Die Brauseboys sind eine Vorlesetruppe aus Berlin-Wedding.
Foto: Axel Völcker

BerlinSechs Satiriker, allesamt ungedient, marschieren in Militärklamotten in den Kookaburra-Club ein, singen zur Melodie von „In The Army Now“ ein Spottlied auf die Bundeswehr unter ihrer neuen Chefin Kramp-Karrenbauer. Auch im Mehringhoftheater wird Uniform getragen: Drei Herren sitzen mit Karnevalsmützen am Tisch und hören mit versteinerten Minen den schalen Scherzen von Frau Kramp-Karrenbauer zu, die mit roter Kappe in einer Büttenrede ihren fatalen Reimzwang auslebt.

Die beiden satirischen Jahresrückblicke sind mittlerweile eine schöne Berliner Tradition: Die fünf im Mehringhoftheater treten seit 1997 in unveränderter Besetzung auf: Horst Evers und Bov Bjerg lesen ihre hintersinnigen Mini-Dramen vor, Manfred Maurenbrecher singt seine galligen Balladen am Klavier und Hannes Heesch und Christoph Jungmann steigen in diverse Rollen. Jungmann moderiert als Angela Merkel sogar von Beginn an – da war sie noch Umweltministerin. Die Chefinnenrolle lässt sie sich auch anno 2019 nicht nehmen, AKK muss nach der Büttenrede abtreten. Dafür kreuzt Hannes Heesch als Ursula von der Leyen auf.

Die Kombination der Programme ist empfehlenswert

Zum 13. Mal führen die Brauseboys, die Vorlesetruppe aus dem Wedding, ihren Jahresrückblick auf – diesmal zu sechst, mit dem zurück gekehrten Gründungsmitglied Nils Heinrich. Auch wenn sie in einem kleineren Haus spielen und medial weniger beachtet werden, so ist ihre Revue dem Jahresrückblick im Mehringhoftheater mindestens ebenbürtig. Und eine Zusammenschau beider Programme ist ganz ein besonderer Spaß, denn es ist immer wieder überraschend, mit welch unterschiedlichen Ideen die beiden Teams dieselben Themen angehen.

Beide besingen die Verstorbenen des Jahres: Der SPD werden Abschiedsballaden gewidmet. Im Mehringhoftheater werden dazu Berliner Newcomer begrüßt: Neben Jürgen Klinsmann und Elon Musk ist auch Holger Friedrich, dem neuen Besitzer des Berliner Verlages, ein Spottlied gewidmet. Ein zentrales Thema ist natürlich der Umgang mit dem Klimawandel. Manfred Maurenbrecher fabuliert am Klavier darüber, wie die Welt aussehen würde, wenn plötzlich alle vernünftig würden, das Quintett besingt eine kleine Schwalbe, die an Flugscham leidet. Im Kostüm von Eisbären zu Klängen von Rammstein verteidigen sie Grönland gegen die Erderwärmung und gegen einen Artgenossen mit Trump-Tolle.

Die Themen sind vielseitig

Mit der Ambivalenz, besser: der Schizophrenie des menschlichen Handelns, spielen auch die Brauseboys. Sie singen davon, wie schwer es ist, guter Mensch zu sein und treten mit blutverschmierten Kitteln als Schlächter auf. Auch die Auseinandersetzung mit den erstarkenden Rechtsaußen wird musikalisch geführt: Jungmann parodiert im Mehringhoftheater Herbert Grönemeyer, der immer genau weiß, wo rechts und links ist. Die Brauseboys fragen sich, wie das von Gauland herbeigesehnte „Land der Väter“ aussehen soll – und warum der AfD-Grande mehrere Väter hat. Zoologe Heiko Wernig wundert sich darüber, wer so alles die „Verwolfung des Abendlandes“ herbeiredet.


Aufführungen

  • Brauseboys: 18.–21. 12. 20 Uhr., 26. 12.–4. 1. 20 Uhr, 27.–31. 12 auch 16 Uhr, 8.–11. 1. 20 Uhr im Kookaburra Club
  • Mehringhoftheater: Vorstellungen bis zum 29.12. sind ausverkauft, Programm gastiert danach im Schillertheater: 30. 12. 20 Uhr, 31.12. 19.30 Uhr, 2.–5. 1. 16 und 20 Uhr

Ein Lieblingsthema nicht nur von Horst Evers ist der Kampf mit dem Internet: Diesmal berichtet er in seiner bekannten Art davon, dass er von Google wegen seines langweiligen Lebens um Auskunft gebeten worden sei. Bei Thilo Bock im Kookaburra spricht der Toaster mit der Kaffeemaschine – dazu startet er mit aberwitzigen Geräusche-Videos eine Karriere auf YouTube. Dort hat Robert Rescue ein Video mit dem Schlagersänger Wendler entdeckt und zerlegt es nach allen Regeln der Kunstkritik.

„Gehen wir Roller versenken im Fluss!“

Auch zum Mietendeckel und zum Jubiläum 30 Jahre Mauerfall haben beide Truppen originelle Ideen parat. Bov Bjerg fasst Nachrichten des Jahres zu Spielfilmen zusammen: In einem Arthouse-Film findet ein verarmter Vermieter bei einer Familie Zuflucht und klagt das Kind wegen Eigenbedarfs aus dem Hochbett. Frank Sorges urige Weddinger Theken-Talks kreist um die Angst vor der Gentrifizierung. Christoph Jungmann als Merkel liegt aus ihrem 1989er-Tagebauch vor, während Nils Heinrich, der Zahnfüllungen aus zwei Systemen im Mund trägt, im Kookaburra ketzerisch danach fragt, warum 1990 so viele Errungenschaften des Ostens erst mal abgeschafft und erst später eingeführt wurden.

Sehr einig aber sind sich beide Teams in der vehementen Ablehnung der E-Roller: Horst Evers beobachtet die Dinger noch voller naiver Verwunderung, Brauseboy Volker Surmann aber rechnet wütend mit dem „Rollater der Generation Easyjet“ ab und fordert im Stile von Georg Kreisler: „Gehen wir Roller versenken am Fluss!“ Doch was würde Greta dazu sagen?