„Wintersonne“, 1990, ein Motiv für das „Steinerne Berlin“ (nach Werner Heldt), Eitempera und Öl auf Nessel
Foto: S.Haffner/ Vg BIldkunst Bonn 2020/David Brandt

BerlinDiese „Wintersonne“ von 1990 kann als Paraphrase auf den Begriff „Steinernes Berlin“ gelesen werden. Dieser geht auf den Nachkriegsmaler Werner Heldt zurück und hat Maler immer wieder inspiriert. Gerade auch Sarah Haffner.  Fahles Gelb trifft auf kaltes, klares Türkis, steht über dem schwermütigen Dunkelblau und Schwarz der Brandmauern und Giebel. Wie gefroren wirkt die Luft. Stimmungen, Erinnerungsfetzen, Gedanken gerinnen zu Flächen, eine nicht-erzählende Malerei zwischen Realität und Abstraktion. Das streng reduzierte Stadt-Motiv gehört zu Haffners vor 30 Jahren im Atelier in der Uhlandstraße entstandenen Zyklus über die Jahreszeiten in der Stadt.

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Türkis war offensichtlich eine ihrer Lieblingsfarben. Ja, bestätigte sie einmal in einem Gespräch: „Türkis ist für mich Klarheit, wie Wasser, dem ich auf den Grund gucken kann. Oder wie der Himmel im Frühling, wenn alles Kommende noch offen ist.“ Neigte sich das Jahr – oder auch nur der Tag –, dann changierte das Türkis in ihren Bildern zu dunklem Blau.

Sie malte konzentrierte und harte Stille im lauten und chaotischen Berlin

Diese Malerei zeigt Wesentliches, reißt es heraus aus dem Fluss des Alltäglichen. Damals, 1990, so unmittelbar nach dem Fall der Mauer, war Berlin ja laut, schrill, chaotisch, überrannt von Menschen aus allen Richtungen der Windrose. Aber – wie faszinierend! – Sarah Haffner malte nicht etwa Lärmendes, nicht die Euphorie der Masse, sondern eine konzentrierte, harte Stille.

Die radikale Verknappung der Formen war ihr Markenzeichen. Was man sieht, ist nur scheinbar real. Stimmungen, Erscheinungen, Gedanken gerinnen zur dichten, strengen Metapher, in denen helle Fraben zu dunklen, warme zu kalten komponiert sind. Auf suggestive Perspektiven und dadurch illusorische Effekte verzichtete Sarah Haffner völlig.

Es ist der Dialog der Farben, der den Menschen oder Dingen in ihrer Malerei Plastizität gibt. Noch oft – bis ins Alterswerk hinein – malte sie solche scharfkonturigen, fensterlosen Häusergebirge. Brandmauern, Haltepunkte, Brücken, Treppen und Wände, die einen zurückstoßen, aber faszinierend charaktervoll sind.

Mein Bild der Woche

Die Künstlerin: Sarah Haffner (1940–2018) kam im britischen Cambridge, dem Exil ihrer aus Nazi-Deutschland geflohenen Eltern, zur Welt. Ihr Vater, der Historiker und linke Schriftsteller Sebastian Haffner, musste Hitlerdeutschland verlassen, um sein Leben zu retten und das seiner halbjüdischen Frau. 1954 kehrte die Familie nach West-Berlin zurück. Sarah Haffner, die an der Charlottenburger Hochschule der Künste Malerei studiert hat, schrieb auch Bücher und engagierte sich für Frauen in Not.

Die Ausstellung: „Goodbye to Berlin“ gedenkt der Malerin, die am 27. Februar 80 Jahre alt geworden wäre. Galerie Poll, Gipsstr. 3. Bis 29. Februar, Di–Sa 12–18 Uhr. Lesung/Gespräch am 27. Februar, 19 Uhr. Eintritt frei

Menschenleere Häuser-Landschaften wie diese wirken wie eingespannt in ein konstruktivistisches Gerüst. Sie sagte dazu: „Hinter der Wirklichkeit“ – das „hinter“ war als Widerhäkchen gemeint, die „Wirklichkeit“ keineswegs schon als die ganze Wahrheit. Ihre Bildwelt schrieb Stimmungen, Zustände fest. Und wenn sie sich selbst malte, schon in jungen Jahren, 1963, gerade erst neun Jahre zuvor und mitten im Teenager-Alter, aus dem Londoner Exil ihrer Eltern in Berlin vage „angekommen“, dann ist das auch später noch Grüblerische, Melancholische in den Gesichtern (etwa ihrer Serie „Frauen am Fenster“), dieser Kontrast der nachtblauen Schatten und rotgeschminkten Lippen und der vielen ernsten, skeptischen, bisweilen spöttischen Selbstbildnisse schon in dem fragenden jungen Gesicht der Malerin angelegt.

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Sie fiel auf, auch Erich Fried

Sie musste sich nach der Kindheit in England zurechtfinden in Deutschland, in der Frontstadt Berlin, in den Tumulten der 68er-Bewegung. Fragen hatte sie selbst immer mehr als Antworten. Der Dichter Erich Fried, dem Sarah Haffner auffiel, als sie noch keine 25 Jahre alt war, aber bereits solche eigenwilligen Einsamkeits-Metaphern malte, spröde Gedichte schrieb, sich in der Frauenbewegung engagierte und das erste Frauenhaus West-Berlins initiierte, muss diesen Zeitzeichen auf den Grund geschaut haben.

Denn er hielt sie für geeignet, die Menschen, die das Sehen und Fragen verlernt haben, wieder Sehen und Fragen zu lehren. Sarah Haffner malte in ihre Bilder wohl den Schmerz, nicht aber Larmoyanz hinein. Denn da war immer auch die Lust mit ihren eindringlich stillen, räumlichen Bildern gegen den Strom (etwa den hysterischen Kunstbetrieb) zu schwimmen. Malen, sagte sie mir einmal, vertreibe ihr die Ängste.

Ihre beiden Identitäten, die deutsch-jüdische und die englische aber meldeten sich angesichts von neuem Fremdenhass und Gewalt in Deutschland, angesichts von Sieg-Heil-Schreiern vor Asylantenheimen mit neuem inneren Druck. Gefragt, ob ihre Bilder die Spuren der Zeit trügen, sagte Sarah Haffner: „Eher die Spuren von Erfahrungen.“