Sandra Hüller: So sehr Ost wie West

Einmal wurde Sandra Hüller gebeten, das Gefühl ihrer Kindheit vor dem Fall der Mauer darzustellen. Pantomimisch, für ein Foto, das im Magazin der Süddeutschen Zeitung erscheinen sollte. Im Juli 2016 war das. Heraus kam ein Bild, auf dem die Schauspielerin die Arme um den eigenen Körper schlingt; der Kopf ist leicht zur Seite geneigt, die Augen sind geschlossen. Auf den Lippen liegt ein seliges Lächeln. Das Foto strahlt ein Gefühl aus: Geborgenheit. Die Anfrage zu dem Foto-Shooting kam nicht von ungefähr. Denn Hüller wurde gerade als Hauptdarstellerin des Kinofilms Toni Erdmann national wie international bekannt.

Der Film wurde für den Oscar in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ nominiert. Im Theater konnten die Zuschauer schon viel früher sehen, was Sandra Hüller kann. Auf den Bühnen der Münchner Kammerspiele, der Volksbühne Berlin, bei der Ruhrtriennale. Hüller reiht sich ein in eine Reihe von Ost-Schauspielerinnen, die auch nach dem Mauerfall Karriere machten: Dazu zählen etwa Carmen-Maja Antoni, Corinna Harfouch, Jutta Hoffmann, Dagmar Manzel, Katrin Sass und Katharina Thalbach. Was Hüller von ihnen unterscheidet, ist, dass sie erst in den 1990er-Jahren erwachsen wurde. Ost und West mischen sich in ihr.

Geboren wurde Sandra Hüller 1978 im thüringischen Suhl. Als die Mauer fiel, war sie elf. Und ihre Erinnerungen an die Zeit davor sind Kindheitserinnerungen. Doch seit dem Foto und seit sie in Interviews von ihrer Kindheit erzählt hat, klebt der Geborgenheitsbegriff an ihr. Dass das eine Last sein kann, ist auch an dem nasskalten Januarmorgen, für den wir uns verabredet haben, zu spüren. Sandra Hüller kommt herein, zieht die Mütze vom Kopf, grüßt freundlich.

Sandra Hüller hält fast ständig Blickkontakt

Das hier ist ihr Terrain, sie hat das Café auf dem Gelände der ehemaligen Baumwollspinnerei in Leipzig-Plagwitz als Treffpunkt vorgeschlagen. Aber sie bleibt während des Gesprächs vorsichtig, hält fast ständig Blickkontakt und guckt manchmal sehr skeptisch. Etwa wenn sie eine Frage überflüssig findet oder – was häufiger vorkommt – daran zweifelt, überhaupt eine geeignete Gesprächspartnerin zum Thema DDR zu sein. Sandra Hüller wird in fast jedem Interview nach ihrem Verhältnis zum Osten gefragt, ungeachtet der Tatsache, dass sie die DDR nur als Kind erlebt hat, und mit ihr das Gefühl von Geborgenheit. „Es ist schwer, mit diesem Begriff umzugehen, nur weil es dieses Foto gibt. Das ist unglaublich … kitschig.“

Mit anderen bekannten Ostdeutschen teilt Hüller das Schicksal, sich zur deutsch-deutschen Geschichte äußern, sich verhalten zu müssen. Und sie läuft immer Gefahr, am Ende als naiv zu gelten, als jemand, der die Vergangenheit verklären und die Realität nicht anerkennen will. Die Idee, sie könne als eine Art Botschafterin des Ostens gelten, erscheint ihr absurd. Und auch wieder nicht. „Was ich merke, ist, dass dieses Thema immer noch ein heißes Thema ist, ein gefährliches Thema. Und dass ich immer noch das Gefühl habe, ich könnte mich da in die Nesseln setzen. Die ganze Diskussion über den Osten ist überhaupt nicht befreit von einer Art Sentiment oder Vorurteil.“

In einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit hat sie es schon einmal versucht: Sie hat sich Mühe gegeben, zu erklären, warum es eine Bedeutung hat, dass ihre Wahlheimat wieder im Osten liegt, nach Stationen in Basel und München. „Ich habe es so gelernt, dass man sich um die Menschen, für die man sich entschieden hat, kümmern muss“, sagte sie in dem Interview. „Diese Hingabe gibt es im Osten ein bisschen stärker, sagt mir mein Gefühl.“

