„Wir duzen uns doch“, sagt Ursula Cezanne, „beim Film duzen wir uns alle. Ich bin die Uschi.“ „Die Uschi“ ist 79 Jahre alt und sitzt im Wohnzimmer der 85-jährigen Evelyn Gundlach in Lichterfelde. Die Frauen sind seit vielen Jahren Rentnerinnen, aber noch sehr aktiv und voller Elan.

Sie spielen in Filmen mit, haben Auftritte in der Schaubühne, der Komischen Oper, machen Werbung für die Sparkasse oder Pastillen und erreichen mit Shows wie „Oma schaut Musik“ auf dem Videoportal YouTube beachtliche Klickzahlen. Sie sagen Jutjuub, mit Betonung auf der hinteren Silbe. Es gibt Kaffee und Kuchen. Auf dem Tisch liegen ihre Smartphones. Evelyn bittet darum, sich vom Kuchen selbst zu nehmen. „Unsere Hände zittern doch so ein bisschen.“

Wie habt ihr euch kennengelernt?

Evelyn Gundlach: Wir haben in der Komischen Oper ein Casting zusammen gehabt, beim„Freischütz“.

Ursula Cezanne: Evelyn hat die Rolle gekriegt, und ich war Neese.

Evelyn: Wir mussten über die Bühne gehen und uns mit einem Baum unterhalten. Ich habe das so intensiv gemacht, dass die Leute dachten, der Baum antwortet.

Ursula: Ich bin zu schnell gelaufen.

Evelyn: Und nach dem Casting sage ich zu ihr, wo wohnste denn?

Ursula: Lichterfelde.

Evelyn: Und ich sage: Da wohne ich auch.

Ursula: Dann sind wir zusammen nach Hause gefahren und haben Telefonnummern ausgetauscht.

Wusstet ihr da schon, wer die Rolle bekommt?

Evelyn: Mir wurde es sofort gesagt.

Ursula: Mir nicht. Casting ist Käse.

Evelyn: Manchmal rennt man 40 Mal zum Casting, bevor man eine Rolle kriegt.

Ursula: Das nächste Mal haben wir uns bei „Iphigenie auf Tauris“ gesehen. Zum Anfang war ich nur Ersatz und musste am Bühnenrand sitzen. Drei Tage vor der Premiere haben sie mich dann reingeholt. Ich hab gesagt, ich kann das nicht. Die haben gesagt: Macht nichts. Dann habe ich mir Tag und Nacht die CD angehört. Meine Tochter konnte die Musik schon nicht mehr hören.

Evelyn: Das muss alles auf den Punkt stimmen.

Ursula: Ich sitze da fast ’ne Stunde auf der Bühne, und die Iphigenie schlachtet ihre Männer ab. Auf einmal ging es los, mein Bein hat gezittert, mir liefen die Tränen übers Gesicht. Weil die so gemordet hat. Da hab ich einen Moralischen gekriegt.

Evelyn: Das geht ja schon damit los, dass einer verkehrtrum auf der Bühne hängt.

Ursula: Ich dachte, die schmeißen mich raus. Ich musste die ganze Zeit mein Bein runterdrücken.

Evelyn: Beim Film rennt man einmal durchs Bild, und dann hat sich das. Aber beim Theater geht man richtig mit. Ich hab bei „Cedrillon“ geheult. Aschenputtel will sich ja das Leben nehmen, mit Tabletten, und ich puste Glücksstaub zu ihr. In dem Moment, als sie die Hand aufdreht und die Tabletten fallen lässt, muss ich heulen. Jedes Mal, ob bei der Probe oder bei der Aufführung. Die hat ja auch so große Augen! Wir haben beide geheult. Ich habe gesagt, am liebsten würde ich sie in den Arm nehmen. Der Regisseur hat gesagt, dann soll ich das machen.

Ursula: Ich habe auf dem Friedhof geheult. Wir sollten für ein Musikvideo ein lesbisches Paar spielen. Evelyn sollte sterben und ich mich aufs Grab werfen und die Erde streicheln. Ich dachte, du bist wirklich tot.

