Foto eines jüdischen Paares im Warschauer Ghetto, datiert auf 1942.
Foto: imago images/United Archives Internation

Es ist wichtig, im Kopf zu haben, was der Autor noch vor dem Motto und der Widmung vermerkt hat. Vor fünfundzwanzig Jahren habe er begonnen zu schreiben, teilt Santiago Amigorena mit, „um das Schweigen zu bekämpfen, an dem ich seit meiner Geburt fast ersticke“. Amigorena, 1962 in Argentinien geboren, lebt in Frankreich, ist zunächst als Filmemacher aufgefallen, vor allem mit „A few days in September“ 2006.

Sein Roman „Kein Ort ist fern genug“ erzählt von einem Mann namens Vicente Rosenberg, der als Möbelhändler arbeitet, eine Frau und zwei Kinder hat und durch seinen überlegten Kleidungsstil und ausgezeichnete Manieren auffällt. Er ist ein typischer Bewohner der Vielvölkerstadt Buenos Aires. Dass er vor nicht allzu langer Zeit noch Wincenty hieß, weil er 1928 aus Polen kam, weiß kaum jemand. Der Roman beginnt im September 1940 mit einer Szene, in der Vicente seiner Frau erklärt, dass er nicht zu einer Bar-Mitzwa-Feier möchte. Sie machten doch „überhaupt nichts mehr wie die Juden. Sogar deine Eltern mit ihrem Akzent reden lieber Spanisch als Jiddisch miteinander!“

„Kein Ort ist fern genug“ heißt das Buch, weil Vicente Rosenberg immer stärker an seine Herkunft gebunden wird, obwohl er jetzt 13.000 Kilometer entfernt lebt. Der Autor spielt dabei zunächst die traditionell enge Bindung an die jüdische Mutter aus, die Vicente und ein Freund ironisieren, um sie abzuschwächen. Vicente hatte bei seinem Abschied aus Polen noch versprochen, jede Woche zu schreiben, hielt das aber nicht lange durch. Die Nachrichten, die nun von seiner Mutter kommen, klingen beunruhigend und werden dramatischer.

Zwischen Erzählung und Essay

Die Vernichtungspolitik der deutschen Machthaber in Polen beginnt mit dem Zusammenpferchen der Juden in einem Ghetto in Warschau und setzt sich mit Aushungern fort. Vicente sucht objektive Nachrichten, wartet auf neue, vielleicht hoffnungsvollere Briefe der Mutter und wird sich bewusst, dass er sich wieder als Jude fühlt, obwohl er doch genau dieser Zuschreibung entfliehen wollte.

Der Autor wechselt öfter zwischen einem erzählerischen, fast märchenhaften Ton und essayistischen Bemerkungen. Er beginnt diesen Wechsel, da sich Vincente auf sein Jüdischsein reduziert sieht, obwohl er doch auch Erwachsener, Vater, Argentinier, vielleicht auch noch Europäer und Pole ist. „Mit am schlimmsten am Antisemitismus ist die Tatsache, dass die Juden sich zwangsläufig als Juden zu fühlen haben, dass man sie auf eine Identität jenseits ihres Willens festlegt und kurzerhand für sie beschließt, wer sie wirklich sind.“

Amigorena gleitet unmittelbar vom eher unbedarften Erzählen aus Vicentes Tagesablauf, von seinem sorgfältig errichteten Musterbild eines Argentiniers, in das schwarze Zentrum der Politik jener Zeit, notiert die Etappen von Hitlers Politik bis zur auf der Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 beschlossenen „Endlösung der Judenfrage“. Und er zieht einen historischen Bogen: Der reicht vom Unwissen und wissentlichen Wegschauen damals, als man zwar bemerkte, dass die Naziregierung die Juden bekämpfte, aber nicht genug interessiert daran war, um das Ausmaß zu begreifen, in das Argentinien, in dem er selbst aufwuchs. „So wie die meisten Argentinier vierzig Jahre später in Buenos Aires nicht sehen wollten, dass die Militärdiktatur für Tausende von Verschwundenen verantwortlich war.“

Die große Entfernung von der Mutter wird Vicente ab Ende 1940 zur Qual. Er antwortet darauf nicht mit irgendeiner Form von Aktionismus. Er sieht sich zu fern von der Mutter und dem Bruder, um zu handeln. Er wird immer wortkarger, womit er sich selbst bestrafen will, worunter aber vor allem seine Frau und seine Töchter leiden. Der Mann, der nicht Jude sein wollte, findet keine Möglichkeit, mit seiner Sorge und Trauer, mit der Schuld, die er wegen seines guten Lebens in Argentinien empfindet, umzugehen. Er wird ein „Gefangener im Ghetto seines Schweigens“. Dieser Mann, das teilt der Autor mit und wechselt vom auktorialen Erzählen kurz in die Ich-Perspektive, ist der Großvater von Santiago Amigorena.

Die Nazis hatten gleich einen Begriff: „Endlösung“

Das Gegenteil von Schweigen ist Sprechen, ist auch Benennen. Während die Nazis in Berlin beschlossen, wie sie ihren europaweiten Ermordungsplan bezeichnen, nämlich „Endlösung der Judenfrage“, gab es auf der Seite der Opfer und der unbeteiligten Bevölkerung zunächst keinen Begriff dafür. Insofern erzählt Amigorena hier ein Gleichnis für die Gesellschaft. „Man sprach von einem ,Ereignis‘, von einer ,Katastrophe‘, von einem ,Inferno‘ oder ,Desaster‘, später dann hieß es ,Massaker‘ oder ,Apokalypse‘.“ Der britische Premier Winston Churchill, daran erinnert der Autor, sprach von einem „namenlosen Verbrechen“, bis sich nach Kriegsende im angelsächsischen Sprachraum das Wort Holocaust durchsetzte und ab den 60er-Jahren vor allem in Frankreich der Begriff Shoah.

„Während Reglosigkeit das Gegenteil von Beweglichkeit ist“, das Schweigen dem Sprechen gegenübersteht, „gibt es zum Denken kein Gegenteil“, stellt der Autor fest. Deshalb kann sein Vicente nur eine tragische Figur sein, durch die Verhältnisse in die tragische Rolle geschoben. Sein selbst entworfenes Märchen vom idealen argentinischen Ehemann zerfällt.

Santiago Amigorena: Kein Ort ist fern genug. Roman. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Aufbau, Berlin 2020. 190 S., 20 Euro.