Berlin - Sasha Waltz sitzt auf dem Zwischendeck des Radialsystems. Sie ist sorgfältig geschminkt und frisiert und trägt eines dieser exzentrischen Designerkleider, die sie so mag. Sie erzählt von Medea, von Christa Wolf und vom Matriarchat. Ihre Stimme klingt gequetscht und viel zu hoch, wie immer, wenn sie sich unter Druck fühlt. Es ist ein Sommertag im Jahr 2007. Die Compagnie Sasha Waltz & Guests hat wegen der anstehenden Uraufführung der Oper „Medea“ zum Gespräch geladen. Es ist eine Szene, die man in Erinnerung behält. Wegen Sasha Waltz' Angestrengtheit – und wegen des Kontrasts zum angereisten Komponisten der „Medea“-Oper, Pascal Dusapin, der sich lässig zurücklehnt und maliziös die Lippen schürzt, wenn Sasha Waltz zu kieksen beginnt. Keine Frage, wer hier von beiden der wichtigere ist. 2010 sitzen Waltz und Dusapin dann wieder gemeinsam vor der Presse – und alles ist anders. In aller Eile hat sich Waltz die Haare hoch gesteckt, ihr Kleid wirkt wie übergeworfen, sie steckt noch mitten in der Arbeit. Entspannt, aber auch präzise wie immer antwortet sie auf die Fragen der Journalisten. Angespannt wirkt nur einer, der Komponist Dusapin. Keine Frage auch dieses Mal, wer von beiden wichtiger ist.

Nur drei Jahre liegen zwischen den beiden Szenen. Drei Jahre, in denen Sasha Waltz die Pariser Oper erobert hat, zusammenbrach, sich neu fand. Drei Jahre, in denen sie in die oberste Liga nicht nur der Choreografen, sondern auch der Opernregisseure aufstieg. Es war ein weiter Weg. Wenn man Sasha Waltz' erstes abendfüllendes Stück „Twenty to eight“ und die Gründung ihrer Compagnie Sasha Waltz & Guests als Anfang nimmt, dann geht sie diesen Weg seit zwanzig Jahren. In diesen Jahren ist die Choreografin künstlerisch immer weiter gewachsen.

Sasha Waltz Superstar. Vermutlich gibt es keinen anderen Ort, an dem man sich so lange geweigert hat, dies anzuerkennen, als ausgerechnet Berlin. Obwohl sie hier 1996 gemeinsam mit Freunden die Sophiensäle gründete und 1999 die Schaubühne als Mitglied der neuen künstlerischen Leitung wiederbelebte, obwohl sie hier das Jüdische Museum von Daniel Libeskind und später auch David Chipperfields restauriertes Neues Museum so spektakulär bespielte. Die Kulturbehörde blieb kühl.

Verdacht auf Strebertum

Zum zwanzigjährigen Jubiläum von Sasha Waltz & Guests dürfte sich das nun ändern. Wenngleich der erste Festakt schon Anfang Oktober in Karlsruhe stattgefunden hat, wo sie 1963 geboren wurde. Dort hat das Zentrum für Kunst und Medientechnologie der Choreografin eine große Ausstellung ausgerichtet – und gleich nach der ersten Wochen Besucherrekorde vermeldet. Aber nun beginnen die Jubiläums-Feierlichkeiten auch in Berlin. Mit einem von Sasha Waltz choreografierten und von Daniel Barenboim dirigierten, längst ausverkauften „Sacre“-Abend in der Staatsoper im Schiller-Theater und mit weiteren Gastspielen im Haus der Berliner Festspiele und im Radialsystem. Im Frühjahr wird es an der Staatsoper mit einem von Sasha Waltz inszenierten und wiederum von Barenboim dirigierten „Tannhäuser“ weitergehen.

Barenboim & Waltz, damit wäre dann auch in Berlin endlich klar, was der Rest der Welt über den Rang der Künstlerin schon lange weiß. Vermutlich ist die Barenboim-Waltz-Connection auch die Botschaft, die Klaus Wowereit brauchte, der in seiner Funktion als Kultursenator eine Erhöhung ihres Etats immer wieder verhinderte. Und sie, die international so erfolgreiche, aber stets unterfinanzierte Künstlerin immer wieder in die Rolle der klagenden Bittstellerin brachte. Jetzt soll ihr Etat um die geforderte eine Million Euro erhöht werden. Ihre zwischenzeitliche Drohung, Berlin zu verlassen, war Teil des Pokerspiels.

