Sasha Waltz kam ein Jahr nach Johannes Öhman zum Staatsballett, will sie jetzt vielleicht doch länger bleiben? 
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BerlinVon diesem Desaster wird sich Sasha Waltz nicht wieder erholen. Das war bis Montagvormittag die Meinung über die in Berlin ansässige Choreografin, die mit ihrer Compagnie seit über zwanzig Jahren internationale Bekanntheit genießt und seit fünf Monaten als Co-Intendantin des Berliner Staatsballetts amtiert. Dann kam eine kurzfristig einberufene Pressekonferenz, und jetzt scheint alles wieder ganz anders zu sein und Waltz als unschuldiges Opfer dazustehen. Um diese Wandlung zu verstehen, muss kurz die Vorgeschichte erzählt werden.

Was bisher geschah

Vergangene Woche wurde bekannt, dass das Staatsballett-Intendanten-Duo, bestehend aus dem Schweden Johannes Öhman und Sasha Waltz, zum Ende des Jahres die Intendanz niederlegen wird. Ein absurder Vorgang. Denn eigentlich hatte diese gemeinsame Intendanz gerade erst begonnen, und die Verträge laufen noch bis zum Jahr 2025. Als großes Modellprojekt war diese Staatsballett-Doppelspitze deklariert worden. Nicht nur, weil sich da zwei das Amt teilen wollten, sondern vor allem, weil sie gemeinsam das größte Ballettensemble Deutschlands zu einer Compagnie aufbauen wollten, in der klassischer und zeitgenössischer Tanz miteinander fusioniert werden. Die Tänzer des Staatsballetts liefen damals gegen diesen Plan Sturm, die Wellen schlugen enorm hoch. Und dann? Lief alles super!

Gleich die erste zeitgenössische Premiere, Sharon Eyals radikales „Half Life“, war ein fulminanter Erfolg. Ebenso aber auch die klassische Neuinszenierung der „Bajadere“ durch den Choreografen-Superstar Alexei Ratmansky. Das Publikum strömte wie schon viele Jahre nicht mehr herbei. Und zwar nicht nur in die großen Ballettklassiker, die sowieso immer ein Selbstläufer sind, sondern gerade auch in die zeitgenössischen Stücke. Die Tanzkritik kürte das Staatsballett zur Compagnie des Jahres. Das von allen Seiten kritisch beäugte Projekt schien zu gelingen. Öhman war seit 2018/19 zunächst interimistisch allein im Amt, Waltz ist erst im vergangenen August dazugestoßen und entwickelt gerade „Sym-Phonie“, ihre erste große Uraufführung. Wieso werfen da die Intendanten hin?

Spontane Pressekonferenz

Unverständnis, Wut, Enttäuschung waren die ersten Reaktionen. Die Tänzer des Ensembles schrieben einen offenen Brief. Man hatte ihnen einen radikalen Wechsel zugemutet, neue, ganz anders geschulte Tänzer engagiert, die von überall aus der Welt nach Berlin gezogen sind. Und jetzt, praktisch kurz nach Beginn, wird alles wieder abgeblasen?

Noch letzte Woche hieß es, dass weder Waltz noch Öhman zu den Vorgängen Stellung nehmen werden. Für alle Fragen wurde auf eine Spielplan-Pressekonferenz im März verwiesen. Am Freitagnachmittag kam dann doch eine Einladung zu besagter Pressekonferenz.

Diese Entscheidung habe ich allein getroffen.

Johannes Öhman

Öhman nimmt bei der Gelegenheit alle Schuld auf sich ohne auch nur den Hauch einer Begründung für seine Entscheidung zu geben: „Vor Weihnachten wurde mir die Stelle als künstlerischer und geschäftsführender Direktor in Stockholm angeboten“, heißt es in seinem Statement. „Nachdem ich sowohl die Verantwortung meiner Arbeit gegenüber als auch die Verantwortung, die sich aus meiner privaten Situation ergibt, sorgfältig abgewogen habe, habe ich mich entschieden, das Angebot aus Schweden anzunehmen. Diese Entscheidung habe ich allein getroffen.“

Nun steht er als rücksichtsloser Karrierist da. Hinter Sasha Waltz’ Rücken hat er mit dem Stockholmer Dansens Hus verhandelt, dann den Kultursenator Klaus Lederer um vorzeitige Vertragsauflösung gebeten − und danach seine Partnerin Sasha Waltz vor vollendete Tatsachen gestellt: Im März schon wird Öhman parallel zu Berlin in Stockholm seine Arbeit aufnehmen und das Staatsballett zum Ende des Jahres verlassen.

