Sandra Hüller, Schauspielerin, Sängerin und Musikerin.
Foto: Kirsten Becken

BerlinDie Schauspielerin Sandra Hüller ist in Schwebezuständen zu Hause. Ihre Rollen im Film und im Theater füllt sie mit ihrem persönlichen Wesen aus, lebt in ihnen und im Moment, aber kontrolliert sie doch auf den Höhen der Fiktion und des Spiels. Manchmal scheint es, als könnte sie besser Distanz zu ihren Figuren halten als ihr Zuschauer, der ihnen mit Haut und Haar verfallen ist. Deshalb wird man auch nicht satt und gewinnt kein bisschen Zutraulichkeit, wenn man ihr in die Augen sieht.

Nicht umsonst wurde die 42-jährige Thüringerin hier schon viele Male gefeiert, und sie hat unzählige Preise gewonnen. Allein in der letzten Saison wurde sie von den Kritikern für das Fachblatt Theater heute für ihre Penthesilea zur Schauspielerin des Jahres gewählt, erhielt sie für ihren Hamlet den Gertrud-Eysoldt-Ring und im Mai beim Theatertreffen – dies leider nur virtuell – den Kunstpreis Berlin. Ihre Filmrollen in „Toni Erdmann“ oder „Requiem“ haben sich wie persönliche Bekanntschaften ins Gedächtnis ihres Publikums gegraben.

Und bitte auch ihr komödiantisches Talent nicht vergessen, das sie in „Fack ju Göhte 3“ oder im „Tatortreiniger“ ausspielt! Ein zum Fragezeichen verschobenes Gesicht, Verdutzungsrunzeln zwischen den Augenbrauen oder von lustigen Gemeinheiten herausgequetschte Tränchen – alles sitzt, alles spielt, und nie lässt sie ihre Figur im Stich. 

Wenn sie in einer ihrer Rollen singt, ist auch ein hartgetrocknetes Kritikerherz im Handumdrehen geschmolzen. Wobei es natürlich – siehe oben – nie die Stimme von Sandra Hüller allein ist, die einen packt, sondern eben auch die aus den Seelen ihrer Figuren. Denn diese sind es doch, die man in den Arm nehmen, trösten oder wachrütteln möchte.

Das Gefühl, nun tatsächlich Sandra Hüller selbst singen zu hören, verstört da erst einmal ein wenig. Ein paar Titel konnte man schon in Vorabveröffentlichungen hören, seit diesem Freitag gibt es das zwanzigeinhalbminütige Sieben-Titel-Mini-Album „Be Your Own Prince“ als Stream und in Vinyl. Besonders das Stück „You & Me = Pornography“ lässt den Hörer erröten. Hüller spielt mit den hellsten Farben ihrer Stimme, formt die Worte ganz vorn auf der Zunge, eilt sich selbst kanonartig hinterher, um sich spätestens auf der letzten Silbe von „Pornography“ einzufangen.

Lang ist diese letzte Silbe, und da ist mehr Platz als in einem satinbezogenen Königinnenbett mit durchsonntem Baldachin. Die Stimme schmiegt sich an, dreht sich weg, räkelt sich, öffnet sich, lächelt, schwelgt, versteckt sich unter der Decke, guckt darunter hervor, flieht zum Scherz und kommt dann wieder von hinten angetanzt – alles in einem Ton und vor allem: tief im Ohr des Hörers. Dazu nur ein paar Kalimba-Töne, die Hüller selbst anschlägt. Also das ist schon ganz schön intim!

Oder „The One“, die Klage einer Frau, die einen Mann liebt, der sich nicht auf sie einlassen will. Im Video sitzt sie in einer leeren Wohnung vor einer abgeranzten Wand mit – ganz wichtig, weil so erbärmlich – Überputzsteckdose auf einem von zwei senffarbigen Polsterstühlen und guckt aus dem Fenster. Bekleidet ist sie mit irgendwas zwischen Schlaf- und Jogginganzug, und Gesicht und Haare baumeln ebenso formlos an ihr herunter.

Und wieder ist da ein sehr langes Y, das ganze Dramen fasst, diesmal gehört es zu dem Wort „sorry“ und changiert zwischen Wut, Resignation, Liebe, Trauer und Ironie. Zwanzig Sekunden schwebt dieser Ton, bis der letzte Atemhauch ausgequetscht ist (wehe, da wurde irgendwas geloopt!) – und im Bild schiebt sie sich immer weiter in die Schräge, irgendwie yogaartig, ausgeschlafen und zugleich todmüde, bis sie mit ihrer Hand am Boden ist und sich zwar in einer stabileren Lage wiederfindet, in dieser aber, nach kurzer Prüfung, auch keine Erleichterung. Was für ein zäher Kummer! Und welch zarter Überdruss. Ein paar Bongoschläge, kurze, verdreckte Akkordabfolgen auf Gitarre und Bass, dazu und verzögertes Schellentamburin.

Es gibt aber auch reicher instrumentierte Nummern auf dieser von dem Theatermusiker Daniel Freitag produzierten und gemixten Platte. Das geht dann doch betont in Richtung Vielgestaltigkeit, Ideenreichtum und Anspielungsfreude (von CocoRosie bis Grace Jones). Es gibt sogar einen hidden Track, der so etwas wie ein Gebetsmantra hinter einem Kantinenfenster erahnen lässt. Das macht sich schon ein bisschen wichtig. Zumal die ganze aufgebaute Finesse an den Titelenden ziemlich trocken und ambitionslos in sich zusammenfällt. Das ist, als würde sich das Lied, kaum gesungen, von einem wegdrehen und sich nach jemand anderem umgucken, was bei so viel Nähe natürlich tief kränkt. Vielleicht ist das alles doch nur eine Spielerei?

Sandra Hüller: Be Your Own Prince (Akkerbouw, digital / Kreismusik, Vinyl)