Thomas Stubers Film „In den Gängen“

Hüllers Erinnerung an die DDR ist vor allem das: ein Gefühl. Von Verlässlichkeit. Stabilität. Und ja: Geborgenheit. „Ich habe als Kind so eine Sicherheit empfunden. Es gab in meiner Erinnerung kein Konkurrenzdenken, kein Wachstumsdenken. Und bestimmte Fragen gab es einfach nicht. Ob man Arbeit findet, zum Beispiel. Ob wir die Miete zahlen können. Diese existenziellen Fragen haben keine Rolle gespielt.“

Hüllers Eltern waren beide berufstätig, selbstverständlich. Sie arbeiteten als Erzieher, die Mutter in einem Schulhort, der Vater in einem Lehrlingswohnheim. Als das nach der Wende geschlossen wurde, war er vorübergehend arbeitslos. „Mit dem Fall der Mauer hat bei mir dieses Erwachen stattgefunden, dass es da eine Welt gibt, die durchaus bedrohlich sein kann.“ Sie meint damit nicht „den Westen“, nicht ein vermeintlich bedrohliches, kapitalistisches Niemandsland jenseits der Grenze. „Es war eine grundsätzliche Erschütterung.“

Auch diese Erschütterung hat sie schon gespielt. In Thomas Stubers Film „In den Gängen“, der Anfang des Jahres 2018 in die Kinos kam, ist Hüller Marion, Angestellte in einem Großmarkt irgendwo in Ostdeutschland, zuständig für die Süßwarenabteilung. Zwischen ihr und dem schweigsamen Kollegen Christian entspinnt sich so etwas wie eine zarte Liebesgeschichte, die keine Zukunft hat. Zu schwer tragen beide an ihrer Vergangenheit, genau wie all die anderen, die hier arbeiten. An keinem von ihnen ist die Wendezeit spurlos vorbeigezogen, sie haben alle etwas verloren, der eine mehr, die andere weniger. Der Großmarkt wird mit seinen täglichen Ritualen zum Schutzraum. Wie ein Raumschiff, das die letzten Überlebenden einer Naturkatastrophe aufgenommen hat und nun ziellos im All driftet.

Sandra Hüller: „Man musste im Osten nach der Wende schon Glück haben, um Arbeit zu finden“

Einige Verwandte von Sandra Hüller sind nach der deutschen Vereinigung zum Arbeiten in den Westen gegangen. Auch ihr Vater spielte eine Zeit lang mit dem Gedanken. „Man musste im Osten nach der Wende schon Glück haben, um Arbeit zu finden. Es war für alle Beteiligten schwer – aber das ist ja nicht ungewöhnlich für eine Umbruchzeit.“

Alle in ihrer Familie – nicht nur die Frauen – machten irgendwie weiter. Weil sie es mussten. Weil Aufgeben keine Option war. Findet Sandra Hüller die Idee – oder auch: Wunschvorstellung –, dass Frauen aus dem Osten grundsätzlich stark sind, Kinder, Karriere und Familie unter einen Hut bekommen und nach der Wende flexibler waren, mit der allgemeinen Verunsicherung besser umgehen konnten als die Männer – in ihrer eigenen Verwandtschaft wieder? Sie überlegt lange. „Die Generation der Frauen, die die Wende erlebt haben, das war ja die direkte Nachfolgegeneration der Frauen, die im Krieg alles allein machen mussten, während ihre Männer an der Front waren. Dadurch wurden sie sicher auch geprägt. Durch diese Haltung, dass man eben immer weitermacht. Das kann durchaus sein, dass es dadurch eine gewisse Zähigkeit gibt. Aber das war ja im Westen genauso.“

Also ja. Und nein. Sie will diese Stärke nicht beanspruchen, nicht exklusiv für die Frauen im Osten. Doch im Westen hatte es eine andere Entwicklung gegeben: Da wurde die patent zupackende Nachkriegsfrau mehrheitlich zur Hausfrau des Wirtschaftswunders, zuständig für Heim und Herd.

Zu Hause bei den Hüllers wurde die Berufstätigkeit von Frauen nicht thematisiert, nicht auf theoretischer Ebene. „Das wurde einfach vorgelebt. Auch nach meiner Geburt und der meines Bruders ist meine Mutter relativ schnell wieder arbeiten gegangen. Das war gar keine Frage. Meine Eltern haben eben zusammen den Haushalt finanziert.“ Natürlich hat sie das geprägt, „weil man ja merkt, dass das die Normalität ist und es auch unter den Eltern gar keine Diskussion darüber gibt. Dass sie sich die Arbeit teilen, den Haushalt teilen, dass sie zu gleichen Teilen den Alltag organisieren.“ Wirklich zu gleichen Teilen?

