Raus aus der Mitte, hin zu den Rändern: Das war die Richtung der Sarah Kirsch, in der Arbeit wie im Leben. Und in den Ferien, einmal im Jahr. Nicht nach Paris oder Rom („Nö, ich will in keene Luxusstadt hocken!“) zog es die Dichterin im Sommer, sondern in Gegenden, die noch abgehängter lagen als der schleswig-holsteinische Flecken Tielenhemme, in dem die Büchnerpreisträgerin seit 1983 lebte. Die nördlichen Meeresanrainer liebte sie. Irland und Island, wo sie einmal den berühmten Kollegen Halldór Laxness besuchte und kurz überlegte, nach Island auszuwandern. So weit kam es nicht.

Aber Sarah Kirsch kam immer weiter. Mehrfach ging es per Schiff auf eine „britannische Inseltour“, auf den Spuren der alten Angeln und Sachsen. Fünf mal war sie bereits dort gewesen, bevor sie im August des Jahres 2000 gemeinsam mit ihrem 1969 geborenen Sohn Moritz in den äußersten Südwesten Englands aufbricht.

"Riesenchaos, als der Schiffsbauch sich öffnet."

Mit Taxi, Bahn und Bus geht es fort von „Tee“ (Tielenhemme) zum Seehafen Stade. „Riesenchaos, als der Schiffsbauch sich öffnet. Alle eilen durcheinander“, meldet die Kirsch.

Der Leser eilt mit an Bord, auf die letzte Reise, deren Journal die 2013 gestorbene Schriftstellerin noch selbst für die Veröffentlichung fertigstellte. „Æenglisch“ ist das Büchlein überschrieben mit dem aus dem Altenglischen übernommenen Anfangsbuchstaben.

Es ist also ein besonderes Dokument, das man in den Händen hält, das letzte autorisierte Journal der passionierten Reisetagebuchschreiberin. Nach „La Pagerie“ (1980) und „Islandhoch“ (2002) noch einmal Transitprosa aus der Feder der heute vor 80 Jahren im thüringischen Nest Limlingerode geborenen Autorin, die schon vor ihrer Ausreise aus der DDR im Jahr 1977 zur bedeutendsten deutschen Dichterin ihrer Generation avanciert war. Nicht nur unter den ostdeutschen Kollegen war die Autorin, die Weltliteratur in Versen schrieb, eine wirkliche Autonome.

Und das auch im Sommer 2000: „Druffgesprungen“ auf das Schiff, kauft sich die Dichterin ein „großartiges Parfüm“ (Davidoff Cool Water), saugt die Abendröte auf dem Deck ein, um alsbald in der Kabine mit „Harry Potter“ zu verschwinden, „richtiggehend spannend“. Am Morgen darauf sitzt die notorische Bettflüchterin bereits im Pub und blickt auf die hohe See: „Einmal im Jahr sollte man auf die Planken springen.“

"Land in Sicht!"

Und wieder herunter. „Land in Sicht!“, jubelt das Journal. Mit dem Zug geht es von London aus (nichts wie weg!) über Devon und Cornwall an der Südwestküste entlang nach Penzance. Der Empfang im Hotel ist filmreif. „Es war nix gebucht, der Meister dort war ganz überfordert, ihm war die Frau weggerannt. Unerhört!“

Zweieinhalb Wochen geht es in der spielfreudigen Kirsch-Lexik- – Mohn-Tach, tuesday, Mistwoch, wednesday, Sams – von Ort zu Ort. St. Michael’s Mount, Marazion, St. Ives, Land’s End. Schauen, Shoppen, Dösen, vor allem aber: Staunen. „Schöne Bilder und Bilder-Bilder“ allüberall. Nicht nach Land und Leuten, Himmel und Menschen, steht der Dichterin der Sinn, sondern nach Land und Bäumen, Himmel und Tieren. „Wenn ich die See und diese Fregattvögel in den Lüften hab, so haut es mir nahezu um. Weeß och nicht weshalb.“

Im Untertitel verspricht das Büchlein, dessen 67 Journalseiten man schnell durch hat, kein „Tagebuch“, sondern „Prosa“. Das ist ein wichtiger Hinweis, der sagt: Hier wird keine Publizistik, sondern Kunst geboten. Kein Nervenkitzel, keine rücksichtslos zeitkritischen Sottisen, für die man die Kirsch ansonsten lieben muss. Das äußere Geschehen ist sympathisch – einmal hat die Kirsch einen Lachsack im Rucksack, der „I love you!“ ruft –, aber ereignisarm. Statt dessen bietet das Werkchen Tafelbilder in zartester Prosa, sozusagen abgeschriebene, in Miniaturen gefasste Landschaften: „Wunderbare Farben, ein silberweißes Spitzengrau wie für Herrn Turner, später das Meer schwarzer Lack.“ Und wie ein Refrain die Zeile „das Meer ist so blau so blau“. Ein Prosaskizzenbuch in Farbe.

So richtig glücklich sein

„Wenn man glücklich ist, so richtig glücklich“, hatte die Kirsch 2005 gesagt, „dann sieht man das Schöne. Wenn ich hier plötzlich im Auto vor einem knallbunten Himmel zwei Schwäne fliegen sehe, bin ich so glücklich, weil das so schön ist, dass es mir scheißegal ist, wo ich hinfahre.“ In Südengland sind das keine Schwäne, sondern Flamingos, Kormorane, Hitchcock-Möwen. In dem das „Ænglisch“-Buch Glücksmomente sammelt, führt es ganz nah an die Dichterin heran.

Noch zwei, drei Tagebuchbände, sagt Moritz Kirsch am Telefon, könne er zur Veröffentlichung aus dem Tielenhemmer Nachlass seiner Mutter ziehen, dann sei Schluss. Zur Zeit denke er darüber nach, das Wohnhaus für kleine Führungen zu öffnen. Wie und wie gern Sarah Kirsch in dem alten Schulhaus lebte, ist bis dahin dem so informativen wie entspannten Nachwort von Frank Trende zu entnehmen, das dem „Ænglisch“-Bändchen beigegeben ist. In dem wird nun erstmals öffentlich gemacht, dass die Urne mit der Asche der Dichterin 2013 in ihrem eigenen verwilderten Garten beigesetzt wurde. Fernab der Mitte auch hier, ohne alles Brimborium. Kleinster Kreis seinerzeit, ein Glas Champagner für jeden Gast und für die Dichterin eine Sterndolde, leichthändig aufs Rasenstück gepflanzt.

Sarah Kirsch: Ænglisch. Prosa DVA, Frankfurt 2015. 96 Seiten, mit Abb., 19,99 Euro.