff zu schreiben, die in den akademisch fugierten Chorszenen zuweilen eher an Mendelssohns Oratorien erinnert und die zu vollenden Franz Liszt den Anstoß gab, der sie in deutscher Übersetzung in Weimar uraufführte.

Der zweite Akt musste sich aufgrund seiner Gestaltung als katastrophal endendes Liebesduett Vergleiche mit dem zweiten „Tristan“-Akt gefallen lassen, die musikalisch absurd sind; in der Handlung – eine Frau wird zur Verführung eines Helden gedrängt – erinnert er eher an den später entstandenen zweiten Akt des „Parsifal“. Dalila, wie Kundry eine den Mann in den Abgrund verführende Frau, wurde zum Inbegriff einer Femme fatale, eines Frauentyps des Fin de siècle, in einem dekadent-exotisch aufgefassten Orient.

Die Oper

Samson et Dalila: Oper in drei Akten  von Camille Saint-Saëns, Libretto: Ferdinand Lemaire, Musikalische Leitung: Daniel Barenboim,  Inszenierung: Damián Szifron, Bühnenbild: Étienne Pluss, Kostüme: Gesine Völlm, Licht: Olaf Freese, Choreinstudierung: Martin Wright Besetzung: Samson: Brandon Jovanovich Dalila: Elina Garanča, Oberpriester: Michael Volle, Abimelech: Kwangchul Youn, Ein alter Hebräer: Wolfgang Schöne                                                                    Weitere Aufführungen: 27. und 30. November, 3., 7., 11. und 14. Dezember, Staatsoper Unter den Linden

Die Oper ist wie „Salome“ mithin eindeutig eine Projektion des späten 19. Jahrhunderts. Und dann bringt Damián Szifron, der Regisseur an der Staatsoper Unter den Linden, das Stück am Sonntag als pseudo-authentischen Sandalenfilm auf die Bühne. Der Vorhang hebt sich über nächtlicher Wüstenszenerie, und ein Hund, ein echter Hund, der vermutlich einen Schakal spielt, läuft auf die Bühne, schnüffelt an der Leiche eines Kindes und tritt dann nicht ganz glatt ab.

Auf- und verwirrter Abtritt des Tieres sorgen für Heiterkeit im Publikum, die ein denkbar ungeeignetes emotionales Fundament legt zur Würdigung der langen Chorklage des Volkes Israel über seine Unterdrückung durch die Philister. Der von Martin Wright einstudierte Staatsopernchor gibt sich irritierende Blößen, wenn er ohne Begleitung singen muss, insbesondere die Herren wirken intonatorisch sorglos und in einer einstimmigen Passage völlig uneinig.

Offensichtlich unecht ist das erlegte Rindvieh, das Samson bei seinem Auftritt am Strick auf die Bühne schleift. Es muss beglaubigen, was Brandon Jovanovich rein stimmlich nicht vermittelt: dass Samson der Herkules der jüdischen Mythologie ist und in der Lage, einen Ochsen mit der bloßen Hand zu töten. Das Haupthaar allerdings – das nicht geschoren werden darf, soll der Held nicht seine Kraft verlieren – hängt ihm Jesus-artig schlapp herab, und auch das staubige Gewand erinnert an den Wüstenprediger aus Nazareth – aber Samson als dessen Vorläufer zu betrachten, ist ein wirrer Gedanke.

Der erste Akt

Der lyrische Auftritt Jovanovichs wird von Michael Volles raumgreifendem Oberpriester schier weggefegt – von diesem Manne geht eine Gefahr aus, die Jovanovich in seine Figur nicht legen kann. Nachdem er Dalila begegnet ist – Elina Garanca beginnt mit röhrend rauer Tiefe –, träumt er sich in ein Familien-Idyll hinein wie Papageno mit den „lieben, kleinen Kinderlein“, von Szifron allerdings ironiefrei als Tanzeinblendung inszeniert. Man ist nach diesem ersten Akt im Grunde mit dem Regisseur fertig.

Szifron, argentinischer Filmregisseur („Wild Tales“), kennt keinen Zugang als den biederst realistischen und bedient sich beim Bibelfilm der 50er-Jahre. Die Produktion könnte anstandslos von der New Yorker MET übernommen werden. Im zweiten Akt hat Szifrons mangelndes Verständnis für die Bedürfnisse der Opernbühne immerhin den Vorteil, dass er die Aktion weitgehend den Sängern überlässt – bis auf einen widerlich anzuschauenden Vergewaltigungskampf, den Dalila für sich entscheidet.

Französische Sinnlichkeit und deutsche Dynamik

Elina Garanca läuft hier zu traumhafter Hochform auf, mit glutvollen Farben und intensiv geformten Phrasen und vermag Jovanovich auch in erstaunlichem Umfang mitzureißen. Barenboims Interpretation ist ebenfalls mitreißend, nicht nur in ihrer souveränen Disposition von Höhepunkten, sondern auch stilistisch, indem sie den Punkt zwischen französischer Sinnlichkeit und deutscher Dynamik trifft. Im dritten Akt geht das wieder ein wenig verloren.

Saint-Saëns’ ambitionierter Exotismus tönt etwas schwerfällig und blechlastig, dafür wird es auf der Bühne ein bisschen interessanter mit nackten Tänzerinnen und Puff-Rotlicht. Dass Szifron die lieblichsten Chöre mit grausamen Folterszenen illustriert, wird ihm die heftigen Buh-Stürme am Ende eingetragen haben. Und in der Tat: Nach eineinhalb Stunden Harmlosigkeit ikonisch an den IS und seine Hinrichtungsmethoden zu erinnern, nur um einer bis dahin belanglosen Produktion etwas Skandalpfeffer zuzusetzen, ist verwerflich.