In diesem Musikvideo gibt es auch eine Szene, in der ihr euch küsst.

Evelyn: Ja, ja.

Ursula: Da hat sie gezickt.

Evelyn: Heiratest du mich doch nicht?

Ursula: Na, wenn du dich bei jedem Kuss so anstellst! Nee, im Ernst: Das war schwierig. Aber wir haben es überlebt.

Habt ihr schon mal gesagt, das geht zu weit, das machen wir nicht?

Evelyn: Für das Musikvideo sollten wir ja auch oben ohne zusammen im Bett liegen, da habe ich gesagt, nee, also irgendwo hat das eine Grenze. Im Theater geht so was. Da spiele ich mich nicht selber. Das ist eine Rolle. Bei „Iphigenie“ mussten wir ja auch alle oben ohne sein. Das ging.

Ursula: Da war ich das erste Mal nackend auf der Bühne. Eine und ’ne dreiviertel Stunde. Du gehst bis zur Bühne im Bademantel. Und wenn du von der Bühne runterkommst, kriegst du den gleich wieder an.

In der Schaubühne bei Rainald Grebes „Westberlin“-Programm tanzt du, Evelyn, mit Grebe, langsam und eng. Wie war das?

Evelyn: Ach, das war schön. Ich sollte ja erst mit einem anderen der Darsteller tanzen, dem Martin, der hat gesagt, er kann nicht tanzen. Dann hat Rainald gesagt, ich auch nicht, aber ich mach das. Und ich hab gesagt: Na jut, dann ist mir das auch egal.

Ursula: Ich war auch in der Schaubühne, im Nonnenchor bei „Ödipus der Tyrann“. Ich musste Latein singen und hab den Text gar nicht richtig verstanden. Ich wollte schon aufhören, hab aber gedacht, bis sie dich rausschmeißen machste mit.

Was verdient ihr bei solchen Auftritten?

Evelyn: In der Schaubühne gibt’s 100 Euro pro Auftritt. Da bin ich aber auch die ganze Zeit auf der Bühne. Wenn du nur zwei Minuten Auftritt hast, kriegste 28 Euro. Dafür kannste auch gleich nach Hause gehen.

Ursula: Wir verdienen schlecht.

Evelyn: Bei Proben.

Ursula: Ich hab mal für einen Nacktauftritt 129 Euro bekommen. Und für die Fisherman’s-Friends-Werbung 600. Brutto.

Wie ging das bei euch mit der Schauspielerei los?

Evelyn: Ich komme aus einer Kürschnerei in der Bundesallee. Saisonbetrieb. Im Winter lief es, im Sommer warste arbeitslos. Und langsam ging es dann auch im Winter bergab. Weil die Pelzkragen auf einmal im Ausland gemacht wurden.

Ursula: Und dann kamen die Grünen.

Evelyn: 1982 hat mein Chef den Laden abgemeldet, und ich bin Frührentnerin geworden, hab zu Hause gesessen und gedacht, da muss noch was kommen. In der Zeitung habe ich gelesen: „Komparsen gesucht“ und mich bei einer Agentur angemeldet. Da bin ich heute noch. ID-Nummer 255. Meine erste Rolle war mit Harald Juhnke und Günter Pfitzmann. Juhnke hatte gerade ’nen Entzug hinter sich. Er war noch nicht ganz bei sich.

Ursula: Bei mir ging’s nach der Scheidung los. Mein Mann war Professor, ich habe ihn abgöttisch geliebt. Und von einem Tag auf den anderen war Schluss. Er hatte sich in seine Assistentin verliebt. Sie war 24, er 58. Die Scheidung war fürchterlich. Ich hatte nicht einmal eine Krankenversicherung, er war ja Beamter, ich war über ihn mitversichert gewesen. Ich kann gar nicht sagen, in was für ein Loch ich gefallen bin.

Du hast nicht gearbeitet?