Das Klischee der patenten, anpassungsfähigen Ostfrau

Rückblickend berichten viele Frauen aus dem Osten, dass sie – neben einer Vollzeitstelle – zu DDR-Zeiten auch noch den größten Teil der Hausarbeit bewältigten. Nach der Arbeitsschicht kam die nächste, die mit Einkaufen, Putzen und dem Versorgen der Kinder ausgefüllt war. Dieses Ungleichgewicht habe sie in ihrem Elternhaus nicht erlebt, sagt Hüller. „Ich erinnere mich wohl an diese Beschwerde meiner Mutter – aber ich habe auch Bilder im Kopf, wie meine Eltern zusammen in der Küche stehen, ich sehe sehr deutlich meinen Vater mit dem Staubsauger in der Hand. Falls es dazu Diskussionen gab unter den beiden, dann habe ich das zumindest nicht mitbekommen.“

Mit dem Klischee der patenten, anpassungsfähigen Ostfrau kann sie wenig anfangen, ebenso wenig wie mit dem vom larmoyanten ostdeutschen Mann, der von den Wendeereignissen überrollt wurde und nicht in der Lage ist, sich der neuen Realität anzupassen. „Dieses Schubladendenken, das geht nicht. Selbst wenn wir über dieses Geborgenheitsgefühl – oder nennen wir es Naivität – reden: Selbst das ist ja eine ganz persönliche Erfahrung. Das muss ich mit niemandem gemein haben.“

Dabei hat sie es persönlich erlebt: „Die Frauen in meiner Familie haben einfach weitergemacht. Auch wenn es scheinbar nicht mehr ging. Das war einfach so.“ Und die Männer? „Die sicherlich auch. Aber sagen wir mal so: Der große Anteil an Leuten, die sich zum Beispiel im Alkohol verloren haben, der liegt auf der männlichen Seite.“ Der Beweis einer These ist das nicht. Nur ihre eigene Sichtweise – die sich mit mancher Statistik deckt.

Sie selbst hat ihren Weg gemacht, ohne von einer vermeintlichen Generationenlast niedergedrückt zu werden, nahm am Theaterkurs in der Schule teil und an Theaterworkshops – das Ziel frühzeitig vor Augen. Daran, dass Hüller so jung war, als die Mauer fiel, kann es nicht liegen. Etliche der sogenannten Wendeverlierer, derer, die sich von der Entwicklung seit der Vereinigung betrogen und zurückgelassen fühlen, sind jünger als sie. Es liegt wohl eher daran, dass die deutsch-deutsche Nachwendezeit, an der sich Historiker, Politiker, Schriftsteller gerade abarbeiten, zunächst keine große Rolle gespielt hat in Hüllers Leben. „Ich bin nach der Wende ja im Osten geblieben.“

Studium an die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin

Das Abitur machte sie in der Kleinstadt, in der sie aufgewachsen ist. 1996 ging sie zum Studium an die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin – „eine ausgewiesene Ostschule“, wie sie sagt – und machte im Jahr 2000 ihren Abschluss. „Und dann war ich ja auch am Theater im Osten.“ In Jena und in Leipzig. Es sei ja irgendwie noch derselbe Osten, und sie sei einfach dageblieben.

Einen großen Teil ihres Lebens verbrachte Hüller aber im Westteil der Republik, an den Theatern in München, Freiburg, im Ruhrgebiet. Seit ihrem Erfolgsfilm „Requiem“, für den sie 2006 mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurde, gilt sie als eine der besten deutschen Schauspielerinnen. „Toni Erdmann“ wiederum machte monatelang auf höchstem Niveau Furore. Hüller spielt darin die karriereorientierte Tochter eines skurrilen Vaters, der ihr auf ihren Dienstreisen nachzustellen beginnt und damit ihr wohlgeordnetes, auf Erfolg ausgerichtetes Leben heftig ins Schleudern bringt.

