Wenn der Weckton erklingt, lassen die Bundestagsabgeordneten im Reichstag alles stehen und liegen. Sie eilen vorbei an den überfüllten Fahrstühlen zu den Treppen in Richtung Plenarsaal. Hundert Euro Strafe muss zahlen, wer bei einer namentlichen Abstimmung nicht rechtzeitig vor Ort ist. „Der Fahrstuhl bringt mich noch mal um“, stöhnt der Bundestagsabgeordnete Norbert Barthle auf halber Strecke. Der Schweiß steht ihm auf der Stirn, als er die Urne erreicht.

Für die Reportage „Das hohe Haus der BRD“ beobachtete ein Fernsehteam von Kabel eins 2013 den haushaltspolitischen Sprecher der CDU/CSU-Fraktion beim parlamentarischen Abstimmungssprint. Ein anderer Film, ein anderer Politiker: In seinem Dokumentarfilm „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“ begleitete Andreas Dresen 2009 den Landtagsabgeordneten Henryk Wichmann ein Jahr lang bei seiner Arbeit. Das war ein melancholischer, manchmal tragikomischer Film über einen Politiker. Hier wie dort wurde klar: Im Plenarsaal geht es zu wie auf dem Fußballplatz. In der Öffentlichkeit dominiert der Wettkampf, fernab der Kameras verstehen sich die Feinde in der Regel ganz gut. Vorausgesetzt, sie kommen aus der gegnerischen Partei. In den eigenen Reihen wird schon mal unfair gespielt, um an den begehrten Stammplatz zu kommen – oder ihn zu behalten.

Natürlich kommt alles anders

Diese interne Schlammschlacht nimmt sich die vierteilige Satireserie „Eichwald, MdB“ zum Vorbild. Schnell weist Drehbuchautor Stefan Stuckmann seinem Sitcom-Personal die Rollen zu: Da ist im Zentrum der Abgeordnete HaJo Eichwald. Er ist schon so lange Mitglied des Bundestages, also MdB, dass er die Berliner Republik noch mit der Bonner Provinzdemokratie vergleichen kann. Nun wird ihm der junge dynamische Nachrücker Bornsen vor die Nase gesetzt. Der Hinterbänkler Eichwald wittert Gefahr für sein Direktmandat – und damit für sein gedeihliches Auskommen. Mit seinem Team – der jungen, arbeitsscheuen Büroleiterin Schleicher, dem glücklosen Wissenschaftlichen Mitarbeiter Grube und dem alten Weggefährten Engemann – versucht Eichwald, mit allerlei Intrigen den Neuen von der parteiinternen Karriereleiter fern zu halten. Aber natürlich kommt in einer Sitcom immer alles anders: Eichwalds Tipp an den Neuling, in den (vermeintlich langweiligen) Entwicklungsausschuss zu gehen, erweist sich für Bornsen als goldene Brücke in die Medien. Derweil wird Eichwalds Vorstoß, mit dem Thema „Fettarme Ernährung“ zu punkten, zum Riesenfettnapf.

Kampf gegen die eigene Blödheit

Die Serie ist mit hohem Tempo gedreht, alle reden schnell und am liebsten durcheinander. Denn Eichwald und seine Leute kämpfen mit der Allgegenwart der digitalen Medien, die es anders als in Bonn nun verunmöglichen, einen Fehler zu kassieren, bevor er öffentlich wird. Aber noch mehr kämpfen die Mitglieder des Hohen Hauses mit ihrer eigenen Blödheit. Die Missgeschicke, aus denen Stuckmann die Komik bezieht, sind überwiegend trostlos simpel: Da wird aus Versehen eine wichtige Unternehmerin beleidigt oder ein Fahrradbote greift zur falschen Fracht.

Ob dies die Zuschauer von ZDFneo überzeugt, wo „Eichwald, MdB“ ab heute direkt nach (dem wesentlich fieser kommentierenden) Jan Böhmermanns „Neo Magazin Royale“ erstausgestrahlt wird? Nachdem alle vier Folgen in der Nische versendet und in der Mediathek ausgewertet wurden, übernimmt das ZDF die Serie, die von der Experimentierredaktion „Quantum“ entwickelt wurde, am Freitag nach der „heute show“. Spätestens dann muss HaJo Eichwald, brillant gespielt von Bernhard Schütz, sich mit neuen Konkurrenten messen. Könnte gut sein, dass der echte Politbetrieb, wie ihn die „heute show“ so fulminant persifliert, viel komischer ist als diese Sitcom.

Eichwald, MdB, vier Folgen, donnerstags, 22.45 Uhr, ZDFneo.