Ursula: In der zweiten Ehe nicht. Davor war ich Fleischerin in der Marheineke-Halle. Nachts um drei aufstehen, auf den Großmarkt fahren, Schweine einkaufen, den ganzen Tag auf dem Markt stehen und abends noch in die Rauchküche. Einmal in diesen 23 Jahren habe ich Urlaub gemacht. Und dazu noch meine behinderte Tochter gepflegt. So wollte ich nie wieder leben. Mit meinem Mann war es schön. Wir hatten eine große Wohnung in meinem Elternhaus in Lichterfelde. Ganz bürgerlich und solide. Ich hatte keine Sorgen und einen sehr fleißigen Mann. Ich habe ihn wirklich sehr geliebt.

Evelyn, du warst auch verheiratet und hattest drei Kinder? Wie war dein Leben damals?

Evelyn: Beschissen, wenn du mich so direkt fragst. Mein Leben war eigentlich immer beschissen. Meine Eltern haben sich scheiden lassen, da war ich ein dreiviertel Jahr alt, erst war ich im Kinderheim, dann im Internat. Nach Kriegsende hat mich meine Mutter zu sich genommen, aber mit ihrem zweiten Mann ging das nicht. Der ist mir an die Wäsche gegangen. Also bin ich zu meinem Vater, der wollte mich auch nicht. Der hat gesagt, ein Kind aus einer geschiedenen Ehe beschmutzt den Namen. So war das damals.

Ursula: Bis 1977 durften Frauen ja auch nicht arbeiten, wenn der Mann das nicht wollte.

Evelyn: Als ich volljährig war, hat mich mein Vater nach Westdeutschland zum Bauern geschickt. Ich hab gesagt, du kannst mich mal gerne haben und hab mir Arbeit gesucht in einer Kürschnerei in einem Dorf bei Bielefeld. Da habe ich meinen Mann getroffen. Der hat sich später als Alkoholiker rausgestellt. Ich habe heute noch Narben.

Ursula: Er hat dich geschlagen.

Evelyn: Ja, ja, ja. Und mit Flaschen rumgeschmissen. Deswegen habe ich mich scheiden lassen. Hört sich doof an, aber von dem Tag an, als ich mein Leben selber in die Hand nahm, war alles anders. Das ist mein zweites Leben, sage ich immer. So schlecht es mir in meinem ersten Leben gegangen ist, so gut geht es mir jetzt.

Ursula: Wir gehen nicht ins Altersheim!

Evelyn: Wo ich überall war! Wen ich alles kennengelernt habe!

Ursula: Schon allein die Feiern in der Komischen Oper!

Evelyn: Wir haben mit Pur gesungen.

Ursula: In Köln bei „Rock statt Rente“.

Evelyn: Das muss man sich mal überlegen. In unserem Alter! Ich sag immer: Kneif mich doch mal!

Ursula: Ich sitze nachts auf dem Bett und denke, das ist doch alles nur ein Traum. Man sieht auch besser aus. Du hättest mich früher mal sehen sollen! Wie eine alte Frau! Es gibt einen Film mit Hannelore Elsner. Sie ist mit einem Professor verheiratet, kümmert sich um alles, richtet Feste aus, aber jeder himmelt immer nur ihn an. So war das auch bei mir. Nach der Scheidung stand das Telefon plötzlich still. Ich hab gemerkt, die Leute, die ich für meine Freunde hielt, haben gar nicht mich gemeint.

Evelyn: Ist schwierig mit Freunden. Ich musste mich von einer Freundin trennen. Du mit deinem Handy!, hat sie immer gesagt. Ich sage, ich brauche das, damit verdiene ich mein Geld. Ich hab nicht so viel Rente wie du. Für die fängt Berlin am Botanischen Garten an und hört am Walther-Schreiber-Platz auf. Sie geht einkaufen in die Schlossstraße und sitzt sonst den ganzen Tag zu Hause.

Wie alt ist sie?

Evelyn: 15 Jahre jünger als ich, gerade 70 geworden. Sie war mal bei Kaiser’s Verkäuferin. Wenn sie in einen Laden geht, sagt sie immer: Na, zu meiner Zeit hätte das aber nicht so aussehen dürfen. Da krieg ich so einen Hals. Das sind so Kleinigkeiten. Das nervt. Und neulich habe ich gesagt, das mach ich nicht mehr.

