Eine verschleierte Frau in Saudi-Arabien.
Foto: dpa/Arno Burgi

Berlin - Seltsam verwaschen wirken die ersten Bilder, Eindrücke der Haddsch in Mekka. Diesen Effekt gibt es in „Saudi Runaway“ immer wieder: Das im Dokumentarfilm von Susanne Regina Meures gezeigte Material hat die junge Saudi-Araberin Muna heimlich mit zwei Smartphones gedreht, oft auch durch ihren Schleier hindurch. Drei Monate skizziert sie im vergangenen Sommer mit Videoaufzeichnungen und Nachrichten an Meures ihren Alltag, aber auch ihren Plan. Muna will aus Saudi-Arabien fliehen. Sie will die Freiheit, die ihr dort als Frau kategorisch abgesprochen wird.

Dabei lebt Muna weder in einem abgelegenen Dorf noch in übertrieben religiösen Verhältnissen: Ihre Heimat Dschidda ist eine saudische Metropole und Munas Familie leidlich modern. Aber Saudi-Arabien ist ein theokratisches und Land und im Kern immer Patriarchat. In „Saudi Runaway“ braucht es dafür keinen Auftritt der gefürchteten „Religionspolizei“, auch unter dem angeblich fortschrittlichen Staatschef Mohammed bin Salman bleiben Frauen Geiseln von Vater und Staat. Und dafür gibt es auch eine App: „Absher“ ist eine Art digitales Bürgeramt für viele wichtige Dinge. Aber die App dient auch dazu, die Bewegungen und den Aufenthaltsort von Frauen zu orten. Wo sie sich befinden und mit wem, spielt in dem vom ur-konservativ wahhabistisch geprägtem islamischen Staat eine sehr große Rolle.

Die große, gesellschaftliche Frauenfeindlichkeit belastet Muna, aber fast noch schwerer wiegen für sie ganz private Ungerechtigkeiten: Gerne möchte sie den - unter bin Salman auch Frauen zugestandenen - Führerschein machen, aber ihr Vater entscheidet, das müsse ihr Munas zukünftiger Ehemann erlauben. Munas Vater hat ihr die Arbeit als Grafikdesignerin und als Assistentin eines Professors verboten, auch ihren nur bis Ende des Jahres gültigen Reisepass will er nicht verlängern lassen. Oft zeigen Munas Bilder die Gitter vor Fenstern oder in der Mauerlücke des elterlichen Hofs, aber auch was sie sagt – teils verheult und todtraurig, teils trotzig und entschlossen – skizziert Blicke aus dem Käfig. Ausbrechen und aus dem Land fliegen will Muna während ihrer bevorstehenden Hochzeitsreise nach Abu Dhabi.

Emotionale Innenansichten eines repressiven Systems. Erstaunliche erzählerische Wucht gewinnt das, weil es sich die Frau im Mittelpunkt ihrer eigenen Geschichte nicht leicht macht. Zweifel begleiten sie bis zum Schluss, auch während ihrer arrangierten Traumhochzeit mit einem (noch?) liebevollen Mann und bis sie nachts heimlich zum Flughafen Abu Dhabi flieht. „Saudi Runaway“ ist so nicht nur eine brisante, sondern auch berührende und spannende Geschichte und ein sehr klarer und konkreter Appell.