Man  konnte fast ein klein wenig Mitleid mit ihr haben. In der gestrigen Sendung bei Markus Lanz saßen neben der umstrittenen Linken-Politikern Sahra Wagenknecht zwar auch drei andere Gäste – der stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP Johannes Vogel, die Politologin Daniela Schwarzer sowie der stellvertretende Bild-Chefredakteur Paul Ronzheimer.

Und dennoch hatte man von Beginn der Sendung an ein klares Gefühl von „Alle gegen einen“. Die Sendung wirkte somit letztlich auch weniger wie eine ausgewogene Diskussion zur aktuellen Entwicklung in der Ukraine sowie zur Frage des Nato-Beitritts Schwedens und Finnlands. Sondern eher wie der Versuch einer kollektiven Entkräftung von Wagenknechts raunendem Whataboutism und ihrer teils weltfremd und emotionslos wirkende Kontextualisiserung des Ukraine-Kriegs in die alltägliche Weltpolitik.

Immer wieder streute Markus Lanz ein, wie „erhellend“ er Wagenknechts publizistische Arbeit im Allgemeinen finde, wohl auch um den Eindruck zu vermeiden, als ginge es in dieser Runde lediglich darum, die Linken-Politikerin bloßzustellen.

„Butscha ist kein Grund, Verhandlungen abzubrechen“

„Butscha ist kein Grund, Verhandlungen abzubrechen“ – mit diesem Satz provozierte Sahra Wagenknecht gleich zu Beginn der Sendung. Sie verwies auf Beispiele westlicher Kriegshandlungen in Libyen, Irak und Afghanistan, wo Atommächte wie die USA involviert waren und wo ebenfalls Zivilisten getötet worden waren. Julian Assange, der einst auf derartige Kriegsverbrechen aufmerksam gemacht habe, sitze heute im Gefängnis, betonte Wagenknecht – auch, um die vermeintliche Doppelmoral zu entlarven, mit der Russland im Westen derzeit beurteilt werde.

Insbesondere Paul Ronzheimer, der seit 2014 aus der Krim und seit Beginn des russischen Angriffskriegs Ende Februar unter anderem auch aus Mariupol, Kharkiv, Kiew und sogar aus Butscha selbst berichtet hat, zeigte sich irritiert von derartigen Aussagen. Johannes Vogel konstatierte verhältnismäßig unglaubwürdig, er sei „fassungslos“ – Wagenknecht würde hier die russischen Kriegsverbrechen relativieren.

Den von Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj angestrebten Nato-Beitritt der Ukraine wiederum bezeichnete Wagenknecht als „Eskalation“ der Lage. Man müsse sich eingestehen, dass die Nato inzwischen immer mehr zu einem Hebel und Instrument der USA geworden sei und dass die USA in der Verlängerung der Kriegshandlungen zwischen Russland und Ukraine ein „Eigeninteresse“ verfolgten. Sie zitierte unter anderem auch den CIA-Chef William J. Burns. Auch er selbst habe festgestellt, dass der Versuch, die Ukraine in die Nato zu integrieren, eine unnötige Provokation sei.

Wagenknechts Aussagen wirkten Putins Angriffskrieg somit gegenüber nicht nur unangemessen, sie schienen auch immer wieder an verschwörerisch klingenden Ideen eines vom Westen mit fabrizierten Komplotts vorbei zu schlittern, das derzeit in Osteuropa sichtbar werde. Sie zeigte sich zwar betroffen gegenüber dem Schicksal der Menschen in der Ukraine. Dennoch schien es ihre rhetorische Linie zu sein, das Ukraine-Thema als Unterpunkt international zu beobachtender, imperialistischer Politik zu behandeln.

Ronzheimer zeigte sich emotional, Schwarzer blieb sachlich

Paul Ronzheimer zeigte sich in dieser Sendung häufiger emotional gegenüber dem Leiden der Menschen vor Ort. Er sprach etwa auch über seine Erfahrung, vor wenigen Wochen vor Ort einen von Russland getöteten, befreundeten US-Kollegen verloren zu haben. Johannes Vogel versuchte mehr als nur einmal, Wagenknecht zu unterbrechen. Daniela Schwarzer wiederum stach durch ihre Sachlichkeit und Einordnungsfähigkeit hervor.

Über Putins Kriegsziele, so Schwarzer, müsse man sich eindeutig verständigen: „Meine Lesart ist, dass es Putins Ziel ist, die Ukraine als souveränen Staat zu vernichten und die ukrainische Identität auszulöschen.“ Wagenknechts Vorstellung, dass eine bestehende Verhandlungsbasis von der Ukraine verunmöglicht oder das angegriffene Land gar die Lage eskalieren würde, wies Schwarzer scharf und eindeutig zurück. „Russland möchte eine Nation zerstören. Dann zu sagen, die Ukraine habe eskaliert, dafür gibt es in meinen Augen überhaupt keine Grundlage.“

Wagenknecht konterte Schwarzer gegenüber, dass man unterscheiden müsse, was den Kern dieses Konfliktes bilde und was Putin „in dieser wirren Rede von sich gegeben hat.“ Sie stellte darüber hinaus die These in den Raum, dass die Ukraine nicht deshalb angegriffen wurde, weil sie nicht in der Nato ist. Sondern eben gerade weil sie den Plan verfolge, in die Nato zu gehen.

Auf Lanz‘ Nachfrage, ob Schweden und Finnland, deren Beitrittsanträge bei der Nato nun eingereicht worden sind und die derzeit auf eine Aufnahme im Eiltempo hoffen, sich angesichts des russischen Überfalls auf die Ukraine jetzt Sorgen machen müssen, erklärte die Linken-Politikerin, diese Sorge treffe derzeit eher Georgien oder Moldawien. Da sei es eine reale Gefahr, dass Russland versuchen würde, das zu verhindern. Wagenknecht betonte auch, dass sie das keineswegs gutheiße. Dennoch: Es sei ein Recht, dass sich Atommächte eben herausnehmen.