Ursula: Vor einem Dreh fahre ich zwei Stunden eher los und gehe schön essen. Das ist so meine Mußestunde. Ich bereite mich vor und lasse es mir gut gehen.

Evelyn: Wenn ich die Leute in der S-Bahn sehe mit ihren hängenden Gesichtern, frage ich mich, was mit denen los ist. Das Leben ist kein Zuckerschlecken, aber es hat so schöne Facetten, und irgendwo ist für jeden was dabei. Man muss nur die Augen aufmachen und das erkennen.

Ursula: Neulich ist mein Drucker ausgefallen. Ich hab die Patronen ausgewechselt und war so stolz, das geschafft zu haben. Nach der Scheidung konnte ich nichts. Nicht mal einen Scheck lesen. Auch nicht mehr Autofahren. Ich habe mir nachts den Wecker gestellt und bin mit Thermoskanne losgefahren. Damit ich wieder ein Gefühl fürs Fahren bekomme. Im Auto konnte ich auch weinen und schreien. Das hat gut getan. Später bin ich zur Volkshochschule, habe viermal den Anfänger-Kurs im Computerschreiben belegt. Uhu trifft Maus. Dass ich ein Smartphone habe, habe ich Evelyn zu verdanken. Als wir uns kennengelernt haben, hat sie gesagt: „Was, du hast kein Smartphone? Kauf dir so ein Ding!“

Würdet ihr euer Verhältnis als Freundschaft oder eher als Arbeitsbeziehung bezeichnen?

Ursula: Arbeitsbeziehung.

Evelyn: Freundschaft.

Ursula: Ich kann aber keine Freundschaft pflegen, weil ich keine Zeit habe.

Evelyn: Du rufst aber an und sagst: Wollen wir nicht Kaffee trinken.

Ursula: Ja, sowas machen wir.

Evelyn: Als ich Geburtstag hatte, waren wir in Treptow bei „Zenner“.

Ursula: Stimmt. Aber ich bin so eingebunden mit meiner Tochter. Sie ist 53 und mongoloid, sie geht zwar arbeiten und wohnt alleine, aber für mich ist das wie ein zweiter Haushalt. Und mein Bruder ist 83 und pflegebedürftig.

Evelyn: Ich bewundere, wie du das hinkriegst. Du jammerst nicht, bist immer fröhlich und jeder mag dich.

Ursula: Das Gute an Evelyn ist, sie ist nicht beleidigt, wenn ich mal nicht kann.

Evelyn: Kann ich ja nicht sein.

Ursula: Viele sagen, gib doch deine Tochter ins Heim. Will ich aber nicht, auch wenn es schwerer wird. Ich habe Osteoporose und oft Schmerzen. Aber Evelyn animiert mich, mich nicht hängenzulassen.

Du bist gesund, Evelyn?

Evelyn: Ach, das wäre schön. Ich habe auch Osteoporose, ein künstliches Knie, drei Bandscheibenvorfälle. Und ich hatte vor zwei Jahren einen Infarkt im Ohr. Da war das Gleichgewicht weg. Ich bin immer zur Seite gefallen.

Ursula: Sie wollte einen elektrischen Rollstuhl. Ich hab gesagt, das kommt überhaupt nicht in Frage. Wenn du einmal im Rollstuhl sitzt, kommst du nie wieder raus.

Evelyn: Ich bin immer mit dem Rollator den Gang hoch und runter, hab mir gesagt: Ich muss. Es wird ja nicht besser, wenn ich zu Hause sitze. Ich meine, ist nicht hässlich hier. Aber ich will noch was erleben.

Wenn ihr noch mal jung wärt, wie würdet ihr dann leben?

Evelyn: Ich würde mir keine Kinder mehr anschaffen. Ich habe drei Mädels. Es ist die Hölle. Die eine spricht mit der nicht, die andere mit der.

Ursula: Bildschöne Töchter.