Die Ambivalenz, mit der ihr Wowereit begegnet – aber nicht nur er –, hat viel mit Sasha Waltz selbst zu tun. Mit ihrem zuweilen an Strebertum grenzenden Ehrgeiz und Fleiß. Mit diesem Willen, immer die Beste zu sein. Viele ihrer Arbeiten, gerade der jüngeren Zeit, sind Meisterwerke. Sasha Waltz selbst sagt gern von sich, dass Erfolg sie gar nicht interessiere. Aber vielleicht ist es so: Luft genug, um frei atmen und sprechen zu können, hat diese Künstlerin erst, wenn ihr ganz oben auf dem Gipfel niemand mehr etwas wegzunehmen droht.

Mancher hat es erfahren, was es heißt, mit ihr zu verhandeln. Der Regisseur Thomas Ostermeier etwa, mit dem sie die Schaubühne neu eröffnete, soll die fünf Jahre währende Zusammenarbeit bis heute fassungslos machen. Ostermeier gilt selbst als enorm durchsetzungsfähiger Machtmensch. Aber gegen Waltz' Begehrlichkeiten kam – was ihm wohl nur selten im Leben passiert ist – auch er nicht an.

Was war das auch für ein künstlerischer Quantensprung, den Sasha Waltz mit ihrem Schaubühnen-Eröffnungsstück „Körper“ vollzog. Sicher, schon ihre erste abendfüllende Arbeit „Twenty to eight“ von 1993 war von einem feinen Gespür für Räume geprägt. „Ich denke an den Raum, bevor ich an Bewegung denke“, sagt sie, die Architektentochter, die mit ihren Geschwistern in einem vom Vater entworfenen und von der Mutter gestalteten Haus aufwuchs. Aber noch mit „Allee der Kosmonauten“, das ihr eine Einladung zum Theatertreffen eintrug, gehörte Waltz eher in die Spiele-Abteilung. Die großen Künstler, das waren andere.

Und dann gab es in „Körper“ auf einmal so eindringliche, düstere Bilder, nackte Menschen, die sich hinter Glasscheiben quetschen, Szenen, wie sie zuvor bei Waltz nicht zu sehen gewesen waren.

Vor allem aber gab es da auf einmal ein anderes, rätselhaftes, nicht erklärbares Gespür für den Raum. Wie mit einem Echolot schienen sich die Tänzer durch die Apsis der Schaubühne zu bewegen. Entwickelt hatte Sasha Waltz diese neuen Dimensionen ihres Raumverständnisses an jenem Ort, an dem sie für ihre „Körper“-Recherchen arbeiten durfte: dem damals noch nicht eröffneten und noch mit keinen Exponaten bestückten Jüdischen Museum von Daniel Libeskind. Er, ein Architekt wie ihr Vater, war der Lehrmeister für ihren gewaltigen künstlerischen Sprung, der einer Neuerfindung der Künstlerin gleich kam. Die Kraft dafür zog Waltz aus dem Versprechen Schaubühne: Auf einmal bewegte sie sich räumlich wie karrieremäßig in einer anderen Dimension.

Bei solchen Herausforderungen hatte Sasha Waltz noch nie versagt. Sie eroberte nicht nur die Schaubühne. Nach dem Weggang dort entdeckte sie mit der Oper wieder ein neues künstlerisches Feld für sich. Systematisch, zielstrebig, wie alles, was sie tut. Das Format „Dialoge“ hatte Sasha Waltz schon früh entwickelt. „Wer als Künstler nicht stehen bleiben will, muss ernsthaft forschen, sich mit Wissenschaftlern, mit Experten unterschiedlichster Bereiche zusammen tun“, hat ihr Mann und Manager Jochen Sandig einmal erklärt. Oft war er es, der die Themen für seine Partnerin gesucht hat. Als absehbar wurde, dass die Schaubühnen-Kooperation scheitern würde und damit auch ihr gemeinsames Projekt, sich enger mit dem Schauspiel zu verbinden, erklärte Sasha Waltz: „Zur Musik habe ich mehr Zugänge als zum Theater.“