In meiner Verantwortung gegenüber dem Staatsballett werde ich in Ruhe und ohne Zeitdruck eine Entscheidung über das Ende meiner Amtszeit fällen.

Sasha Waltz

„Diese Situation hat mich überfordert und überfahren“, sagt Sasha Waltz und wartet mit einer überraschenden Korrektur auf: Der Eindruck, der in der Presseerklärung der vergangenen Woche entstanden sei, dass auch sie zum Ende des Jahres hinwerfe, sei falsch. Sie werde die Compagnie nicht im Stich lassen und bleiben, so lange es erforderlich sei. Eine alleinige Intendanz sei für sie allerdings nicht vorstellbar. Denn sie wolle weiter als Künstlerin arbeiten und brauche darüber hinaus einen Partner, der im klassischen Bereich zu Hause sei. Dass es ihr nochmal gelingen werde, einen solchen Partner zu finden, könne sie sich allerdings nicht recht vorstellen. Denn Öhman kenne sich auf besondere Weise im Klassischen wie im Zeitgenössischen aus.

Beide Noch-Intendanten wirken angegriffen. Man kann regelrecht zuschauen, wie sich in der knappen halben Stunde die Ablehnung gegen Öhman verdichtet und das Mitgefühl mit Sasha Waltz steigt.

Die Stimmung wechselt

Wie Öhman sich aus dem Amt zieht, ist ohne Frage kein guter Stil. Es zeigt: Von übermäßigem Vertrauen war die Zusammenarbeit mit Waltz offenbar nicht geprägt − und dazu gehören zwei. In Öhmans erstem interimistischen Jahr waren es vor allem die Produktionen aus seinem früheren Arbeitsleben, die das Staatsballett so erfolgreich machten. Es schien also auch ohne Sasha Waltz ganz gut zu gehen. Sie hatte den unbekannten Schweden zu ihrer Unterstützung geholt. Jetzt rockte er den Laden alleine? Dieser Eindruck wird Waltz nicht gefallen haben.

Sie ist bekannt als eine Künstlerin mit hohen Ansprüchen und großer Durchsetzungsfreude. Gemeinsam mit ihrem Mann Jochen Sandig bestimmt sie in Berlin die Geschicke der Sophiensäle, des Radialsystems, der Compagnie Sasha Waltz & Guests und des Staatsballetts. Die Stadt kann dankbar sein für so viel Engagement. Aber dass die beiden die Macht, wie etwa bei den Sophiensälen, die sie 1996 mitgründeten, nicht wieder loslassen wollen, deutet auf ihre Schwierigkeiten mit den Institutionen. Bei den Griffen nach den eigentlichen Sehnsuchtsorten, den großen Landesbühnen, scheinen sie regelmäßig zu verlieren.

Die Verwaltung wird nicht erfreut sein

Das war 2004 so, als Waltz im Streit mit Thomas Ostermeier die Schaubühne verließ. Und es dürfte beim Staatsballett so sein, um dessen Leitung sich Waltz sehr lange bemüht hat. Während sie nun den Journalisten erklärt, dass sie sich mit ihrer Entscheidung über ihr Amtsende Zeit nehmen wolle, ist die Kulturverwaltung schon auf der Suche nach einer Nachfolge. Das hat sie bereits öffentlich erklärt, und sie wird über die Verunklarung der Situation, die eine Verhandlung mit neuen Kandidaten unmöglich macht, nicht erfreut sein.

Ob Sasha Waltz die Weichen noch umstellen kann? Ob das dem Staatsballett zu wünschen ist? Und ist es wirklich entscheidend für die Zukunft des Staatsballetts, ob das Image von Sasha Waltz Schaden genommen hat oder ob sie das Opfer ist? So ganz kann man das nicht glauben. Die Pressekonferenz schien allein diesem Zweck zu dienen.

Die Statements der Noch-Intendanten (deutsch und englisch).