Evelyn: Die Jüngste war mit einem Millionär verheiratet, der eine Spedition hat. Die Ehe ist auseinandergegangen. Dann hat sie einen Opernsänger geheiratet. Auch auseinandergegangen. Sie hat zwei Kinder und arbeitet in einem Kaufhaus in der Taschenabteilung. Die mittlere hat ein Riesenhaus, war mit einem Autoverkäufer verheiratet. Bräuchte nicht arbeiten, arbeitet aber trotzdem. Die Älteste ist 63. Das ist ein Kapitel für sich. Sie wohnt gleich hier um die Ecke, aber ich weiß gar nichts von ihr.

Ursula: Wenn ich noch mal jung wäre, würde ich lernen, was das Zeug hält. Als mein Mann weg war, war ich das erste Mal in einer Bibliothek. Die jungen Leute saßen mit ihren Büchern an Tischen, mit Lampen, es war warm, die hatten Zeit. Ich habe geweint. Mir kommen jetzt noch die Tränen. Ich habe mein Leben lang nur geackert. In der Fleischerei, für mein krankes Kind.

Evelyn: Man muss sich durchkämpfen. Wenn du nicht aufpasst, verlierst du den Anschluss. Ich habe Angst, den Anschluss zu verlieren.

Ursula: Frauen sind lange genug von ihren Ehemännern unterdrückt worden.

Evelyn: Richtig.

Ursula: Wir haben das Tagebuch einer Freundin gefunden nach ihrem Tod. Die hatte nicht mal eigenes Geld. Das ist die Generation. Wir haben Glück, wir sind robust.

Evelyn: Wenn meine Mutter mich heute so sehen würde, würde sie sagen, du bist nicht mein Kind. Sie hat immer gesagt, du taugst nichts. Ich hatte 24 Fehler im Diktat und gerate heute noch in Panik, wenn ich was schreibe. Aber ich habe mir gesagt, es kann nicht sein, dass du immer die Doofe bist. Mein ganzes Leben lang: doof.

Ursula: Ich auch. Bin weder tanzen gegangen noch gereist. Habe nichts gemacht. Jetzt ist mein Leben! Jetzt!

Spielen Männer in eurem Leben noch eine Rolle?

Ursula: Wie buchstabiert man das?

Evelyn: Männer würden zu uns sagen: Seid ihr größenwahnsinnig?

Ursula: Wir wissen zu viel, sind zu selbstständig. Früher habe ich für meinen Mann die Hemden gebügelt, heute bügele ich nur für mich. Ich will auch keine Unterhosen für einen Mann waschen, will ich nicht mehr.

Evelyn: Ein Mann fragt: Wann kommst du wieder? Muss das denn sein?

Ursula: Wenn ich mir eine neue Bluse kaufe, sagt kein Mensch was.

Evelyn: Wir sind nicht beziehungsfähig.

Ursula: Die Männer aus unserer Generation gucken doch auch gar nicht mehr.

Evelyn: Neulich auf YouTube habe ich einen gesehen und gedacht, den würde ich nicht von der Bettkante stoßen.

Ursula: Auch wenn man seit zwanzig Jahren keinen Mann hatte, hört das ja nicht auf, dass man Gefühle hat. Es ist ja da. Nur stillgelegt. Das Alter kommt natürlich hinzu. Die Hormone lassen nach.

Evelyn: Meine Hormone sind noch in Ordnung.

Ursula: Neulich habe ich mit einem gedreht, der war so süß. Aber leider schwul.

Evelyn: Am Theater ist ja kaum einer nicht schwul. Ganz nette, entzückende Männer.

Ursula: Die mögen uns.

Evelyn: Der Jürgen von der Komischen Oper, der auch ’ne Travestieshow hat, hat mir neulich auch gesagt, dass Männer Angst vor selbstbewussten Frauen wie uns haben. Die wollen Mütterchen, die Ja und Amen sagen.

Ursula: Wenn du alt und reich wärst, wäre das was anderes.

Evelyn: Meinst du?

Ursula: Ja, wenn du Geld hast, dann tanzen die Männer um dich herum.

Evelyn: Gott sei Dank, dass ich keins hab.

Das Gespräch führte Anja Reich.