In mehr als 25 Filmen ist Sandra Hüller präsent, neben dem Deutschen Filmpreis bekam sie zahlreiche andere Auszeichnungen, wie den Preis der Deutschen Filmkritik, den Bayerischen und den Europäischen Filmpreis. Sie hat oft die vermeintlich starke Frau, die es richten muss, gespielt, nicht nur die kapitalistische Unternehmensberaterin in Toni Erdmann, die hart ist gegen sich und andere – in einer Welt, die auch im 21. Jahrhundert noch eine männliche ist. Im Theater ist ihr das manchmal noch eindrücklicher gelungen.

2007 – nicht lange nach ihrem „Requiem“-Erfolg – stand Sandra Hüller in der Titelrolle in „Mamma Medea“ in der Inszenierung von Regisseur Stephan Kimmig an den Münchner Kammerspielen auf der Bühne. Für das Stück hat Autor Tom Lanoye den uralten und schon ungezählte Male interpretierten Medea-Stoff neu erzählt. Es geht um eine Mutter, die ihre Kinder tötet und um die Frage, warum sie es tut. Aber mehr noch geht es um eine Frau, die aus der Fremde kommt und von ihrem neuen Lebensumfeld feindselig empfangen wird, die versucht, sich zu behaupten, und die Schwächen anderer genauso wenig akzeptieren kann wie ihre eigenen.

Die ehrgeizige Ines Conradi in „Toni Erdmann“

Die Tragik, die in Stück und Stoff steckt, mag mit Hüllers eigenem Leben herzlich wenig zu tun haben. Genauso wenig wie die ehrgeizige Ines Conradi in „Toni Erdmann“. Als der Film Aufsehen erregte, ist Sandra Hüller immer wieder gefragt worden, wie viel von dieser Rolle ihrem eigenen Charakter entspreche. Und immer wieder hat sie betont, wie fremd diese Ines Conradi ihrem eigenen Wesen sei: deren kalte, schnippische, herablassende Art.

Es habe sie viel Mühe gekostet, sich der Figur anzunähern. Doch es kann sein, dass es ihr aufgrund ihrer Biografie trotzdem leichter gefallen ist, sie und die anderen entwurzelten Frauen zu spielen, die wie Ines, Marion und Medea auf der Suche nach dem kleinen oder dem großen Glück sind. Weil sie versteht, was sie verbindet: der absolute Wille, trotz aller Widrigkeiten Würde zu bewahren, die Achtung vor sich selbst. Es sind Frauen, die es schwer haben, sei es der Umstände oder ihres eigenen Wesens wegen. „Es geht um die Deutungshoheit über das eigene Leben“, hat Sandra Hüller in einem Tagesspiegel-Interview über ihre Rollen gesagt. „Das hat mit Unabhängigkeit zu tun. Meine Figuren suchen ihre eigene Wahrheit.“

Inzwischen muss sie lange nachdenken, bis ihr einfällt, wer von ihren Freunden und Kollegen eigentlich ursprünglich aus dem Osten, wer aus dem Westen kommt. Vielleicht, weil sie als Erwachsene doch mehr deutsch als ostdeutsch ist. Oder auch, weil ihr diese Kategorisierung sonst kaum begegnet, ist das Theater doch schon immer ein Ort, an dem sich verschiedene Herkünfte und Weltanschauungen versammeln. Ost, West – das fällt nicht auf, spielt keine Rolle.

Fast keine. Als Hüller 2002 am Theater Basel engagiert war, erinnert sie sich, wurde ihr eine Kollegin so vorgestellt: „Ihr kommt doch beide aus dem Osten, ihr habt euch sicher viel zu erzählen!“ Die Anekdote irritiert sie noch heute. Sehr plump sei das gewesen, auf einmal zur Exotin gemacht zu werden, zwölf Jahre nach der deutschen Vereinigung.

Das Aus-dem-Osten-Sein

Es fällt ihr auch deshalb schwer, über das Aus-dem-Osten-Sein zu reden: weil sie eigentlich diese andere Generation sein soll. Die, die das ewige Gewühle in der deutsch-deutschen Herkunftskiste überflüssig macht. Nicht Ost, nicht West, sondern versöhnlich gesamtdeutsch.

Und doch lebt Sandra Hüller heute wieder im Osten. Es klingt immer wieder an im Gespräch, wie nah ihr ihre ostdeutsche Herkunft ist, aller Internationalität zum Trotz. Sie spricht über ihre Kindheit in der DDR, die eine normale Kindheit in den 1980er-Jahren gewesen sei: kleinstädtisch, unbeschwert, noch ohne Internet und Handy, ohne Facebook, Instagram und Push-Nachrichten auf dem Smartphone.