Schwingungen haben in ihrer Arbeit immer eine große Rolle gespielt. Schwingungen im Körper, im Raum, Spiralformen, die sich aus Schwingungen entwickeln. 2003, nach zehn Jahren intensivster Raum- und Bewegungserforschung, lenkte Sasha Waltz ihren Fokus also auf die klassische Musik. Sie begann damit noch in der Schaubühnen-Zeit. Damals entstand „Impromptus“, 2004 an dem Haus uraufgeführt, eine Auseinandersetzung mit der Musik Franz Schuberts. Waltz selbst begriff sie als Vorbereitung für ihre erste eigene Opernarbeit. „Dido & Aeneas“, eine freie Opernproduktion, ist da schon in Planung.

Dass sie die Verlierer sein sollen, die die Schaubühne verlassen müssen, wollten Waltz und Sandig nicht hinnehmen. Es galt, größer, bedeutender zu werden, die Niederlage in einen Sieg zu verwandeln. Zur Musik Henry Purcells war ein hinreißend poetisches Stück entstanden. Wer diese Inszenierung einmal gesehen hat, wird zwei Bilder nicht mehr vergessen. Die in einem riesigen Aquarium schwimmenden Tänzer zu Beginn und den herzergreifend in Szene gesetzten Klagegesang Didos, den Tänzer und Sänger durch gemeinsame Bewegungen in den Raum, ins Unendliche vergrößern. Sasha Waltz' Erfindung der Choreografischen Oper hatte begonnen.

2007 inszenierte sie in Paris „Roméo et Juliette“ nach Hector Berlioz – mit Solisten, Orchester, Sängern, Opernchor und Corps de ballet, mit mehr als hundert Beteiligten auf der Bühne. Große Kooperationen zwischen Oper und Ballett sind auch in Paris eher selten, das Ganze wurde zum Event.

Die Unvergleichliche

Danach bricht Sasha Waltz zusammen. Sie ist ganz oben angekommen. Nun sieht es so aus, als ob das zugleich das Ende wäre. Körper und Psyche streiken. Sasha Waltz, die in ihren künstlerischen Entwicklungsjahren auch zwei Kinder zur Welt gebracht hat, erklärt, sie wolle nur noch experimentell und in kleinen Formationen arbeiten.

Aber dann lockt das Neue Museum. Alle Erschöpfung ist vergessen. Sasha Waltz entdeckt neue Formen der Erholung, sie gärtnert. Sie wird weicher, klarer. Und sie stellte sich neuen Herausforderungen. Sie weiht auch Zaha Hadids Maxxi-Museum in Rom ein. Vor allem aber entwickelt sie ihre Opernleidenschaft weiter.

„Romeo et Juliette“ in Paris war eine gute, aber auch eine eher konventionelle Arbeit. Für Sasha Waltz war es der nötige Befreiungsschlag, von dem aus sie nun so souverän agiert wie wohl nie zuvor in ihrem Leben. Die Choreografin wird eingeladen, anlässlich des hundertjährigen Jubiläums von „Sacre“ für das St. Petersburger Mariinsky-Ballett eine neue Fassung des Stücks zu erarbeiten. Weltweit wird sie hofiert. Sie hat sich furchtbar angestrengt, aber sie ist jetzt dort, wo sie sein wollte. Wo die Luft klar, der Himmel blau, die Sicht weit ist.

In dem Dokumentarfilm „Danse“ über das Ballett der Pariser Oper gibt es einen kleinen Moment, der vor Augen führt, was Sasha Waltz der Tanzwelt bedeutet. Die Stars des Balletts proben den Aufstand. Sie weigern sich, mit einem zeitgenössischen Choreografen zu arbeiten. Überhaupt halten sie wenig vom zeitgenössischen Tanz. „Mit Sasha habt Ihr doch auch gern gearbeitet“, mahnt die Prinzipalin. „Aber Sasha, das ist doch ganz etwas anderes“, hauchen da die Tänzer mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Begeisterung. Sasha Waltz, so machen sie mit nur einem Satz klar, kann man nicht mit anderen vergleichen.