Die Szene ,,Delphin Luftschiff'' aus dem Jahr 1974. 
Foto: dpa/Soeren Stache

Berlin  Sandmann, lieber Sandmann, es ist soweit: Die in der DDR entstandene Fernsehfigur feiert ihren 60. Geburtstag. Der mittlerweile in ganz Deutschland beliebte Traumsandstreuer war am 22. November 1959 erstmals auf dem Bildschirm zu sehen und schickt seither bis heute täglich die Kinder in den Schlaf. Seine Existenz verdankt der Fernsehstar allerdings einer kuriosen Geschichte: Denn Geburtshelfer des Ost-Sandmännchens war vor 60 Jahren das Westfernsehen.

Der Berliner Historiker Volker Petzold, Autor von zwei Sandmann-Büchern, kennt die Geschichte aufgrund von Zeitzeugenberichten. „Anfang November 1959 kündigte der Sender Freies Berlin (SFB) in West-Berlin an, erstmals einen Sandmann im Fernsehen zu zeigen“, sagt er. Eine Handpuppe, die sehr einem Wichtelmännchen ähnelte, die die SFB-Moderatorin Ilse Obrig mit der Autorin Johanna Schüppel entworfen hatte.

Ost-Sandmann entstand innerhalb von zwei Wochen

Am 1. Dezember 1959 sollte sie auf Sendung gehen. „Davon erfuhr Walter Heynowski, damals Chef des Deutschen Fernsehfunks in der DDR. Er wollte den Westplänen zuvor kommen, gab Bühnenbildner Gerhardt Behrendt den Auftrag, schnell eine eigene Sandmann-Figur zu entwerfen, die dann im Rahmen des ,Abendgrußes’ im Ostfernsehen aufttreten sollte.“

Innerhalb von zwei Wochen war die Figur fertig und die erste Folge produziert. Auch das Sandmannlied entstand in Windeseile. Wolfgang Richter soll es in nur drei Stunden am Klavier komponiert haben, Walter Krumbach schrieb rasch den Text dazu. „So konnte das DDR-Sandmännchen am 22. November 1959 noch vor dem im Westen im Fernsehen erscheinen“, sagt Petzold.

Sandmann sah erst etwas gruselig aus

„Er wurde sofort ein Star. Die Sandmannpuppe von Ilse Obrig dagegen hatte bei den Zuschauern weniger Erfolg, wurde später in der ARD durch eine andere ersetzt.“

Dabei sah auch der DDR-Sandmann anfangs mit seinen übergroßen Augen etwas gruselig aus. „Ab Sommer 1960 bekam er das Aussehen, das wir heute alle kennen“, sagt Petzold.

In den 70er-Jahren gab es etwa zehn Puppen, die um die 22 Zentimeter groß waren. „Neben Erfinder Behrendt arbeitete auch  die Puppengestalterin Diethild Dräger an der Figur mit“, so der Experte. „Sie war die Schwester von Lothar Dräger, der 1975 die Mosaik-Helden Abrafaxe erfand.“

Ein Mitglied der Redaktion des berühmten ostdeutschen Comics war auch direkt am Entstehen der Sandmann-Geschichten beteiligt: der Modelbauer Gerhard Eckert. „Er half dem Szenenbildner Harald Serowski, die Fahrzeuge für den Sandmann zu bauen“, sagt Petzold. Ob Raketen, Autos, U-Boote und utopische Fluggeräte: In den insgesamt 457 produzierten Folgen reiste der Sandmann in mehr als 300 Fahrzeugen zu den Kindern.

Der DDR-Sandmann durfte um die Welt reisen

Der DDR-Sandmann wurde zum Exportschlager: Er war auch in Skandinavien, Jemen oder auf Mauritius zu sehen. „Auch das Westfernsehen wollte ihn“, sagt Petzold. 1966 bot der WDR 60.000 D-Mark für 50 Folgen. „Doch die DDR lehnte ab.“  

Im Gegensatz zu den DDR-Bürgern durfte der Sandmann in alle Erdteile reisen. Nur der Westen Deutschlands war für ihn tabu – bis zum Mauerfall. „Nach dem 9. November 1989 war geplant, dass der Sandmann über das Brandenburger Tor in die Kinderabteilung des Kadewe fliegen sollte“, erinnert sich der damalige Szenenbildner Gerald Narr. Doch die Folge erschien nicht.

Heute sehen in Ost und West über eine Million Menschen den Sandmann im RBB, MDR und Kika. Einer seiner größten Fans soll Papst Johannes Paul II. gewesen sein, der den Sandmann sogar 1997 segnete.