Die Zeit der Gemeinsamkeit ist vorbei: Sasha Waltz und Johannes Öhman geben die Doppelspitze in der Intendanz des Berliner Staatsballetts vorfristig auf.
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BerlinFür eine tanzweltbewegende Revolution, die mit einem veritablen Kulturkampf einherging, der dann tatsächlich befriedet wurde, ist das jetzt eine ratlos bis mürrisch stimmende Nachricht: Johannes Öhman und Sasha Waltz legen die gemeinsame Intendanz des Staatsballetts vorzeitig zum Ende des Jahres nieder. 

Die Berliner Choreografin Waltz war dann seit Sommer 2019 gerade mal anderthalb Spielzeiten auf dem Posten, der vormalige Leiter des Königlichen Schwedischen Balletts Öhman hatte den Betrieb ein Jahr zuvor von Nacho Duato übernommen. Nun heißt es in einer Pressemitteilung von Mittwochvormittag aus der Kulturverwaltung, dass Öhman mit Beginn des nächsten Jahres das Dansens Hus in Stockholm als Geschäftsführer und künstlerischer Leiter übernehmen werde. „Vor diesem Hintergrund“ lege Waltz ihre Co-Intendanz ab.

Die Richtung soll bleiben

Der Kultursenator muss die persönliche Entscheidung von Öhman hinnehmen, dankt und macht klar, dass der von den beiden eingeschlagene Weg − nämlich die Zusammenführung von klassischem Ballett und zeitgenössischem Tanz unter dem Dach einer Institution − mit einer neuen Führung fortgesetzt werden solle.

Ebendiese Zusammenführung hat nach kurzem Jubel über die Ernennung von Waltz/Öhmann im September 2016 durch den damaligen Kultursenator Michael Müller und seinen Staatssekretär Tim Renner großen Ärger ausgelöst − bei der Kompanie. Die sprach sich mitten in der ähnlich gelagerten Strukturstreiterei an der Volksbühne, die unter Chris Dercon vom Ensemble- zum Festspieltheater umgebaut werden sollte, einstimmig gegen die angekündigte Leitung aus.

Wütende Verteilungskämpfe

Man befürchtete, dass die Stärke und Exzellenz der Ballett-Kompanie mit ihren 86 Stellen geschwächt werde, wenn sie, wie geplant, Kapazitäten an den zeitgenössischen Tanz abgeben muss. Wenn Waltz das Haus führe, hieß es, würden sich auch klassisch weniger gut geschulte Tänzer bewerben. Der Verteilungskampf wurde mit Wut und Erbitterung geführt.

Und doch konnten Waltz und Öhman, als sie dann ihre konkreten Pläne vorstellten, in denen das Ballett nicht zu kurz kam, die Bedenken einfangen und eine künstlerisch produktive Stimmung herstellen. Die letzten Staatsballettpremieren wurden vom Publikum begeistert und von der Kritik wohlwollend aufgenommen. Über interne Problemlagen, die möglicherweise komplex und individuell sein können, drang nichts in die Öffentlichkeit. Die steht bedröppelt da: Jetzt haben wir euer Projekt gerade nicht nur geschluckt, sondern sogar gefeiert. Und ihr lasst uns allein? Besonders die durchgeschüttelte Kompanie wird nun neuem Veränderungsstress ausgesetzt.

Beispiel Schaubühne

Sasha Waltz war in Berlin schon einmal an einem ähnlichen künstlerisch-institutionellen Aufbruch beteiligt − hier ging es um die Fusion von Sprech- und Tanztheater an der Schaubühne. Nach einem furiosen Auftakt und immerhin fünf Spielzeiten kamen die Trennung und der Auszug von Waltz. Damals wurde das Gezerre um interne Verteilungskonflikte über die Presse ausgetragen. Das hat Nerven gekostet, wuchs sich zum Krieg der Eitelkeiten aus und trug wenig zur Wahrheitsfindung bei.

Hier aber fiel das Schauspiel-Tanz-Projekt mit dem Weggang von Waltz in sich zusammen − Thomas Ostermeier führt das Haus heute als Sprechtheater reinen Wassers. Waltz hat sich nun dagegen entschieden, Öhman ziehen zu lassen und das Staatsballett zumindest interimistisch alleine zu führen. Sie wolle sich wieder ganz auf die Choreografie konzentrieren. Hat sie ein für allemal die Nase von Institutionen voll?  

Eine Nummer kleiner

Und was ist mit Öhman? Heimweh? Verglichen mit dem Berliner Staatsballett ist das Dansens Hus in Stockholm − eine von schwedischen Opern- und Theaterhäusern gegründete Gastspielbühne − eine Nummer kleiner.

Wieso haben die beiden die Lust an ihrem Projekt verloren? Waren die Kämpfe mit der Kompanie doch nicht ausgefochten? Gab es Spannungen in der Doppelspitze? Ist es einmal mehr so, dass das Staatsballett als schwächstes Glied in der Opernstiftung untergebuttert wurde? Oder kam mit dem Erfolg schon so rasch die Langeweile? Im März wollen die beiden ihre Pläne für die Spielzeit 2020/21 vorstellen, weitere Planungen reichen bis weit ins Jahr 2022. Diese Positionen wird die Nachfolgeintendanz übernehmen müssen. Das erleichtert den Übergang nach so einer Überraschung.