Hüllers Tochter ist jetzt sieben und erlebt eine andere Kindheit. Ist das Leben, das Hüllers Eltern geführt haben, eine Art Auftrag für ihren eigenen Erziehungsstil? Mit ihrer Mutter spricht sie manchmal darüber, wie Kindererziehung heute ist und früher war. „Aber das kann man gar nicht vergleichen. Meine Mutter war abends fast immer zu Hause. Sie musste nicht beruflich irgendwohin fliegen und gucken, wer in der Zeit auf mich aufpasst. Ich muss mir da ganz andere Gedanken machen, weil mein Beruf anders funktioniert.“

Eine Feministin ist die Schauspielerin, natürlich. „Ich weiß gar nicht“, sagt sie, „wie man das in der heutigen Welt nicht sein kann.“ Doch die klassischen frauenrechtlichen Debatten hat Sandra Hüller erst nach der Wende mitbekommen. „Ich glaube, das Wort ‚Feminismus‘ habe ich vorher nie gehört.“

Eine Feministin ist die Schauspielerin Sandra Hüller, natürlich

In ihrem Umfeld war man eher mit den politischen Ereignissen beschäftigt, damit, sich dazu zu positionieren oder sich davon abzugrenzen. „Nur, weil ich mich als Kind wohlgefühlt habe in dieser unbescholtenen Welt, heißt das ja nicht, dass die Erwachsenen nicht sehr wohl wahrgenommen haben, dass da etwas nicht stimmt. Es gab viele Diskussionen darüber, wie man das Land verändern kann, um es offener und freier zu machen – ohne die Grundprinzipien zu verlieren, ohne dieses Menschenbild zu verraten.“ Aber ist der Feminismus deshalb eine westdeutsche Erfindung? Weil sich die Frauen im Osten die berufliche Gleichberechtigung nicht erkämpft haben, sondern gewissermaßen verordnet bekamen? „Es ist ein Gedankenspiel wert, sich zu überlegen, was passiert, wenn so etwas wie Frauenrechte von oben verordnet werden. Ist das denn weniger wert, weil es nicht erstritten worden ist? Trotzdem kann daraus ja etwas Gutes entstehen.“

Vielleicht ist es eher so, dass die Debatten später ansetzen, dass es gleich um weiter gefasste, globalere Dinge geht, weil man sich mit grundlegenden Fragen nicht mehr aufhalten muss. Vielleicht, weil nicht erst alles Alte überwunden werden muss. Viele Probleme bleiben, auch heute noch, auch in Hüllers Beruf. „Ich versuche, meinem Kind zu vermitteln, dass ich da bin. Aber das ist eben eine Gratwanderung.“ Eine, die viele Mütter kennen, und viele Väter.

Es kann sein, dass sie ihre Vorstellungen von Gleichberechtigung unbewusst auf ihr Kind überträgt. „Meine Tochter hat da jetzt schon eine ganz klare Haltung. Sie fragt mich dann: ‚Mädchen können das genauso gut wie Jungs, stimmt doch, Mama?‘ Ich weiß nicht, wo sie das herhat. Wir sprechen darüber zu Hause nicht explizit.“

Vielleicht wird ihre Tochter einmal zur ersten wirklich gesamtdeutschen Generation gehören, für die die Herkunft der Eltern und Großeltern keinen Anlass zu weltanschaulichen Diskussionen mehr bietet. Weil es keine Rolle spielt, ob sie aus Jena, Leipzig oder Rostock stammen oder aus Bamberg, Koblenz oder Aschaffenburg.

Es gibt noch ein zweites Foto von Sandra Hüller, aus derselben Zeitungsserie, von der eingangs die Rede war. Dafür wurde sie nach ihren Empfindungen direkt nach dem Mauerfall gefragt. Das Bild zeigt Hüller in Porträtaufnahme mit großen Augen, die Hand vor den Mund geschlagen. Erschrecken könnte das ausdrücken. Angst, Sorge, Verunsicherung. Oder einfach nur Neugierde. Auch danach würde ich sie gern fragen. Aber sie muss jetzt los, die Mütze hat sie schon aufgesetzt. Und am Ende ist es vielleicht auch gar nicht von Belang. Am Ende ist es schließlich nur ein Foto.

Das Porträt stammt aus dem Buch „Ostfrauen verändern die Republik“ von Tanja Brandes und Markus Decker. Es erscheint am 13. März im Ch. Links Verlag, 248 S.,18 Euro.